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07.01.2015

17:37 Uhr

Kommentar zum Anschlag auf „Charlie Hebdo“

Mein Gott!

VonOliver Stock

Der Anschlag von Paris ist eine Sache der Polizei und nicht der Politik. Die Politik und wir alle können unbequeme Fragen allerdings nicht mehr einfach ignorieren.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Unter dem Banner einer radikal missbrauchten Religion werden in einer europäischen Hauptstadt Menschen ermordet, die es gewagt haben, mit Stift und Hirn eben diesen Radikalen den Spiegel vorzuhalten. Die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mit Hilfe der Satire Dinge zu überspitzen, um ihren Kern freizulegen.

Die mit der Waffe des Witzes uns immer wieder gezeigt haben, dass es auch einen anderen als einen angsterfüllten Umgang mit Andersdenkenden gibt. Doch Humor gegen Handgranaten, Karikatur gegen Kalaschnikows, Satire gegen Sadisten – das funktioniert nur in einer intellektuellen Welt. Auf der Straße unterliegt der Schlagfertige dem Schläger.

Also rüsten auch wir zum Kreuzzug. Also verteidigen auch wir unsere Werte wie Freiheit und Demokratie mit aller Kraft.  Also – auf in den Kampf für Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und die Rettung des Abendlandes?

Nein. Stopp. So nicht. Wir würden alles, was uns wichtig ist, verraten, wenn wir jetzt nicht besonnen blieben. Lassen wir die Polizei und den Staatsanwalt die Mörder dingfest machen. Und während die Staatsgewalt ihre Arbeit erledigt, können wir eine Diskussion darüber führen, was eigentlich diese Mörder im Namen Allahs bezwecken wollen und wie wir uns ihrer erwehren.

In dieser Diskussion brennen uns Fragen auf den Nägeln, die wir lange ignoriert haben, weil sie nicht in unser Weltbild passen. Zum Beispiel die, ob der Islamismus von heute vergleichbar ist mit dem Faschismus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Anschläge von Islamisten in Frankreich

Dezember 2014

Polizisten erschießen im zentralfranzösischen Joué-lès-Tours einen Mann, der mit „Allahu Akbar“-Rufen („Gott ist groß“) in ein Kommissariat stürmt und mit einem Messer drei Polizisten verletzt. Die Ermittler gehen von einer radikalislamisch motivierten Tat aus. Der Überfall erinnere an Taten, zu denen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aufrufe.

Oktober 2012

Bei einem Anti-Terroreinsatz in mehreren französischen Städten erschießt die Polizei den 33-jährigen Dschihadisten Jeremy Sidney in Straßburg und nimmt elf weitere mutmaßliche Islamisten fest. Sidney und seine Kumpane werden für einen Anschlag auf ein jüdisches Geschäft verantwortlich gemacht.

März 2012

Der Attentäter Mohamed Merah erschießt in einer Mordserie insgesamt sieben Menschen. Unter ihnen waren drei Kinder und ein Lehrer einer jüdischen Schule. Augenzeugen berichten, der Täter habe mit einer Minikamera gefilmt und sei geflohen. Bevor der Mann nach rund 32-stündiger Polizeibelagerung seiner Wohnung bei einer Schießerei getötet wurde, hatte er sich als Al-Kaida-Anhänger und Mudschaheddin (Gotteskrieger) bezeichnet.

November 2011

Unbekannte verüben einen Brandanschlag auf die Redaktion des französischen Satireblattes „Charlie Hebdo“. Es brachte am gleichen Tag ein Sonderheft zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien heraus und hatte sich dazu in „Scharia Hebdo“ umbenannt. Als Chefredakteur war „Mohammed“ benannt worden. Das Magazin hatte 2006 die umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus Dänemark nachgedruckt und bereits in dem Zusammenhang Drohungen und eine Klage erhalten.

Oder zum Beispiel, wie weit unsere Weltoffenheit gehen kann, wenn wir dadurch zum Ziel für grausame Attentäter werden. Oder zum Beispiel auch die, wie weit unser Verständnis für andere Kulturen eigentlich reichen soll, wenn dadurch unsere eigene Weltanschauung beschnitten wird.

So was muss nicht im Luftreich der Gedanken stattfinden, sondern es gibt ganz konkrete große und kleine Fragen: Darf eine Stewardess eine Kette mit einem Kreuz um den Hals tragen oder verletzt sie damit, wie mancher Arbeitgeber meint, die Gefühle religiöser Kunden?

Wenn wir diese Diskussionen nicht führen, entstehen Bewegungen wie die der 18.000 Menschen, die sich in Dresden auf die Straße begeben und gegen eine Islamisierung des Abendlandes protestieren, die es gar nicht gibt.

Wenn wir die Diskussion nicht führen, wird es immer mehr Menschen geben, die nicht unterscheiden wollen zwischen dem Kampf der Staatsgewalt gegen Islamisten und einer allgemeinen Ausländerfeindlichkeit. Pegida wird weiteren Zulauf haben.

Es entstehen Parteien wie möglicherweise die AfD in Deutschland, wie die Freiheitlichen in Österreich oder der Front National in Frankreich, die die Sprachlosigkeit mit dumpfen Parolen ausfüllen und damit genau in jene Falle laufen, die uns die Terroristen stellen.

Es hilft also alles nichts: Wir müssen reden. Und zwar nicht mit den Terroristen, sehr wohl aber untereinander.

Kommentare (42)

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Herr Peter Delli

07.01.2015, 17:51 Uhr

Mein Gott!
Welche Überschrift, unschlagbar.

Herr Horst Meiller

07.01.2015, 18:03 Uhr

Falsche Antwort!
"Je suis Charlie!" wäre richtig gewesen!

Herr zahlender bürger

07.01.2015, 18:05 Uhr

Rolle zurück Herr Stock? Ihr Titel ist politisch unkorrekt, er könnte Nicht-Christen beleidigen.

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