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24.05.2012

11:59 Uhr

Kommentar zum Ifo-Absturz

Die Achterbahnfahrt geht weiter

VonHans Christian Müller-Dröge

Die deutsche Wirtschaft unterliegt derzeit extremen Schwankungen. Schuld daran ist die Angst um die Zukunft Europas. Sie lässt die Unternehmen mit Investitionen zögern.

Eine Achterbahn im Movie-Park in Bottrop. dpa

Eine Achterbahn im Movie-Park in Bottrop.

Nun ist es also passiert: Die beiden wichtigsten Frühindikatoren für die deutsche Konjunktur sind deutlich abgeschmiert. Das zweite Quartal dürfte für die deutsche Wirtschaft somit ungemütlich werden – nachdem sich das erste, jüngst von den Statistikern abgerechnete, noch so überraschend stark war. Doch jetzt, im Mai, ist der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts deutlich auf einen Wert von 106,9 gefallen. Und auch der Einkaufsmanagerindex, den die Londoner Unternehmensberatung Markit herausgibt, sackte weiter ab. Dieses Mal allerdings erstmals unter die Marke von 50, die – wie man so schön sagt – psychologisch wichtig ist, zeigt sie doch an, ob die Geschäfte der Befragten grundsätzlich wachsen oder schrumpfen.

Eigentlich hatten Konjunkturexperten die umgekehrte Reihenfolge vorausgesagt: Erstes Quartal noch mau, zweites Quartal super. Nun kommt es wohl andersherum. Mit Wetten auf die Konjunktur lässt sich gerade kaum Geld verdienen - die deutsche Wirtschaft bereitet den Volkswirten mit ihren Computer-Simulationen zurzeit arge Probleme. Denn sie folgt einfach nicht mehr den alten Wegen. Eine Runde Ebbe und Flut, also ein Zyklus aus Ab- und Aufschwung, dauert normalerweise rund fünf Jahre – doch jetzt springt die Konjunktur quartalsweise hin und her.

Die größten Risiken für die deutsche Wirtschaft

Deutschland in der Wirtschaftskrise

Aus dem Schneider ist Europas größte Volkswirtschaft noch nicht, auch wenn sie mit einem kräftigen Wachstum im ersten Quartal eine Rezession verhindern konnte. Im Gegenteil: Die Risiken ballen sich wie selten zuvor - vor allem von außen droht jede Menge Ungemach.

Schuldenkrise

„Das größte Abwärtsrisiko für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland geht nach wie vor von der Schulden- und Vertrauenskrise im Euroraum aus, die im Kern noch nicht gelöst ist“, warnen führende Institute in ihrem Gutachten für die Bundesregierung. Schon jetzt lastet die Krise auf der exportabhängigen Wirtschaft: Die Ausfuhren in die Euro-Zone schrumpften im März um 3,6 Prozent, weil Krisenländer wie Spanien und Griechenland wegen der Rezession ihre Importe einschränken. Da 40 Prozent der Ausfuhren in die Währungsunion gehen, spürt Deutschland die Schwäche der Nachbarn deutlich.

Jede Zuspitzung der Schuldenkrise sorgt für Wirbel an den Finanzmärkten. Kann sich ein großes Euro-Land wie Spanien nicht mehr am Kapitalmarkt finanzieren und flüchtet unter die Rettungsschirme EFSF und ESM, würde das einen erneuten Vertrauensverlust auslösen. Unternehmen würden weniger investieren, Verbraucher größere Anschaffungen scheuen. Der Bund ist mit der Beteiligung an den Rettungspaketen enorme Risiken eingegangen. „Im Zuge der Rettungspakete summieren sich die Zusagen auf rund 80 Milliarden Euro“, so die Institute.

Kann etwa Griechenland das Geld nicht zurückzahlen, belastet das den deutschen Staatshaushalt. Eine Herabstufung durch die Ratingagenturen droht dann, was höhere Zinsen zur Folge hätte. Der Spardruck würde steigen, Hauhaltslöcher müssten mit höheren Steuern und Ausgabenkürzungen gestopft werden. Beides würde die Konjunktur belasten.

Inflation

Seit mehr als einem Jahr hält sich die Teuerungsrate in Deutschland über der Marke von zwei Prozent, bis zu der die Europäische Zentralbank (EZB) von stabilen Preisen spricht. Manche Experten befürchten, dass die Preise künftig deutlich schneller steigen könnten - um vier bis fünf Prozent. Das würde die Kaufkraft der Verbraucher erheblich einschränken.

Grund für die Inflationsgefahr: Wegen der guten Konjunktur haben die Arbeitnehmer kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt. Den Unternehmen fällt es angesichts der guten Beschäftigungslage leichter, steigende Lohnkosten an die Verbraucher weiterzureichen - sprich: die Preise für Waren und Dienstleistungen anzuheben. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln. Bei ersten Anzeichen dafür müsste die EZB ihre Zinsen anheben, um Konsum und Investitionen zu drosseln, was die Nachfrage dämpfen und den Preisauftrieb dämpfen könnte. Aus Rücksicht auf die Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird sie ihren Leitzins aber vorerst wohl auf dem Rekordtief von einem Prozent belassen.

Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der EZB aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen. „Noch bleibt die zusätzliche Liquidität erst einmal im Finanzsektor“, sagt Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. „Doch wenn die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal steigt, kann das sehr schnell in Inflation münden.“

Immobilienblase

Die Preise für deutsche Wohnimmobilien steigen immer schneller. 2011 legten sie mit 5,5 Prozent mehr als doppelt so stark zu wie 2010 mit 2,5 Prozent. „Erstmals seit dem Wiedervereinigungsboom Anfang der neunziger Jahre ist hierzulande somit ein konjunktureller Aufschwung wieder mit einer markanten Preisreaktion auf den Häusermärkten verbunden“, stellt die Bundesbank fest. Niedrige Bauzinsen und die Angst vor Inflation verlocken immer mehr Deutsche dazu, in Immobilien zu investieren. „Wenn das jahrelang so weitergeht mit den extrem niedrigen Zinsen, besteht das Risiko einer Immobilienpreisblase in Deutschland“, warnt der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide. Die hat es in Spanien gegeben, ihr Platzen hat eine schwere Rezession ausgelöst. „So etwas ist für Deutschland auch nicht ausgeschlossen“, sagt Scheide.

China

China wird nach Prognose des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in diesem Jahr zum zweitwichtigsten Kunden der deutschen Exportwirtschaft aufsteigen - nach Frankreich, aber noch vor den USA. Für viele Unternehmen ist die Volksrepublik schon jetzt der wichtigste Absatzmarkt, beispielsweise für die Autobauer Volkswagen, Audi und Porsche. Bekommt China einen Husten, wird auch die deutsche Wirtschaft krank. Erste Warnsignale gibt es bereits: Die chinesischen Importe stagnierten im April. „Das ist Besorgnis erregend“, sagte Ökonom Alistair Thornton von IHS Global Insight in Peking. „Das deutet auf eine echte Schwäche der Binnenwirtschaft hin.“ Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wird einer Reuters-Umfrage unter Ökonomen zufolge in diesem Jahr um 8,2 Prozent wachsen. Das wäre das kleinste Plus seit einem Jahrzehnt. Die hohen Schulden der Kommunen, eine Immobilienblase und eine anziehende Inflation könnten das Wachstum aber noch kleiner ausfallen lassen.

Schuld daran ist die unübersichtliche Lage, in der sich die deutsche Wirtschaft befindet – es gibt quasi Licht und Schatten gleichzeitig. Einerseits ist da der nach wie vor gigantische Hunger nach deutschem Know-How, nach unseren Maschinen und Autos, vor allem in den Schwellenländern und den USA. Das sorgt für Vertrauen und lässt die Exportwirtschaft rotieren, wie jüngste Zahlen der Statistiker zeigen: Deutschland verkauft so viel wie nie ins Ausland, davon immer mehr nach Übersee.

Ifo-Geschäftsklimaindex: Euro-Krise verdirbt der deutschen Wirtschaft die Laune

Ifo-Geschäftsklimaindex

Euro-Krise verdirbt Wirtschaft die Laune

Die Stimmung in den deutschen Unternehmen trübt sich unerwartet deutlich ein.

Andererseits ist da die Eurokrise – die nicht nur in den Krisenstaaten die Konjunktur herunterzieht, sondern mehr und mehr auch bei den früher so starken Euro-Partnern wie Frankreich und den Niederlanden. Deutschland steht zwar weiter wie ein Leuchtturm in einem tosenden Meer, doch ganz abkoppeln können wir uns nicht - zumal die deutschen Konsumenten trotz guter Lohnentwicklung kaum öfter einkaufen gehen als vorher. Die Unsicherheit über die Zukunft Europas macht auch die deutschen Firmen ängstlich – im Inland investieren sie immer weniger.

Was folgt daraus? Erst einmal dürfte es mit dem Hin-und-Her-Springen der Konjunktur weitergehen. Dass die schlechten Index-Zahlen von heute auch nur eine Momentaufnahme und kein neuer Trend sein könnten – darauf deuten die Details der Umfragen von Markit und Ifo: Die Meinung der Befragten zur zweiten Jahreshälfte ist nämlich weit weniger schlecht als die zur aktuellen Lage – und im Langzeitvergleich sogar gut. Das heißt: Im Spätsommer könnte es wieder aufwärts gehen. Die Wachstumskurven 2012 – sie werden erratisch bleiben.

Miese Stimmung bei den Managern

Video: Miese Stimmung bei den Managern

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