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13.12.2013

20:57 Uhr

Kommentar zum Kabinett

Der gezähmte Sigmar Gabriel

VonOliver Stock

Im neuen Kabinett wird Sigmar Gabriel eine zentrale Rolle spielen. Doch als Superminister liefert sich der SPD-Chef auf Gedeih und Verderb der Kanzlerin aus. Die Basis müsste entsetzt sein.

Geht gestärkt aus dem Ringen um eine Große Koalition hervor: Sigmar Gabriel. dpa

Geht gestärkt aus dem Ringen um eine Große Koalition hervor: Sigmar Gabriel.

DüsseldorfEben ist Berlins bestgehütetes Geheimnis rausgebröselt: die Ministerliste der SPD. Noch bevor die Partei weiß, ob ihre Mitglieder sie überhaupt in einer Koalition mit der Union an der Regierung sehen wollen, kommt heraus, mit wem sich die Partei das Regieren vorstellt. Da wird das Fell des Bären verteilt, bevor er erlegt ist.

Warum trauten sich Gabriel und  Co. nicht vorher, ihren Genossen nicht nur mitzuteilen, worüber sie abstimmen, sondern auch über wen sie abstimmen?  Vermutlich trieb sie die Sorge, dass die Diskussion um die Postenverteilung die Debatte über die Inhalte des Koalitionsvertrags übertüncht hätte.

Tatsächlich setzt genau diese Diskussion jetzt umso vehementer ein. Sie entzündet sich am mächtigsten Mann der SPD: eben Sigmar Gabriel. Seine Macht war nicht groß genug, um der Kanzlerin den wichtigsten Posten abzutrotzen: den des Finanzministers. Wer auf der Kasse sitzt, hat das Sagen. Und da darf das Tandem aus Angela Merkel und Wolfgang Schäuble weiter seine Bahnen ziehen.

Die SPD-Minister in der Großen Koalition

Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel (54): Wirtschafts- und Energieminister

2009 wurde er jüngster Parteichef seit Willy Brandt. Der gelernte Lehrer war zudem mit 40 Jahren in Niedersachsen jüngster deutscher Ministerpräsident (1999-2003). Von 2005 bis 2009 erwarb er sich als Bundesumweltminister Ansehen und Expertise im Bereich erneuerbare Energien. Ein politisches Naturtalent und begabter Redner, der aber auch als launisch gilt. Kommt aus sogenannten schwierigen Verhältnissen, das hat ihn tief geprägt. Der Vater war überzeugter Nazi, Gabriel musste gegen seinen Willen nach der Trennung der Eltern zeitweise beim Vater leben. Lebt mit seiner zweiten Frau, einen Zahnärztin, und seiner kleinen Tochter in Goslar.

Frank-Walter Steinmeier

Frank-Walter Steinmeier (57): Außenminister

Kanzleramtschef zu rot-grünen Zeiten, strickte für Gerhard Schröder an der „Agenda 2010“ mit. Dann wurde der Jurist geachteter Außenminister (2005 bis 2009). Er ist stets exzellent vorbereitet, bürgernah, humorvoll. Seitdem der Westfale und Schalke-04-Fan in Brandenburg seinen Wahlkreis hat, ist die Region seine zweite Heimat geworden. Bei der Bundestagswahl gewann er das einzige Direktmandat der SPD im Osten. Steinmeier ist verheiratet mit einer Verwaltungsrichterin, der er eine Niere spendete, beide haben eine Tochter.

Heiko Maas

Heiko Maas (47): Justizminister

Der ehemalige Zögling des früheren SPD-Chefs Oskar Lafontaine ist die größte Überraschung bei der Neuverteilung der Posten auf SPD-Seite. Bislang war der Marathonläufer und Triathlet in der Landespolitik aktiv - seit anderthalb Jahren auch mit Erfahrung in einer großen Koalition. Seit Mai 2012 ist er Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister. Zuvor war er an der Saar schon einmal Umweltminister - damals als jüngster Minister Deutschlands überhaupt. Für sein neues Amt kann Maaß ein abgeschlossenes Jurastudium vorweisen. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Barbara Hendricks

Barbara Hendricks (61): Umweltministerin

Wacht seit 2007 über die Finanzen der Sozialdemokraten, oft unterschätzt. Sie sitzt seit 1994 im Bundestag und war Parlamentarische Staatssekretärin im Finanzministerium von 1998 bis 2007. Mit 20 Jahren in die SPD eingetreten, studierte Hendricks Geschichte und Sozialwissenschaften, mit Staatsexamen für das Lehramt. Sie liebt ihre Heimat, den Niederrhein, promovierte über „Die Entwicklung der Margarine-Industrie am unteren Niederrhein“. Hendricks würde die NRW-SPD im Kabinett vertreten.

Andrea Nahles

Andrea Nahles (43): Arbeits- und Sozialministerin

Die Literaturwissenschaftlerin ist seit 2009 Generalsekretärin. Sie hat erst den Wahlkampf organisiert, dann die Koalitionsverhandlungen, schließlich den Mitgliederentscheid über die große Koalition. Zeit für ihre kleine Tochter Ella Maria und ihren Mann daheim auf einem Hof in der Eifel hat sie zurzeit wenig. „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so zufrieden“, sagte sie nach ihrer Elternzeit. Die frühere Juso-Chefin zählt längst nicht mehr zu den Parteilinken. Intern ist sie nicht unumstritten, wurde zuletzt mit schlechtem Ergebnis wiedergewählt. Hat vehement für den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde gekämpft.

Manuela Schwesig

Manuela Schwesig (39): Familienministerin

Sie ist das „Gesicht“ der ostdeutschen SPD mit einer Blitzkarriere seit ihrem Parteieintritt 2003. Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann, mit dem sie einen Sohn hat, nach Schwerin. 2002 bis 2008 arbeitete sie dort im Finanzministerium. 2008 übertrug Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) der damals 34-Jährigen Diplom-Finanzwirtin das Sozialressort. Seit 2009 ist sie auch SPD-Vize. Als Ministerin könnte Schwesig auch für das von der SPD heftig bekämpfte Betreuungsgeld zuständig sein.

Stattdessen soll Gabriel offenbar den Wirtschaftsminister machen, der auch für die Energiewende zuständig ist. Das ist eine der zentralen und anspruchsvollsten Aufgaben der kommenden Legislaturperiode. Sie fordert den ganzen Mann und erfüllt damit genau den Zweck, den Merkel im Sinn hat: Sie muss Gabriel einbinden. Sie muss es ihm so schwer wie möglich machen, aus der Koalition auszusteigen. Je mehr Verantwortung sie ihm aufbürdet, um so fester kettet sie ihn an das Amt. Eine 180-Grad-Wendung auf halber Strecke wird für Gabriel umso schwerer,  je mehr Aufgaben auf seinen Schultern liegen. Er stünde als Versager da, wenn er den Bettel hinschmeißt. Mit dem Posten, der Gabriel nun zugedacht ist, hat Merkel den Mann, der ihr Herausforderer sein könnte, gezähmt und an sich gebunden.

Ob die Mitglieder das gewollt hätten? Ein Parteichef Gabriel, der sich ohne die Last des Ministeramts vehement um ihre Interessen hätte kümmern können, wäre ihnen wahrscheinlich lieber gewesen. Diese Entscheidung allerdings überließ ihnen der Boss gar nicht erst. Basisdemokratie ist gut und schön, mag er sich gedacht haben, aber sie muss auch ihre Grenzen haben. Ein glanzvoller Auftakt sieht anders aus.

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