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04.09.2014

17:05 Uhr

Kommentar zur EZB

Draghi macht die Drecksarbeit

VonJan Mallien

Die Wirtschaft im Euro-Raum strauchelt. Und wieder ist es Mario Draghi, der entschlossen handelt. Der Kurs des EZB-Chefs ist riskant – nichts zu tun wäre aber noch riskanter gewesen.

EZB überrascht deutsche Wirtschaft

Draghi senkt Leitzins auf Rekordtief

EZB überrascht deutsche Wirtschaft: Draghi senkt Leitzins auf Rekordtief

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Mario Draghi hat heute die ohnehin hohen Erwartungen der Märkte noch übertroffen – und das ist gut so. Denn die Zentralbank darf nicht  tatenlos zusehen, wenn sie ihr einziges im Mandat festgeschriebenes Ziel, nämlich das der Preisstabilität, verfehlt.

Die EZB definiert Preisstabilität bei einer Inflation nahe zwei Prozent. Im August lag die Rate in der Eurozone aber bei 0,3 Prozent. Je stärker die EZB ihr Ziel verfehlt, desto größer ist die Gefahr einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale.

Mallien Jan

Jan Mallien, geldpolitischer Korrespondent.

Aktuelle Daten zeigen, dass auch die langfristigen Inflationserwartungen in der Eurozone zuletzt deutlich zurückgegangen sind. Wenn aber die Tarifparteien dauerhaft mit niedrigeren Preisen rechnen und das in die Lohnverhandlungen einfließt, sinken die Preise noch weiter – ein Teufelskreis.

Rein ökonomisch hat die von Draghi verkündete Zinssenkung keinen großen Effekt, doch sie ist ein starkes Signal. Wichtiger noch sind die angekündigten Käufe von Kreditverbriefungen und Pfandbriefen. Draghi wollte zwar keine genaue Summe nennen, in EZB-Kreisen kursiert aber die Zahl von 500 Milliarden Euro.  

Liveblog: Draghi dreht auf

Liveblog

Draghi dreht auf

EZB-Chef Draghi überrascht: Erst senkt er den Zins und kündigt dann den Kauf von Firmenkrediten an. Die Entscheidung über Kreditverbriefungen fiel nicht einstimmig. Auf einer Pressekonferenz erläuterte er die Gründe.

Das zeigt: Das Programm ist ein Zwitter zwischen dem reinen Kauf von Kreditverbriefungen und so genannter Quantitativer Lockerung, also dem großangelegten Ankauf von Vermögenswerten. Dieser weitergehende Schritt ist logisch. Die Erfahrung aus anderen Ländern wie Japan zeigt, dass kleine Schritte im Kampf gegen niedrige Preise leicht verpuffen – und Entschlossenheit gefragt ist.

Natürlich ist Draghis Entscheidung nicht ohne Risiken. Wenn die EZB Kredite am Markt aufkauft, holt sie sich auch deren Risiken in die Bücher. Das Risiko durch die Kreditkäufe muss aber gegen das Deflationsrisiko abgewogen werden. Und da gilt: Unterm Strich wäre eine Spirale aus sinkenden Preisen, Löhnen und Investitionen viel teurer.

Kritiker werden einwenden, dass die EZB mal wieder den Ausputzer für die Politik spielt. Sie fürchten, dass die Politik dadurch Reformen auf die lange Bank schiebt. Die wirklich wichtigen Reformen aber sind Strukturreformen wie zum Beispiel eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes. Solche Reformen brauchen Zeit, bis sie wirken, und sie können kurzfristig das Wachstum sogar schwächen. Hier kann die Geldpolitik die Reformen flankieren und unterstützen.

Mario Draghis Krisenkurs in Zitaten

Amtsantritt am 3.November 2011 in Frankfurt

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung.“

26. Juli 2012 in London

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

EZB-Sitzung am 4. Juli 2013

„Der EZB-Rat erwartet, dass die Zinssätze der EZB für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter bleiben werden.“

Nach der Leitzinssenkung am 7. November 2013

„Wenn wir Deflation verstehen als einen weit verbreiteten Verfall von Preisen in vielen Warengruppen und in mehreren Ländern – das sehen wir nicht.“

Gespräch mit Altkanzler Schmidt am 7. November 2013

„Ich bin sehr bewegt von Helmut Schmidts Worten und sollte dafür wirklich dankbar sein. Komplimente sind Mangelware in diesen Tagen.“

EZB-Sitzung am 3. April 2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

EZB-Sitzung am 8. Mai 2014

„Der EZB-Rat fühlt sich wohl damit, beim nächsten Mal zu handeln.“

EZB-Konferenz am 26. Mai 2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

Eher besteht die Gefahr, dass die Konjunkturimpulse der EZB fiskalstarke Länder wie Deutschland dazu verleiten, nicht genug zu investieren. Die Zinsen für zehnjährige Bundesanleihen liegen unter einem Prozent. Bei diesem Zinsniveau könnten Investitionen in Schulen, Universitäten und Straßen mit Sicherheit eine viel höhere Rendite erreichen als die Zinskosten. Dass die Bundesregierung hier nicht mehr macht, ist ökonomisch völlig irrational. Daran ändert aber die Geldpolitik nichts.

Draghi hat sich für entschlossenes Handeln entschieden. Die Risiken, die er dabei eingeht sind kleiner, als wenn er gar nichts getan hätte. Man wünschte unseren führenden Politikern eine ähnliche Entschlossenheit.

Kommentare (24)

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Herr Edi Haas

04.09.2014, 17:17 Uhr

Hauptsache unsere Finanz"wirtschaft" brummt:) Mit ehrlicher normaler Arbeit lässt sich ja nichts mehr verdienen. Aber man konnte ja zum Glück auf Draghis Eingreifen setzen:) Alles andere funktioniert sowieso nicht mehr, einzig die Börsenhandelssysteme sorgen für eine super Stimmung. Man verteilt weiter und immer schneller das Geld um, von Arm zu Reich die wiederrum werden immer reicher mit der Notenbankunterstützung....
Und die AfD Wähler werden wohl auch immer zahlreicher

Herr Helmut Metz

04.09.2014, 17:19 Uhr

FALSCH - Nichts tun wäre genau das Richtige gewesen!!
Dazu nochmal mein Kommentar von heute Morgen:

Draghis totales Scheitern ist bereits vorprogrammiert. Und je länger das Scheitern hinausgezögert wird, umso zerstörerischer werden die Konsequenzen sein. Wieso?
> "Inflation ist immer und überall ein MONETÄRES Phänomen." (Milton Friedman)
Inflation ist daher auch - korrekterweise - die Ausweitung der (ungedeckten) Geldmenge. Teuerung, sei es nun Teuerung bei den Verbraucherpreisen oder Teuerung bei den Vermögenswerten ("Asset-Inflation"), ist lediglich die Folge davon.
> Deflation (= Kontraktion der Geldmenge) ist dagegen immer ein STRUKTURELLES Phänomen.

Und ein STRUKTURELLES Phänomen kann man nicht mit MONETÄREN Maßnahmen bekämpfen, sondern nur noch verschlimmern:

"Sogar dann, wenn sinkende Preise eher das Ergebnis einer monetären Kontraktion als das einer wachsenden Produktion sind, wird die Situation umso schlimmer und eine echte Depression umso gewisser, je weniger man die Preise sinken läßt und statt dessen geld-, zins- und fiskalpolitisch "gegensteuert". Fallende Preise, die tatsächlich auf deflatorischen Ursachen beruhen, tragen nämlich zu einer alsbaldigen Erholung bei."(Roland Baader: Geld, Gold und Gottspieler, S.177)
Verhindert man also immer länger die Bereinigungskrise und versucht immer weiter, den Brand mit Feuer zu löschen, so kann man dadurch nicht die Gesetze der Ökonomie aushebeln. Die (ultimative) Folge dieses verheerenden Handelns hatte bereits Ludwig von Mises auf den Punkt gebracht:
"Es gibt keine Möglichkeit, den finalen Zusammenbruch eines Booms zu verhindern, der durch Kreditexpansion erzeugt worden ist. Die einzige Alternative lautet: Entweder die Krise entsteht früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion - oder sie entsteht später als finale und totale Katastrophe für das betreffende Währungssystem."
Die Autoren Weik und Friedrich haben daher auch mit dem Titel ihres neuen Buches absolut Recht.

Frau Helga Trauen

04.09.2014, 17:20 Uhr

Nichts zu tun hätte die Eurozone sofort kollabieren lassen. So liegt jetzt die planwirtschaftliche Hoffung auf dem "politischen Projekt", das eben etwas später kollabieren wird. Der Schaden wird maximiert werden. Wichtig ist, die dafür Verantwortlichen nicht zu vergessen. Die Chronik wird geschrieben...

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