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13.11.2014

08:01 Uhr

Kommentar zur Warhol-Versteigerung

Casino statt Kunst

VonOliver Stock

120 Millionen Euro bringt die Versteigerung von zwei Warhols Nordrhein-Westfalen ein. Kein schlechtes Geschäft? Doch. Denn das Land entscheidet sich gegen die Kultur und für Spielbuden. Die Region wird ärmer.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Glückwunsch, lieber Herr Finanzminister, liebe Frau Ministerpräsidentin, liebe Erben der zu Grabe getragenen West LB: Die Versteigerung von zwei Bildern Andy Warhols aus dem Besitz des Casinos in Aachen hat Euch umgerechnet rund 120 Millionen Euro in die Kasse gespült. Das ist etwa 100 Mal mehr, als das Land in den siebziger Jahren dafür ausgegeben hat. Aus Anlegersicht habt Ihr also alles richtig gemacht.

Für mich als Bewohner dieses Landes haben die Verantwortlichen vom Casino-Betreiber bis zur Ministerpräsidentin aber alles falsch gemacht.

Ich lebe gern in Düsseldorf, dieser Landeshauptstadt, die einst einen Joseph Beuys als Professor ihrer Kunstakademie beschäftigte, bis sie ihn öffentlichkeitswirksam vertrieb. Eine Region, die zwischen dem Museum Folkwang in Essen und dem Kunstmuseum in Bonn eine einmalige Sammlung moderner Kunst beherbergt, die dem Land ein freundliches und großzügiges Gesicht verleiht. Dass die Regierung dieses Landstrichs Kunstwerke von Weltrang nun einfach so verscherbelt, macht mich traurig.

Bei allem Chaos und chronischem Geldmangel in der Bundeshauptstadt: Ich glaube, Berlin wäre das nicht passiert. Und bei aller sich selbst zugewandten Gemütlichkeit: Ich glaube auch in München wäre dieser Fall anders gelöst worden. Von Paris, von London gar will ich gar nicht reden.

Warhol-Versteigerung: NRW verscherbelt Kulturgut für Spielbank

Warhol-Versteigerung

NRW verscherbelt Kulturgut für Spielbank

Umstrittene Versteigerung: Zwei Warhol-Bilder des deutschen Casinobetreibers Westspiel sind am Mittwoch in New York für 151,5 Millionen Dollar verkauft worden. Mit dem Erlös sollen Spielbanken saniert werden.

Gut – das ist eine persönliche Befindlichkeit. Ich höre damit auf. Aber liebe Leute: Auch wer sich ohne moderne Kunst ein erfülltes Leben vorstellen kann, kann nicht gelassen bleiben. Der Versteigerungserlös wird ja nicht etwa dafür eingesetzt, um die Autobahnbrücke bei Leverkusen wieder befahrbar für Lkws zu machen. Er wird auch nicht gebraucht, um auch nur eine Handvoll Schulen des Landes zu sanieren. Nein – das Geld bleibt dort, wo einst die Bilder hingen: im Casino.

Nachdem die Spielbude in Aachen, die sich die Warhols einst leistete, heruntergewirtschaftet ist, soll nun eine neue in Köln entstehen. Casinos statt Kunst – das ist die Wahl, die die Regierung im größten deutschen Bundesland für sich getroffen hat.

Manchmal haben kleine Dinge eine große Wirkung. Zwei Grad mehr beim Klima und Teile der Erde werden unbewohnbar. Ein paar faule Kredite mit zu wenig guten falsch gemischt und die Welt erlebt eine Finanzkrise. Zu lange über Google gelächelt und plötzlich von Google verschluckt – all das sind Beispiel dafür. Zwei Bilder verkauft und damit eine kulturlose Gesinnung verraten: das ist das, was heute Nacht bei einer Versteigerung in New York passiert ist.

Kommentare (4)

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Edi Haas

13.11.2014, 08:30 Uhr

Glückwunsch Nordrhein Westfalen.
Alles richtig gemacht,die damlas schon völlig überschätzten, überteuerten Warhols für das 100 fache verkauft.
Ich spiele lieber in Gesellschaft stundenlang im Casino als mir ein "Farbportrait" ein paar Minuten anzuschauen ;)

Herr Markus Gerle

13.11.2014, 09:35 Uhr

Herr Stock, leben wir beide wirklich in demselben Bundesland? Nach Ihrem Kommentar habe ich meine Zweifel. Naja, vielleicht weil Sie Angestellter sind. Als Selbständiger merke ich jedoch, dass NRW finanziell am Ende ist. Bald scharrt Walter-Bjorjahns wieder seine Mannen an einem Freitag in Düsseldorf um sich, um die Parole auszugeben, dass die Daumenschrauben noch mehr angezogen werden müssen. Das heißt dann wieder, dass nicht mehr auf die Steuererklärung gewartet, sondern möglichst schnell geschätzt wird. Betriebsprüfungen werden noch unangenehmer und auf Steuerrückzahlungen darf man Ewigkeiten warten.
Auch das Wohnen wird aufgrund der unsozialen Finanzpolitik von Rot-Grün im nächsten Jahr wieder teurer, damit NRW die Gehaltserhöhungen bei den Spitzenverdienern seiner Beamtenschaft bezahlen kann.
Da freut es mich, dass wenigstens ein paar Bilder verkauft werden, um damit ein neues Casino zu finanzieren. Dies in der Hoffnung, dass NRW wenigstens durch Zocken an Mehreinnahmen kommt. Ich gehe schließlich selbst nicht ins Casino.

Herr Jürgen Dannenberg

13.11.2014, 09:42 Uhr

Kunst wird doch völlig überbewertet. "Kunst" ist auch nur ein Geschäft wie jedes andre. Also, das sage ich nur ungern, hat der FM in NRW alles richtig gemacht. Andere haben halt mehr Geld zum verbraten.

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