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17.04.2012

20:11 Uhr

Korruption

Keine Geschäftsessen in der Currywurst-Bude

VonWolfgang Reuter

Viele Unternehmen haben für Geschäftsessen lächerliche Beträge als Obergrenze eingeführt. Für Journalisten und Beamte sind klare Regeln sinnvoll, für die Geschäftswelt nicht - Einladungen gehören dazu. Ein Kommentar.

Pommes von der Imbiss-Bude. dpa

Pommes von der Imbiss-Bude.

DüsseldorfEin Geschäftsmann ist jemand, der morgens im Büro über Golf redet und den ganzen Nachmittag auf dem Green über seine Arbeit. Das Bonmot definiert die schwammige Berufsbezeichnung durchaus trefflich, denn tatsächlich wurden Geschäfte jahrhundertelang meist außerhalb stickiger Firmenzentralen angebahnt.

Der Golfplatz ist dabei austauschbar – gegen das Fußballstadion, die Konzertpause, den Jubiläumsempfang oder auch nur ein Restaurant. Sie alle sind letztlich nur ein Ersatz für das, was einst der Marktplatz war: das Zentrum des geschäftigen Lebens.

Die Wirtschaft braucht solche Kontaktbörsen. Ohne Small-Talk-Oasen, in denen man sich ungezwungen treffen, Ideen und Offerten austauschen und sich dann weiter verabreden kann, trocknet die Geschäftstätigkeit aus. Das gesellschaftliche Leben, das sich um eine Branche herum abspielt, ist obendrein ein wichtiger Standortfaktor.

Der Autor leitet das Ressort Unternehmen beim Handelsblatt. Uta Wagner für Handelsblatt

Der Autor leitet das Ressort Unternehmen beim Handelsblatt.

München beispielsweise hatte noch vor einigen Jahren mehr Dax-Konzerne im Finanzsektor als Frankfurt und zudem deutlich mehr Beschäftigte in der Branche. Selbst die Zahl der Banken hielt sich in etwa die Waage. Und dennoch hat es die bayerische Landeshauptstadt, trotz zweifellos höherer Lebensqualität, nie geschafft, Frankfurt den Rang als Finanzplatz abspenstig zu machen – ganz einfach, weil sich das gesellschaftliche Leben in München um die Film- und Medienbranche dreht. Wer Veronica Ferres, Till Schweiger oder Nina Hoss treffen will, der ist auf den Partys und Empfängen an der Isar gut aufgehoben. Josef Ackermann, Clemens Börsig und Anshu Jain dagegen begegnet man eher am Main. Aber eben nicht an der Currywurst-Bude um die Ecke.

Den Wert von Empfängen, Partys und anderen gesellschaftlichen Ereignissen unterschätzen jedoch nicht nur Wirtschaftsförderer – die Firmen selbst legen sich zunehmend Handschellen an. Bei Rewe beispielsweise dürfen sich Mitarbeiter nicht mehr zu Eventveranstaltungen einladen lassen. Restaurants sind tabu, erlaubt sind dagegen Arbeitsessen in der Kantine. In anderen Konzernen gelten für Geschäftsessen lächerlich geringe Beträge als Obergrenze, bei Mercedes sind es 30 Euro pro Person.

Wer seinen Mitarbeitern solche Limits setzt, darf sie auch nicht auf Firmenempfänge mit Hunderten von Gästen schicken. Denn dort ist dieser Rahmen in den allermeisten Fällen ganz schnell überschritten.

Dabei stellt sich die Frage, welcher Mitarbeiter korrupter ist – also eher bereit, für einen finanziellen Vorteil gegen die Interessen seiner Firma zu handeln: Derjenige, der sich von einem Geschäftspartner zum Fußball einladen lässt oder in ein Konzert, auch wenn die Karte einige Hundert Euro kostet? Oder derjenige, der, wie bei Investmentbankern üblich, bis zu 20 Prozent des Geschäftsvolumens als Bonus einsackt und deshalb unverhältnismäßig hohe Risiken eingeht?

Für Beamte und Journalisten mögen klare und strenge Regeln sinnvoll sein – sie sind ja nicht Teil der Geschäftswelt, sondern nur Schiedsrichter oder Beobachter. Geht es aber um Kunden oder Geschäftspartner, handelt es sich bei den meisten dieser Auflagen um Marotten. Wie in so vielen Feldern sind der (Geschäfts)Welt hier der gesunde Menschenverstand und das richtige Maß abhandengekommen.

Kommentare (16)

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Jaguar

17.04.2012, 20:24 Uhr

Ein guter Artikel. Aber ich möchte dennoch entschieden widersprechen.

Das Problem ist ja nicht nur, dass gegenseitige Essenseinladungen als strafrechtlich relevante Korruption ("Bestechung", Vorteilsgewährung" etc. i. S. d. StGB) gewertet werden können.

Ganz grundsätzlich geht es um die Schaffung einer völlig neuen Mentalität bei Geschäftsleuten.

Man will weg von dem aristokratischen Luxus, in denen sich Geschäfte bislang anbahnen. Geschäftsleute sollen sich nicht mehr benehmen wie die Höflinge Ludwigs XIV.

Sie sollen sich als einfache Werktätige sehen, die in der Kantine essen können.

Natürlich stößt das bei den Geschäftspartnern erst einmal auf befremden.

Und, natürlich gibt es etablierte Events, bei denen diese neuen Regeln gar nicht durchführbar sind.

Aber langfristig muss sich eben insgesamt in der Wirtschaft dieser Mentalitätswandel einstellen.

Es muss normal werden, sich zu Geschäftsabschlüssen gegenseitig in die Kantine einzuladen.

tai

17.04.2012, 21:00 Uhr

Genau, dann können die Mitarbeiter auch gleich mithören, was künftig auf sie zu kommt. :-)

Account gelöscht!

17.04.2012, 21:10 Uhr

@ Jaguar

Sie schreiben wie der Blinde von der Farbe! Der Artikel gefällt auch mir, soweit die Gemeinsamkeiten. Aber ich halte die angeprangerten Mißstände wirklich für beklagenswert.

Während sich Müllarbeiter heute nicht einmal mehr einen Schokoladenrigel schenken lassen, lassen sich Wirtschaftsbosse und Politiker alle Annehmlichkeiten der gegenseitigen Bestechung nicht nehmen. Aber wenn - dann alle. Dann dürfen aber bitte Firmen auch keine Parteien- oder Bundes- und Landtagsveranstaltungen mehr bezahlen. Auf Kundenveranstaltungen aller Art müßten dann die Ausgabenrichtlinien eingehalten werden.

Aber das ist unrealistisch und es geht am Kern vorbei. Es betrifft ja in den meisten fällen Vertriebsleute und Techniker, die eine Gelegenheit suchen ihre Produkte zu präsentieren oder Lösungen zu besprechen.

Kein Einkäufer läßt sich mit einem Mittagessen bestechen und kein Projektleiter läßt sich für ein Staek seinen Schneid abkaufen. Aber es bietet evtl. die Möglichkeit überhaupt die Aufmerksamkeit auf eine effiziente Lösung zu lenken.

Die ganze technokratische Hektik und Strichlistenmentalität unrealistischer 'Bessermenschen', die das Geschäftsleben 'prozesskonform' durchorganisieren und politisch korrekt gestalten wollen, produziert nur mehr Stress als nötig. Es bringt keine bessere Welt, kostet Kreativität und man stolpert wie abgerichtet durch das Geschäftsleben.

Es ist mir 10x lieber, wenn meine Vertriebsleute mit einem Kunden Essen gehen, als dass sie stundenlang unsinnige Notizen in eine Datenbank kloppen, die dann ausgewertet und gebunden teurer sind als das Mittagessen aber deutlich weniger nützen.

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