Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.01.2009

04:37 Uhr

Kreditversorgung

Wo klemmt’s denn?

VonDirk Heilmann

Viele Firmen, die jetzt über ruinöse Konditionen bei der Finanzierung klagen, sind in Wirklichkeit schon lange überschuldet.

Operation gelungen, Patient tot: Die westlichen Industriestaaten haben tief in die Taschen der Steuerzahler gegriffen, um ihre Bankensysteme zu retten. Die gigantischen Verluste sind erfolgreich sozialisiert, der Kollaps weiterer großer Institute scheint abgewendet. Doch das erklärte Ziel, den Kreditfluss in die Wirtschaft wieder auf das gewohnte Niveau zu bringen, wurde offenbar verfehlt. Darum bereitet die Bundesregierung jetzt einen Rettungsschirm für Unternehmen vor. Das klingt folgerichtig, ist aber ein gefährlicher und womöglich unnötiger Weg.

Die Regierung reagiert auf dramatische Warnungen aus der Wirtschaft. Eine Kreditklemme bedrohe viele Unternehmen in ihrer Existenz, heißt es. Auch in Großbritannien denkt die Regierung darüber nach, wie sie die Kreditversorgung der Wirtschaft sichern kann, wenn die Banken auf Schrumpfkurs gehen.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat schnell gehandelt: Er hat bereits einen 20-Milliarden-Euro-Fonds eingerichtet, der sich direkt an Unternehmen beteiligen kann, die Geld brauchen. Der Vorwand für die Fortsetzung einer interventionistischen Industriepolitik war Sarkozy willkommen.

Die Bundesregierung sieht sich hingegen vom Ernst der Lage zu ungewollten Handlungen getrieben. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, wie ernst die Lage wirklich ist. Die Belege für eine allgemeine Kreditklemme dramatischen Ausmaßes sind nämlich recht dünn. Die Europäische Zentralbank kam Mitte Dezember in ihrem Stabilitätsbericht zu dem Schluss, dass es für Europas Unternehmen noch keine Kreditklemme gebe.

Viel war in den vergangenen Wochen dennoch die Rede von "im Kern gesunden" Unternehmen, die von unverantwortlichen Banken in die Pleite getrieben würden. Vor allem die kleinen und mittelständischen Unternehmen seien in ihrer Existenz bedroht. Jüngere Umfragen wie die des Ifo-Instituts zeigen nun aber, dass sich die Kreditbedingungen für sie gar nicht so sehr verschärft haben. Dafür ist der Anteil der großen Unternehmen, die über verschlechterte Konditionen klagen, deutlich gestiegen. Fast jedes zweite sieht sich davon betroffen.

Dass sich die Konditionen verschlechtern, ist alles andere als eine Überraschung. Nach vielen Jahren allzu laxer Kreditvergabe ist eine Korrektur nötig. Die Regierungen verlangen derzeit von den geretteten Banken Unmögliches: Auf der einen Seite sollen sie sich rasch sanieren, auf der anderen Seite weiter Geld verleihen wie in den Boomjahren. Beides auf einmal geht nicht.Geht man die Liste der großen Insolvenzfälle der vergangenen zwei Monate durch, dann findet sich kein einziges Unternehmen, das "kerngesund" war. Der bisher größte Fall, der Chemiekonzern Lyondell-Basell, ist ein Beispiel krasser Überschuldung aus den Jahren des leichten Geldes. Ihn hatten die Ratingagenturen schon auf der Liste der am stärksten insolvenzbedrohten Firmen, als von Kreditklemme noch gar keine Rede war.

Ganze Branchen halten derzeit den Hut auf, vor allem die Autoindustrie. Dass GM und Chrysler vor der Pleite stehen, ist allein darauf zurückzuführen, dass sie seit Jahren die falschen Autos zu ruinösen Konditionen verkaufen. Die Pleiten von Autozulieferern lassen sich auch ohne Kreditklemme gut dadurch erklären, dass sie entweder von unverantwortlichen Finanzinvestoren überschuldet wurden oder von zu wenigen Kunden abhängen, von denen sie seit Jahrzehnten ausgequetscht werden.

Die Kreditklemme dient jetzt vielerorts als pauschale Ausrede für schlechte Manager und kurzfristig handelnde Eigentümer. Aber anormaler als die neuen Bedingungen waren die laxen Konditionen der vergangenen Jahre. Ganz vorne in der Liste der Pleitekandidaten stehen die Firmen, die von Private-Equity-Häusern oder nach deren Vorbild über jede Vernunft hinaus mit Schulden beladen worden sind.

Vor diesem Hintergrund muss die Regierung sehr genau analysieren, welchen Unternehmen sie eigentlich wie helfen will. Es kann nicht ihre Aufgabe sein, Unternehmen herauszuhauen, die in jedem normalen Abschwung pleitegegangen wären, etwa weil sie sich durch krasse Überschuldung in eine unhaltbare Lage gebracht haben. Bei der Wahl der Instrumente sollte sie direkte Beteiligungen an Unternehmen gleich aussortieren. Auch staatliche Kredite sollten einer weiteren Verschärfung der Lage vorbehalten sein. Das beste Mittel sind Staatsgarantien für Kredite, die von Geschäftsbanken nach kommerziellen Kriterien vergeben werden.

Die richtige Balance zu finden wird fast unmöglich sein. Die Regierung begäbe sich mit dem Rettungsschirm für Unternehmen auf eine Rutschbahn, an deren Ende eine Verstaatlichung der Kreditversorgung steht. Hoffen wir, dass es so weit nicht kommt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×