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28.03.2012

20:10 Uhr

Krise in Irland

Musterschüler braucht Hilfe aus dem Ausland

VonMartin Murphy

Durch die Schuldenkrise wäre Irlands Wirtschaft beinahe den Bach runter gegangen. Die grüne Insel braucht nach dem Ende der Boomjahre dringend externe Unterstützung. Dabei geht es nicht nur um ausländische Investitionen.

Mehr als Guiness und grüne Hügel: Ein Aufschwung in Irland brächte auch vielerlei Hinsicht Vorteile. dpa

Mehr als Guiness und grüne Hügel: Ein Aufschwung in Irland brächte auch vielerlei Hinsicht Vorteile.

FrankfurtIrland hat sich zum Musterschüler unter den hochverschuldeten Euro-Ländern entwickelt. Nach einer Rosskur mit massiven Einschnitten im Staatshaushalt ist Dublin vor Griechenland und Portugal an den Anleihemarkt zurückgekehrt. Der seit einem Jahr amtierende Premierminister Enda Kenny kann dieses an den Finanzmärkten errungene Vertrauen als Erfolg verbuchen, ausruhen kann er sich darauf nicht. Irland bleibt im Krisenmodus, Impulse für ein nachhaltiges Wachstum fehlen.

Die Probleme reichen tief: Von den 4,6 Millionen Einwohnern sind 400.000 ohne Arbeit, und nach zwei Quartalen mit schrumpfender Wirtschaftsleistung ist Irland zurück in der Rezession. Die Prognose für dieses Jahr von 1,3 Prozent Wachstum musste die Regierung kassieren. Überwinden kann das Land die Misere nur mit einem schlüssigen Konzept. Irland braucht einen Treibstoff, um ein echter Tigerstaat zu werden.

Regierungschef Kenny und seine links-konservative Koalition wissen um die Probleme, eine Lösung haben sie bislang nicht präsentieren können. Vielleicht ist das auch besser so. Denn eine ausgereifte Strategie können die Iren und auch Europa nicht von einer Regierung verlangen, die seit ihrer Wahl gegen den Staatsbankrott ankämpft.

In den Boomjahren hatten Politik und Behörden zudem verlernt, auf externe Ratgeber zu hören. Die Kommunikationswege müssen sich erst wieder öffnen. Im schlimmsten Fall würde das Land mit einer überhastet gestrickten Förderpolitik die falschen Anreize setzen.

Kennys Regierung begibt sich nun auf die Suche nach einer Wachstumsstrategie - und er wendet sich an die richtigen Ratgeber, nämlich die Unternehmer. Die Koalition spricht dabei nicht nur die lokale Wirtschaft an, Irland besinnt sich auf seine Diaspora. Weltweit fühlen sich 80 Millionen Menschen der kleinen Insel am westlichen Rande Europas zugehörig. Darunter sind viele Führungskräfte bei Konzernen wie Microsoft, Dell und British Airways. Auch in Deutschland haben einige Iren Karriere gemacht.

Um deren Erfahrungsschatz anzuzapfen, lud Kenny kürzlich 300 Manager aus aller Welt nach Dublin ein. Flankierend dazu finden in vielen Botschaften - darunter Berlin, Paris und London - Diskussionsrunden statt, in denen sich Exil-Iren mit Ideen zu Wort melden.

Kommentare (2)

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Torsten_Steinberg.1

29.03.2012, 10:08 Uhr

Weltweit führend, wahrscheinlich noch vor Spanien, dürfte Irland in Bezug auf die Überhitzung im Bausektor gewesen sein. Angefeuert durch eine jahrelange Politik schier unbegrenzter Kredite, die WestLB und andere europäische Banken gerne zur Verfügung stellten, erzielten Immobilienprojekte, die auch in völlig absurden Lagen ohne jedes Maß neu entstanden ebenso wie alte, stark sanierungsbedürftige Hauptstadtwohnungen Preise, im Vergleich zu denen Toplagen in deutschen Großstädten - selbst in Berlin, Frankfurt oder München - als gnadenlose Schnäppchen erscheinen. Diese Blase ist nun geplatzt; und anders als Island hat Irland sich entschieden, sich für die Rückzahlung seiner Schulden bis über die Halskrause zu verschulden.

Dafür wird dem Land von der EU unter deutscher Führung eine scharfe Austeritätspolitik aufgezwungen, die an prominenter Stelle eine markante Anhebung der Unternehmenssteuern verlangt. Die niedrigen Unternehmenssteuern sind aber der einzige Grund überhaupt gewesen, der dem ökonomisch im Mittelalter stehen gebliebenen Irland den Sprung des Tigers gelehrt hatte. Sägt Merkel darum an diesem Ast, weil sie davon ausgehen kann, dass im Erfolgsfalle wenigstens ein Teil der noch in Irland verbliebenen Unternehmensaktivitäten dann auch nach Deutschland abwandern wird? Im Gegenzug wenigstens ein Förderprogramm für die Nutzung des in Irland ständig und reichlich vorhandenen Windes zur Energiegewinnung wird man von der EU, solange die sparsame Hausfrau das Szepter führt, wohl ebenso wenig erwarten dürfen, wie etwas Vergleichbares für Griechenland in Bezug auf die Solarenergie. Den Export der auf diese Weise gewonnenen Energie in die industrialisierte Mitte Europas aus beiden Ländern dürfte durch die Randlagen von Irland und Griechenland wohl auch sehr viel schwerer zu bewerkstelligen sein, als gerne behauptet wird. Billig und zuverlässig zu habende, ökologisch gewonnene Energie könnten aber durchaus Standortfaktoren zu Gunsten Irlands und Griechenlands sein.

Torsten_Steinberg.2

29.03.2012, 10:09 Uhr

... Vielleicht hat man das ja in Berlin erkannt und unterminiert deshalb in diese Richtung zielende Bestrebungen. Zum Glück gibt es noch die Chinesen, die am irischen Windrad schon fleißig drehen.

Die Randlage Irlands aber und die fehlende Tradition industrieller Produktion, Herr Murphy, sind leider ein feststehende Fakten, die sich nicht ändern lassen, wie auch die Qualität der Böden nicht, die großflächig entweder vertorft oder von Steinen und Felsbrocken gesättigt sind. Die Existenz der romantischen Steinmauern hat eben eine ganz andere Ursache als die, den Touristen zu ergötzen. Und diese Ursache wird weiträumige, rationelle Landwirtschaft auf Dauern wirksam zu verhindern wissen. Wenn es darum geht, touristische Erbauung und landwirtschaftliche Ökologie auf einen Nenner zu bringen, stellt sich eher die Frage, warum die Unmenge von Kerrygold-Butter, die sich in die Kühlregale aller Welt ergießt, kein Äquivalent in einer großen Zahl frei weidender Kühe findet.

Kann sein, dass die Auslandserfahrung vieler Iren sich als Rettungsanker für das Land erweist. Es wird dann aber eher die Loyalität und Solidarität dieser Menschen zu ihrem Heimatland sein und deren Wissen darum, dass Erfahrungen des Auslandes sich auf Irland nur sehr schwer übertragen lassen, die von Bayer und Bosch vorexerzierte Art der Krisenbewältigung für Irland im wesentlichen irrelevant sind, vor allem aber, dass Irland verloren sein wird, wenn es auf die Hilfe seiner vermeintlichen Freunde sich verlässt.

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