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25.01.2007

05:58 Uhr

Leitartikel

Arbeit statt Umverteilung

VonDietrich Creutzburg

Die Erwartungen der IG Metall an die Lohnrunde 2007 pegeln sich derzeit bei einer Sechs vor dem Komma ein. Sollte sich ihr Vorstand Anfang Februar für eine Lohnforderung von „nur“ 6,0 statt 6,5 Prozent aussprechen, wäre dies nach den Maßstäben der gewerkschaftlichen Willensbildung fast schon ein Signal der Mäßigung.

Nach gesamtwirtschaftlichen Maßstäben wäre es freilich ein Alarmsignal. Die bei vielen Unternehmen nach wie vor verbreiteten Vorbehalte gegen dauerhafte Neueinstellungen würden damit verstärkt statt entkräftet. Auf den ersten Blick gibt es zwar keinen Grund zum Dramatisieren, denn Tarifforderungen und -abschlüsse sind stets zweierlei. Schon 1999 und 2002 hat die IG Metall jeweils 6,5 Prozent verlangt und damit Lohnsteigerungen von drei bis vier Prozent erreicht. Warum wäre es also schlimm, wenn die Lohnrunde 2007 ähnlich verliefe?

Schon die Ungewissheit ist ein Problem: Nach dem Zeitplan für die Metaller liegt frühestens im Mai ein Tarifergebnis vor, das Klarheit über die Rahmenbedingungen der Personalpolitik bringt. Vor allem aber ist es schon im Ansatz verfehlt, die Tarifrunde 2007 an früheren Jahren zu messen. Der Prüfstein muss vielmehr sein, ob sie sich von alten Mustern löst – und dazu beiträgt, dass ein Konjunkturhoch endlich einmal zur Initialzündung für ein dauerhaft höheres Beschäftigungsniveau wird. Die IG Metall könnte dies aufgreifen, indem sie in ihrer Forderung etwa erkennbar zwischen dauerhafter Lohnerhöhung und gewinnabhängiger Komponente differenziert. Allein schon dieser veränderte Ansatz ermutigte Unternehmen, die derzeit noch mit Neueinstellungen zögern. Tatsächlich zeigt die Gewerkschaft daran bisher aber kein Interesse und gefährdet so wichtiges Vertrauenskapital.

Dass solche Chancen womöglich wieder ungenutzt verstreichen, hat aber auch mit der Bundesregierung zu tun – deren erklärtes Ziel es ansonsten ist, den Aufschwung zu verstetigen. Ob gewollt oder unbedacht, sie hat mit ihren pauschalen Ratschlägen für kräftige Lohnerhöhungen eine differenzierte Debatte über strukturelle Innovationen in der Tarifpolitik erschwert. Nun wächst das Gefühl, es gebe nach Jahren der Entbehrung einen nun auch politisch anerkannten Nachholbedarf. In der Metall- und Elektroindustrie ist schon deshalb Vorsicht geboten, weil ihre Tariferhöhungen ohnehin stets am oberen Ende der Skala lagen. Dabei spricht nichts dagegen, dass ertragsstarke Unternehmen ihre Beschäftigten finanziell am Erfolg beteiligen. Vielleicht hat mancher Betrieb sogar Chancen vertan, den Erwartungsdruck vor der Tarifrunde durch freiwillige übertarifliche Zahlungen zu dämpfen. Für die branchenweite Tarifpolitik geht es aber um eine Abkehr vom alten Muster des gesellschaftlichen Verteilungskampfs.

Der Managerkreis der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung hat dazu soeben interessante Thesen vorgelegt: Eine beschäftigungsfreundliche Lohnpolitik müsse sich daran orientieren, ob es in einzelnen Segmenten des Arbeitsmarktes ein Über- oder Unterangebot an Arbeitsplätzen gebe, heißt es in seinem Papier. „Es sollte deshalb jetzt nicht der Eindruck erweckt werden, dass die Löhne generell einen Nachholbedarf haben. Es besteht ein genereller Differenzierungsbedarf.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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