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13.04.2006

07:00 Uhr

Leitartikel

Das Modell Daimler

VonDieter Fockenbrock

Jürgen E. Schrempp ist schon weg, Hilmar Kopper wird es bald sein. Am Mittwoch hatte der Topbanker seinen letzten Auftritt vor Daimler-Aktionären. Nur Dieter Zetsche bleibt.

Dem Hoffnungsträger von Daimler-Chrysler macht es der Abgang der alten Garde leicht, eigene Wege zu gehen und aus der Hinterlassenschaft des langjährigen Führungsduos Neues zu schaffen. Oder doch nicht?

Der Schein trügt: Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche hat ein schweres Erbe angetreten. Nicht wegen katastrophaler Ergebnisse. Da gab es schon schlechtere Zeiten in Stuttgart. Nein. „Den Daimler“ zu führen, das ist der härteste Job, den unsere Industrie zu vergeben hat. Kein deutscher Konzern steht so im Rampenlicht wie Daimler-Chrysler. An keinem deutschen Unternehmen arbeiten sich Kapitalismuskritiker so ab wie am größten dieser Republik. Keiner spielt eine solche Schlüsselrolle in der untergehenden Deutschland AG. Kein Konzern löst derartige Emotionen aus. Der „Mercedes“ ist halt immer noch der Inbegriff deutscher Tugenden: Fleiß, Ingenieurskunst und Perfektion.

Und: Daimler ist der Experimentierkasten für die deutsche Wirtschaft. Kein Managementtrend, der in Stuttgart je ausgelassen worden wäre, kein Strategieschwenk, den die Schwaben je übersehen hätten. Daimler stand und steht Modell für den kurvenreichen Weg der Industrie in diesem Land.

Der Reihe nach: Zetsches Vor-vorgänger Edzard Reuter rief den integrierten Technologiekonzern aus. Was nichts anderes hieß als Diversifizierung auf Teufel komm raus. Diese Strategie führte die bis dahin grundsoliden Schwaben an den Abgrund. Andere Konzerne folgten dem Vorbild und scheiterten ebenso grandios. Daimler baute Flugzeuge und Waschmaschinen, nebenbei auch Autos. Das Management verzettelte sich. Der technologische Allmachtsanspruch war reiner Größenwahn.

Also beschloss die Konzernführung in der Ägide Schrempp, den Anspruch auf die Mobilität zu reduzieren, diese Vision aber umso expansiver zu verfolgen. Dafür stehen der Einstieg bei Mitsubishi und Chrysler, der Start des Smarts, das Mautsystem Toll Collect. Doch dass die ganze Welt nur darauf wartet, von Mobilitätsideen aus dem Schwabenland beglückt zu werden, das erwies sich bald als ebenso großer Trugschluss. Inzwischen ist die Welt AG auf Normalmaß gestutzt, ganz aufgegeben ist sie nicht.

Mit Dieter Zetsche beginnt jetzt Phase drei. Konzentration aufs Kerngeschäft ist gerade en vogue in der Industrie. Daimler könnte sich, nein muss sich an die Spitze setzen. Doch Zetsche zögert. Ausstieg aus dem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS? Im Prinzip ja, aber nicht komplett. Stopp für das Milliardengrab Smart? Ja, aber nur teilweise. Zetsche eilt der Ruf des Machers voraus. Noch macht er halbe Sachen.

Zum Glück ist die Zeit der großen Visionäre vorbei. Zetsche steht für die neue Generation von Managern. Kühl abwägend, den Eigentümern verpflichtet. Ohne Konzept geht es trotzdem nicht. Und was können die Stuttgarter? Autos bauen. Wie den Mercedes.

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