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03.01.2007

05:02 Uhr

Leitartikel

Die Pleite einer Illusion

VonBernd Ziesemer

Die letzten Reste der ehemaligen Handyproduktion von Siemens landen jetzt endgültig vor dem Insolvenzgericht. Den betroffenen Arbeitnehmern gilt das allgemeine Mitgefühl. Gewerkschaftsfunktionäre rufen zu letzten Protestzügen. Die IG Metall beschwört die „Resthoffnung“ auf die Arbeitsplätze.

Ein paar nordrhein-westfälische Landespolitiker vergießen noch schnell TV-taugliche Krokodilstränen. Der Siemens-Vorstand in München trägt öffentlich Sack und Asche. Und aus dem fernen Taiwan hört man von BenQ keinen Muckser mehr. Die professionellen Großtöner ganz kleinlaut – und in Kamp-Lintfort Katastrophenstimmung. Aber was sind die Lehren? Schon im Juni 2005 schrieben wir an dieser Stelle: „Spätestens in drei Jahren werden in Deutschland keine Siemens-Handys mehr gebaut. Die 2 000 Arbeiter in Kamp-Lintfort werden ihre Arbeitsplätze verlieren.“ Damals handelten wir uns mit dieser Prophezeiung wüste Beschimpfungen von drei Seiten ein: natürlich von den Gewerkschaften, die ihre Betriebsvereinbarung zur „Sicherung und Entwicklung von Beschäftigung“ wütend verteidigten. Aber auch von Siemens und BenQ, die ihren damaligen Deal als großen strategischen Wurf verkaufen wollten. In Wahrheit war absehbar, dass die ganze Sache nicht funktionieren würde: Mit der Bastard-Marke BenQ-Siemens waren die Geräte aus Deutschland in der Modewelt des Handygeschäfts von Anfang an auf der Verliererspur. Und die Produktion und Entwicklung waren und blieben auch nach 2005 zu teuer in Deutschland. Siemens konnte froh sein, das Geschäft loszuwerden; aber BenQ war schlecht beraten, es zu kaufen. Allen linken Verschwörungstheorien zum Trotz haben sich die Taiwaner mit dem deutschen Handygeschäft nicht bereichert, sondern selbst in die Krise gestürzt.

Die Lehre aus dem SiemensBenQ-Desaster kann daher nur lauten: Wir sollten aufhören, uns dem wirtschaftlichen Strukturwandel entgegenzustemmen. Hätte Siemens seine Handyproduktion schon vor Jahren ins Ausland ausgelagert, wäre möglicherweise auf längere Sicht wenigstens ein Teil der Entwicklungsarbeiten in Deutschland geblieben. Doch diese Chance war schon 2005 vertan. Die Konzerne müssen ihre Wertschöpfungsketten kontinuierlich daraufhin untersuchen, welche Funktionen sich besser auslagern lassen. Nur durch einen optimalen Mix aus ausländischer Lohnfertigung und inländischer Entwicklungsarbeit können sich viele Großunternehmen heute noch in Deutschland halten. Doch den Dax-Konzernen fällt es in Deutschland immer noch quälend schwer, die fortlaufende Bereinigung ihrer Geschäftsprozesse zu organisieren. Der Widerstand der Gewerkschaften und der populistischen Politik verhindert jene hohe Umsetzungsgeschwindigkeit, die wir eigentlich brauchen. Die paritätische Mitbestimmung in den Aufsichtsräten zwingt die Vorstände immer wieder zu faulen Kompromissen. Das Siemens-Management versagte nicht beim Verkauf der Handyproduktion an BenQ, wie heute die meisten Kritiker behaupten. Die Fehler des Managements lagen viel früher: beim Versuch der Fortführung des Handygeschäfts. Die Insolvenz von BenQ in Kamp-Lintfort ist auch die Pleite einer sehr deutschen Illusion.

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