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23.01.2007

05:37 Uhr

Leitartikel

Erstarktes Deutschland

VonJoachim Dorfs

Klaus Schwab und Angela Merkel kommen gut miteinander aus. Der Gründer des World Economic Forums bereitete der CDU-Politikerin die Bühne für Gespräche mit internationalen Top-Managern, schon lange bevor sie Kanzlerin wurde.

Merkel revanchierte sich durch eine Einladung für Mitgliedsunternehmen des Forums mit exklusivem Diner im Kanzleramt. Dennoch ist es außergewöhnlich, dass Schwab die Kanzlerin jetzt zum zweiten Mal hintereinander bittet, das Davoser World Economic Forum zu eröffnen. Und doch entbehrt es nicht der Logik: Denn in einer Zeit sich ändernder globaler Machtverhältnisse – das Motto des diesjährigen Treffens in den Schweizer Alpen – ist die Kanzlerin die einzige maßgebliche Konstante, die Schwab den Teilnehmern seines morgen beginnenden Forums präsentieren kann. Die etablierten Mächte sind allesamt geschwächt: Frankreich steht am Ende der Epoche Chirac vor Präsidentschaftswahlen, Tony Blair ist ein Premier auf Abruf, und die US-Regierung ist durch den Irak-Krieg angeschlagen. Die neuen Mächte sind noch nicht präsent: Russland, China und Indien beginnen erst damit, ihre neuen Rollen einzunehmen. So ist es kein Wunder, dass sich in Davos aus der ersten Reihe der genannten Länder lediglich der britische Premier zeigt.

In einer Zeit, die nach Führung lechzt, ist das eingetreten, was viele nach Merkels überzeugendem ersten Auftritt in Davos schon vor einem Jahr prognostiziert haben: Wenn überhaupt jemand international Impulse setzen kann, dann ist es die deutsche Kanzlerin. Im krassen Gegensatz zu Angela Merkels innenpolitischen Möglichkeiten ist die Kanzlerin bei vielen internationalen Beobachtern schon zur potenziellen Heilsfigur geworden. Als Vorsitzende von EU-Ministerrat und G8 soll sie gleichzeitig den EU-Verfassungsprozess und die Welthandelsrunde wieder in Gang bringen und am besten gleich noch den Hunger in der Welt besiegen.

Gestärkt wird Merkels internationale Position durch die erstaunlich starke heimische Konjunktur. Nachdem Deutschland lange Zeit ein Abonnement auf die rote Laterne in Europa und der Welt gehabt hat, zeigt sich die Wirtschaft trotz hoher Rohstoffpreise und Euro-Stärke überraschend leistungsfähig. Die Inlandsnachfrage zieht trotz der Mehrwertsteuererhöhung an, die Sanierung der öffentlichen Haushalte schreitet dank höherer Steuereinnahmen voran. Während die Deutschen lamentieren, weil Reformprojekte wie die Gesundheitsreform oder die Liberalisierung des Arbeitsmarktes nicht vorankommen, sieht uns das Ausland mit anderen Augen. Es investiert Milliarden in Deutschland, und der ehemalige US-Finanzminister John Snow ist sogar davon überzeugt, dass die Bundesrepublik wieder als Wachstumslokomotive Europa voranzieht. Es gibt keinen Grund, an der längerfristigen Verschiebung der Kräfteverhältnisse sowohl in Richtung der rohstoffreichen als auch der aufstrebenden asiatischen Schwellenländer wie Indien und China zu zweifeln. Kurzfristig jedoch, und das ist die eigentliche Überraschung, verschieben sich die Kräfterelationen zu Gunsten von Deutschland.

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