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17.04.2014

09:55 Uhr

Leitartikel

Mehr Mut, meine Herren!

Das Scheitern der Vorstandsfrauen zeigt: Die Quote schadet mehr, als sie nutzt, findet Sven Prange. Eines ist aber auch klar: Innovation ist besser als Seilschaft und Vielfalt ist immer stärker als Monotonie.

„Gemischte Teams - Sie, meine Herren, mögen die Statistik noch so gut kennen und noch so eloquent ignorieren - sind einfach besser. Das ist erforscht.“ dpa

„Gemischte Teams - Sie, meine Herren, mögen die Statistik noch so gut kennen und noch so eloquent ignorieren - sind einfach besser. Das ist erforscht.“

DüsseldorfEs geht Ihnen, werte Herren, vermutlich wie mir: Sie haben alle die Berichte, Studien und Unterschriftenlisten, die Frauen in Vorstandsetagen verhelfen wollen, bis ins Wachkoma verfolgt. Sie wissen auswendig, dass keine sieben Prozent der Vorstände in Dax-Unternehmen weiblich sind, dass sich daran seit vier Jahren nichts geändert hat und das alles ein großes Problem ist, das Heerscharen an Beratern und Vordenkern gut ernährt. Sie schalten regelmäßig den Fernseher aus, wenn Sie Gefahr wittern, dass Bundesblondschopf und Familienministerin Manuela Schwesig etwas zur Frauenquote sagen könnte.

Können uns also die beiden zum Wochenauftakt präsentierten Personalnachrichten wirklich noch überraschen? Bei Continental gibt Personalchefin Elke Strathmann ihren Vorstandsposten mit Verweis auf Querschüsse aus den eigenen (männlichen) Reihen vorzeitig auf, und Telekom-Personalvorständin Marion Schick ergeht es ähnlich. Wie zuvor übrigens schon Melody Harris-Jensbach, die bei Puma und Esprit kein Glück hatte, Angelika Dammann bei SAP, Barbara Kux und Brigitte Ederer bei Siemens oder Regine Stachelhaus bei Eon.

Ein Reigen, der uns Herren nicht dazu verleiten sollte, zu sagen: Die konnten es schlicht nicht. Erstens zeigen genug Dax-Vorstände, dass die Halbwertszeit im Topjob deutlich länger ist, wenn Mittelmaß im Maßanzug daherkommt. Zweitens bietet das Schicksal der oben angeführten Damen eine erstaunlich neue Erkenntnis: Die Diskussion über die Frauenquote ist eher nicht der beste Weg zur Frauenförderung, sondern sicherlich das beste Instrument, die Zahl der Frauen in Vorstandsämtern klein zu halten. Und damit ein Zeichen dafür, dass - auch wenn wir die Sache nicht mehr hören können - das Problem drängt.

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

Lieber Spaß als Macht

Fragt man eine Frau: Was ist Ihnen an ihrem Job wichtig? Lautet die Antwort nicht, mein Firmenwagen, das üppige Gehalt oder der leistungsabhängige Bonus. Nein! Frauen wollen hauptsächlich Spaß an der Arbeit. Während 49 Prozent der Frauen sich ein freundliches Arbeitsumfeld wünschen und 44 Prozent Wert auf vielfältige Arbeitsaufgaben legen, sind nur 16 Prozent auf Prestige und 9 Prozent auf eine rasche Beförderung aus.

Keine Ellenbogenmentalität

Gerade in größeren Abteilungen müssen sich Mitarbeiter häufig gegen ihre Kollegen durchsetzen, um sich Gehör und Respekt beim Chef zu verschaffen. Doch gerade dieser interne Konkurrenzkampf gefällt vor allem Frauen nicht. Eine Umfrage von TNS Emnid und der Axa-Versicherung zeigt, dass über ein Drittel aller Frauen Angst vor dem Konkurrenzkampf mit Kollegen haben. Nur 15 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter sorgen sich darum.

Übersteigerter Teamgeist

Teamfähigkeit gilt als einer der wichtigsten Soft-Skills und gerade Frauen bevorzugen diese Form des Arbeitens. Ein Experiment an der Universität Lyon hat gezeigt, dass Männer vor allem dann Teamarbeit nutzen, wenn sie in dem geprüften Bereich nicht so leistungsfähig sind. Frauen arbeiten generell lieber im Team, unabhängig davon wie stark sie selbst auf dem jeweiligen Gebiet sind. Eine durchaus positive Fähigkeit, solange die eigene Leistung nicht vom Können des Teams überschattet wird.

Falsche Studienwahl

Die karriererelevanten Studienfächer sind nach wie vor Wirtschaftswissenschaften, Jura und Ingenieurswissenschaften. Während bei den Wirtschaftswissenschaften im Wintersemester 2010 immerhin 45 Prozent der deutschen Studierenden weiblich waren und bei Jura sogar über die Hälfte, sieht es im Bereich der Ingenieurswissenschaften weiterhin düster aus. Die Maschinenbaustudiengänge verzeichneten gerade einmal einen Frauenanteil von neun Prozent. Bei Elektrotechnik waren es sogar nur sechs Prozent.

Zu wenig Selbstbewusstsein

Frauen verkaufen sich häufig unter Wert und trauen sich selbst viel zu wenig zu. Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture zeigt, dass Frauen sich selbst beschuldigen, wenn es um die Gründe für ihre schlechten Aufstiegschancen geht. 28 Prozent der befragten Damen sagen, ihnen fehlten die nötigen Fertigkeiten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.  

Chefinnen unerwünscht

Nicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.    

Rivalität unter Frauen

Damit in Zusammenhang könnte das Phänomen der Stutenbissigkeit stehen. Eine Studie der Universität Amsterdam belegt, dass Frauen zwar gut kooperieren können, aber nur so lange sie mit männlichen Kollegen zu tun haben. Sobald sie mit Frauen zusammenarbeiten sollen, ist es um den Teamgeist schlechter bestellt. Ein internationales Forscher Team setzte kürzlich sogar noch einen obendrauf. Sie fanden heraus, dass die Damen besonders schlecht miteinander können, wenn die jeweils andere bei den männlichen Kollegen gut ankommt. 

Über Geld spricht man nicht

Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung unter 12.000 Akademikern zeigt die Unterschiede. Ein männlicher Abteilungsleiter verdient etwa 5000 Euro monatlich, sein weibliches Pendant gerademal 3800 Euro. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen mit weniger zufrieden sind und andere Faktoren wichtiger finden.

Familie oder Beruf? Familie!

Zugegeben, es ist nicht einfach Familie und Karriere miteinander in Einklang zu bringen. 72 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern halten dieses Unterfangen für schwierig. Und die Mütter sind es letztendlich auch, die in Sachen Karriere den Kürzeren ziehen. Dafür verantwortlich sind die traditionellen Vorstellungen von Familie, die sowohl Männer als auch Frauen immer noch mit sich herumtragen. Während 2010 nur etwa 5 Prozent der Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiteten, waren es über 68 Prozent der Mütter.  

Der fehlende Wille

Zu all diesen Karrierehemmnissen kommt ein zentraler Punkt hinzu. Viele Frauen wollen überhaupt nicht aufsteigen. Das Beratungsunternehmen Accenture fand heraus, dass nur jede fünfte Frau ihre Karriere überhaupt vorantreiben will. Ganze 70 Prozent sind mit ihrer aktuellen Position im Unternehmen zufrieden.

In den Aufsichtsräten mag das Aufbrechen von Alte-Jungs-Seilschaften mit der Quote funktionieren. Im operativen Management aber, wo Seilschaften und Strukturen aufgrund des täglichen Miteinanders viel größere Bedeutung haben, schadet die Quote offenbar. Sie führt zu dem immer gleichen Prinzip: Interessante Frau wird am Karrierepfad vorbei auf einen Topjob gesetzt. Das übergangene Mittelmanagement nutzt seine Karriere-Nahkampferfahrung, um der Neuen das Leben schwerzumachen. Der CEO registriert die Probleme, hat aber macht-strategisch kein Interesse, es sich mit dem Mittelmanagement zu verscherzen. Er bittet also den Aufsichtsrat, die Dame freizustellen. Schließlich passe man - leider, leider - nicht zueinander. Die Herren im Hause fühlen sich bestätigt: Die Quotenfrau hat's nicht gepackt. Haben wir ja gleich gesagt.

Das Spielchen können wir uns noch eine Weile anschauen. Doch leisten können wir uns das nicht. Gemischte Teams - Sie, meine Herren, mögen die Statistik noch so gut kennen und noch so eloquent ignorieren - sind einfach besser. Das ist erforscht. Und glauben Sie insgeheim nicht auch, dass Sie angenehmer arbeiten würden, wenn Ihre Chefchef-Runden einen geringeren Testosteron-Gehalt hätten? Wir sollten uns daran gewöhnen, dass der Kollegenkreis bunter wird. Wenn, was absehbar ist, Manager aus anderen europäischen Ländern, aus den USA oder Asien ins Management rücken, dann wird die montagmorgendliche Analyse des FC Bayern genauso wenig auf Interesse stoßen wie das Beste aus Opas Zoten.

Ein Perspektivwechsel ist angesagt. Denn bisher tun wir Herren doch so: Wir würden die Damen ja gerne unterstützen auf ihrem Weg nach oben. Wenn da nicht - leider, leider - diese Defizite wären, die die Frau von heute so hat: nicht bissig genug, zu mitfühlend, konsensorientiert und dann um fünf nach Hause. Kurz: Die Damen sind nicht so wie wir. Keine echten Chefs eben.

In Wirklichkeit aber müssten wir Herren verstehen, dass wir bestimmt ganz großartig sind, wie wir unseren Job machen, es aber auch andere Wege gibt. Also: die vermeintlichen Defizite der Damen nicht als Problem, sondern als logische Folge von Vielfalt akzeptieren. Und einsehen, dass wir besser dastehen, wenn wir die Damen so Karriere machen lassen, wie sie sind - und nicht nach unserem Vorbild formen.

So weit der unbequeme Teil der Analyse. Der bequemere: Bevor wir uns an die eigene Nase fassen und etwas ändern, können wir mit dem Finger auf unsere Chefchefs zeigen. Die hätten nämlich die Möglichkeit, den Weg aus dem Quotendilemma zu weisen - etwa indem sie uns Herren mehr Widerstand und den Damen mehr Unterstützung bieten. Solange aber die CEOs und Aufsichtsratschefs beim ersten Wehklagen der Posten- und Pfründeninhaber einknicken, können wir noch so viel über Frauenförderung debattieren - es wird nichts passieren. Ob mit oder ohne Quote.

Der Autor leitet das Ressort Report & Namen. Sie erreichen ihn unter: prange@handelsblatt.com

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