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18.01.2007

05:43 Uhr

Leitartikel

Politische Pygmäen

VonBernd Ziesemer

Wir Nordlichter fühlen uns seit Tagen wie im Tegernseer Volkstheater. Auf dem Spielplan des Intrigantenstadls in Wildbad Kreuth stehen allerdings weder das fesche Bavarical „Almenrausch“ noch der deftige Dreiakter „Der Saisongockel“.

Das gesammelte Führungspersonal des Freistaats gibt viel mehr vor den Fernsehkameras eine Bauernburleske, die man am besten unter den Titel setzen könnte: „Der eiserne Edmund und die hasenfüßigen Meuchelbuben“. Noch zeigt sich in den Bergkulissen nirgends der tapfere Jäger, der die wilde Bestie stellt. Wann der Vorhang fällt? Nobody knows. Wer die Laienspielschar bei diesem Ringspiel beobachtet, dem möchte wehmütig ums Herz werden. Dabei muss uns in Wahrheit gar nicht bang werden um Bayern. Wenn in der Machtposse endlich der Deus ex Machina zwischen die Komparsen fährt, dann geht ganz Bayern wieder fix zur Tagesordnung über: Die Staatskanzlei regiert, das Parlament applaudiert, und die Verwaltung läuft wie geschmiert. Stoibers Vorgänger regierten gut, Stoiber selbst regierte gut, und Stoibers Nachfolger werden auch gut regieren. Deshalb steht Bayern wirtschaftlich bravourös dar. Alle paar Jahre fallen die Selbstdarsteller der CSU-Spitze zwar ins Delirium eines bruder- und selbstmörderischen Politdramas – aber sonst verwaltet die Dauerregierungspartei ihre Domäne erstaunlich kompetent, pragmatisch und viel moderner als der Rest der Republik.

Nicht um Bayern muss einem also bang sein, wohl aber um die bundespolitische Rolle der CSU. Seit 1946 wechselten sich in ihrer Geschichte immer wieder Phasen großer nationaler Bedeutung mit Phasen ab, in denen sie sich selbst auf Regionalniveau zurücktaktierte. Das galt selbst für Franz Josef Strauß: In seiner 27-jährigen Zeit als Parteivorsitzender funktionierte die CSU mal wie eine vollständig eigenständige vierte Partei auf Bundesebene mit klarem konservativem Profil rechts von der CDU, mal als bloße Bayern-Partei mit dem Hang zum völligen Rückzug ins Land der Gebirgsschützen und Mir-san-mir-Philosophie.

Egal wie das jetzige Dramolett in Wildbad Kreuth ausgeht: Der bundespolitische Einfluss der CSU sinkt erheblich. Selbst wenn sich Stoiber noch eine Weile an der Macht hält, verwirkt er einen Großteil seines bundespolitischen Drohpotenzials. Sollte sich Horst Seehofer aus seiner Privataffäre retten und durchsetzen, müsste er das Kunststück fertig bringen, sich aus der Wald-und-Wiesen-Position des Landwirtschaftsministers heraus im Kabinett stärker zu profilieren – oder eine Regierungsumbildung zu erzwingen. Günther Beckstein wie auch Erwin Huber müssten als Ministerpräsidenten erst einmal ihre tief gespaltene Heimatbasis in Bayern festigen und wären daher als CSU-Vorsitzende auf Bundesebene aller Wahrscheinlichkeit nach ein Totalausfall, falls einer von ihnen beide Ämter gewinnen sollte. Bleibt Michael Glos, der schon genug kämpfen muss, sein jetziges Amt als Wirtschaftsminister voll auszufüllen. Wohin man also blickt: Nirgends erhebt sich in Bayern gegenwärtig ein Politiker, der sich als Hauptdarsteller auf der Berliner Bühne eignen könnte. Oder um es mit dem erfrischenden Zynismus des Franz Josef Strauß zu sagen: überall nur politische Pygmäen.

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