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10.01.2007

05:13 Uhr

Leitartikel

Rückkehr des Kapitalisten

VonRoland Tichy

Darf der das, dieser Ferdinand Piëch, sich erneut an die Spitze des VW-Aufsichtsrats drängeln? Appetitlich klingt das nicht, die Corporate-Governance-Regeln sprechen dagegen.

Piëch bricht eine Absprache mit dem zweitgrößten Hauptaktionär, dem Land Niedersachsen. Kleinaktionäre fürchten, unter die Räder eines Machtmenschen zu kommen, der persönliche Ziele bei Porsche zu Lasten ihres Unternehmens verfolgt und zumindest gegen den Geist von Regeln verstößt, die dem rücksichtslos agierenden Kapitalisten Begrenzungen auferlegen.

Piëch ist kein Einzelfall – der Typus des Kapitalisten erobert den gezähmten Kapitalismus zurück. Die anonymen Aktiengesellschaften erhalten wieder ein Gesicht: Berthold Beitz, Chef der Krupp-Stiftung, hat mit seinem maroden Konglomerat den ewigen und viel erfolgreicheren Konkurrenten Thyssen erobert. Symbolische Akte krönen dieses Lebenswerk: Das Thyssen-Hochhaus in Düsseldorf wird verscherbelt, Sitz, Verwaltung und Hauptversammlung nach Krupp-Essen verlegt.

Bei der Deutschen Börse haben ein paar Hedge-Fonds-Manager die Macht erobert und den mächtigen Vorstandsvorsitzenden entthront, seine Kriegskasse ausgekehrt. Die neuen Kapitalisten treten in der Form von Private Equity auf. Sie krempeln Unternehmen außerhalb der Transparenzvorschriften der Börse um, oder sie übernehmen Familienfirmen und andere ermattete Unternehmen, um sie ohne die emotionale Bindung der Alteigentümer brutal zu sanieren.

Der Kapitalist ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die Namen Rockefeller, Carnegie, in Deutschland Krupp stehen dafür. Im 20. Jahrhundert wurde der Kapitalist gezähmt, bezwungen, sozialisiert. Manche überlebten als honorige Gentleman-Kapitalisten in den uneinsehbaren Reichen deutscher Familienunternehmen wie Oetker oder wirkten anachronistisch wie die Agnellis, die Italiens größtes Industrieimperium zuletzt schwächlich verwalteten. Im 21. Jahrhundert kehrt der Kapitalist auf die offene Bühne zurück. Aus den Trümmern der Sowjetunion raffen die Oligarchen den Grundstock für neue Reiche zusammen. Industrietitanen der Dritten Welt erobern die wirtschaftlichen Leuchttürme der früheren Kolonialherren. Namen wie Lakshmi Mittal und Ratan Tata stehen für den Beginn einer neuen Unternehmerschicht, die ihre Lektion sehr gut gelernt hat. In Deutschland erzielen die unternehmerdominierten Familienkonzerne mit klaren Eigentümerstrukturen doppelt so hohe Umsatz- und Ertragszuwächse wie Aktiengesellschaften.

Zugegeben, Ferdinand Piëch ist kein Sympathieträger, er taugt nicht als Gastredner für ein Social-Responsibility-Forum, und seine Methoden sind ruppig. Der Name seines einstigen Einkaufsmanagers Ignacio López und dessen Krieger löst noch immer Schaudern aus. Aber vor Piëch war VW ein Pleitekandidat. Im vergangenen Jahr hat sich der Aktienkurs verdoppelt. Auch die Betriebsräte wünschen den Kapitalisten zurück. Nur wegen der Lustmädchen? Oder setzen sie darauf, dass Tatkraft und Visionen Einzelner mehr bewirken als Management-Komitees der überregulierten Aktiengesellschaften? Die wirtschaftlichen Zeiten sind härter geworden – und mit ihnen die Akteure.

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