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16.01.2007

05:47 Uhr

MAN - Scania - VW

Ein völlig neues Spiel

VonJosef Hofmann

Das Scania-Management wetterte von Beginn an dagegen, der schwedische Großaktionär Investor bekundete seine Abneigung und nun auch noch die unmissverständliche Absage von VW: Der Versuch der Übernahme von Scania durch den Münchener Konkurrenten MAN ist gescheitert.

Selbst eine finanzielle Aufstockung der Offerte durch MAN dürfte das nicht ändern. Der schwedische MAN-Chef Håkan Samuelsson hatte zu Beginn des Pokers im September einen entscheidenden Strategiefehler gemacht, der nicht reparabel war. Statt seine Karten erst auf den Tisch zu legen, nachdem die Großaktionäre überzeugt waren, ließ er sich zu einem Schnellschuss verleiten. Dass es mutmaßlich sein Kontrahent, der Scania-Chef Leif Östling war, der durch Indiskretionen den geplanten Coup frühzeitig lancierte, ist keine Entschuldigung. Tricks und Bluff gehören beim Pokern um Milliarden dazu. Auch wenn die geplante Übernahme tot ist, die Idee eines neuen Branchenschwergewichts aus MAN, Scania und dem VW-Brummi-Geschäft ist lebendiger denn je. Denn die industrielle Logik des Zusammenschlusses wird nicht einmal mehr in Schweden in Frage gestellt, von Teilen des Scania-Managements abgesehen. Nur die Vorzeichen haben sich geändert. MAN ist vom Jäger zu einem Teil der gejagten Meute geworden. Die Position des Jägers hat eindeutig VW übernommen. Den Wolfsburgern ist es im Prinzip gleichgültig, auf welche Weise ein Zusammenschluss zu Stande kommt. Wichtig ist nur, dass es einen Deal gibt und VW möglichst großen Einfluss erhält.

Darauf drängt vor allem der starke Mann bei VW, Aufsichtsratschef und Porsche-Miteigentümer Ferdinand Piëch. Denn dieser sieht die Chance, seinen alten Traum von einem LKW-Konzern unter VW-Kontrolle, der ihn im Jahr 2000 zum Einstieg bei Scania bewogen hat, doch noch zu realisieren. Daher entspricht es Piëchs Logik, das verfahrene Projekt nun selbst voranzutreiben und sich mit MAN-Aufsichtsratschef Ekkehard Schulz und Jacob Wallenberg von Investor zu treffen. Zumal die Kräfteverteilung für ihn ideal ist: Piëch hat eindeutig die besten Karten auf der Hand. Die Basis hat VW durch seinen überraschenden Einstieg bei MAN geschaffen. Der Autokonzern ist bei beiden Kontrahenten größter Aktionär. Ein Scheitern des Deals mit einem Kurssturz bei MAN und Scania wäre für VW ein Desaster.

Das wird Piëch mit allen Mitteln zu verhindern suchen. Er hat den Trumpf, dass er sich aussuchen kann, mit wem er sich verbündet. Szenarien gibt es genug: Sie reichen von einem über den Preis hinaus stark modifizierten MAN-Angebot an die Scania-Aktionäre bis zu einer Fusion unter Gleichen nach dem Vorbild Daimler-Chrysler. Selbst ein Gegenangebot der Schweden mit Hilfe von VW ist nicht völlig ausgeschlossen. Erste Wahl für Piëch dürfte aber ein anderes Modell sein: eine neue LKW-Holding, unter der die LKW-Aktivitäten von MAN und Scania gebündelt werden. In einem zweiten Schritt könnte VW seine brasilianische Brummi-Einheit gegen Aktien der Holding tauschen und seinen Einfluss ausweiten. Das Prozedere wäre zwar kompliziert, das Ergebnis aus VW-Sicht aber optimal: VW würde die Holding als größter Aktionär steuern. Die Marken MAN und Scania würden an Eigenständigkeit verlieren. Dieses System stülpen Piëch und sein neuer Konzernchef Martin Winterkorn gerade dem VW-Konzern über.

Der klare Verlierer dabei wäre MAN. Die Münchener, die sich auf das Nutzfahrzeuggeschäft konzentriert haben, würden zu einem mittelgroßen Maschinenbauer mit einer großen LKW-Beteiligung zurechtgestutzt. Ohne Zwang wird sich das MAN nicht gefallen lassen. VW müsste den Druck erhöhen, zur Not mit weiteren kostspieligen Anteilskäufen. Doch wer so hoch pokert, lässt sich auch davon nicht abhalten. Den Scania-Großaktionär Wallenberg könnte Piëch vielleicht auch für diese Lösung gewinnen. Denn auch die Schweden haben kein Interesse daran, ein totales Scheitern des Deals mit einem Wertverlust ihrer Beteiligung zu bezahlen. Die Wallenbergs könnten ihr Gesicht wahren, denn Scania würde eine schwedische Marke bleiben, die Urangst vor einer deutschen Übernahme schwinden. Vieles ist möglich, nur eines nicht: alles zurück auf null zu drehen. Denn das müssten alle Akteure teuer bezahlen.

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