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10.03.2012

17:29 Uhr

Marktwirtschaft

Verbessern, nicht beschimpfen

VonFrank Wiebe

Nach den Krisen der vergangenen Jahre ist der Kapitalismus wieder grundsätzlich in die Kritik geraten. Zu Unrecht! Die Frage lautet nicht, ob wir Marktwirtschaft wollen, sondern, welche wir wollen.

Frank Wiebe ist Kolumnist des Handelsblatts. Pablo Castagnola

Frank Wiebe ist Kolumnist des Handelsblatts.

DüsseldorfDas kennt jeder: Plötzlich tauchen Szenen im Kopf auf, die schon Jahrzehnte her sind. Flashback nennen das die Psychologen. Wer der heutigen Debatte über den Kapitalismus folgt, weiß, was ich meine. Man fühlt sich zurückversetzt in die 70er-Jahre, als in unseren Schulen linke Schüler konservative Lehrer beschimpften, derweil linke Lehrer nach zwei Gläsern Rotwein anfingen, von Che Guevara zu schwärmen. Nur die Rollen sind mittlerweile vertauscht: Nachdem die meisten Linken längst Teil des Systems geworden sind, kritisieren Konservative wie Thatcher-Biograf Charles Moore oder „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher „das System“. Wenn in Mode und Design „retro“ angesagt ist, warum dann nicht auch in der politischen Debatte?

Doch zur Aufklärung und Erkenntnis trägt die bisherige Debatte über den Kapitalismus wenig bei. Die Frage lautet nicht, ob wir Marktwirtschaft wollen, sondern, welche wir wollen.

Es gibt weltweit viele Varianten dieses Systems, die zum Teil auch mit betulicheren Namen bezeichnet werden – wie „Soziale Marktwirtschaft“. Aber in einem Punkt ähneln sie sich alle: Es muss einen Mechanismus geben, über den das Kapital in diejenigen Unternehmen fließen kann, die es produktiv verwerten. Nur so entsteht Wohlstand. Nur so verschwindet Armut.

Länder, bei denen alte feudale Strukturen oder eine fehlende juristische und finanzielle Infrastruktur dies verhindern, leiden nicht an zu viel, sondern an zu wenig Kapitalismus – und dort kann ebenso wenig wie im Sozialismus breiter Wohlstand entstehen.

Aber auch wenn durch ein Übermaß an Spekulation und Blasenbildung an den Finanzmärkten Kapital fehlgeleitet wird, funktioniert das System nicht mehr richtig, wie wir in den letzten Jahren vor Augen geführt bekamen: Das war nicht die Marktwirtschaft, wie wir sie kannten. Das war ihre Perversion, und sie hat gewaltige Schäden hinterlassen – die Schätzungen gehen bis zu zehn Billionen Dollar. Dabei hat sie nicht nur Banken, sondern auch viele Bürger in den Ruin getrieben.

Kommentare (18)

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Charly

10.03.2012, 18:40 Uhr

"Es muss einen Mechanismus geben, über den das Kapital in diejenigen Unternehmen fließen kann, die es produktiv verwerten. Nur so entsteht Wohlstand. Nur so verschwindet Armut."

Ja, nur dummerweise ist das nicht mehr so, und das ist das Problem.
Stattdessen fliesst das Geld in Zockerbanken und in Geschäftsmodelle die nicht mehr überlebensfähig sind, siehe Acta, siehe GEZ, siehe Gema, siehe Wulff & Co., siehe Griechenland........

Deshalb wird es Zeit dieses abgehalfterte System der ehrenwerten Gesellschaft notfalls gewaltsam zu zerschlagen. EUdSSR kaputtmachen, korrupte politische Straftäter brachial entsorgen.
EUdSSR ist Sozialismus nicht Marktwirtschaft.

Wer Marktwirtschaft und Demokratie zurückhaben will muss dieses EU-Verbrechersyndikat, dieses Reich Nummer vier zerstören.

keeper

10.03.2012, 19:01 Uhr

"Es muss einen Mechanismus geben, über den das Kapital in diejenigen Unternehmen fließen kann, die es produktiv verwerten. Nur so entsteht Wohlstand. Nur so verschwindet Armut."

"produktiv Verwerten" heißt: gewinnmaximierend.
Im (virtuellen) Extrembeispiel: ohne Einsatz irgendwelcher Ressourcen wird eine von aller Welt benötigte Leistung erbracht.

So. Und nun besitzt eine kleine Minderheit all diese Kapazitäten an Produktionsmitteln...
... wo bleibt da denn der Wohlstand ?

Richtig: bei dieser Minderheit, und sonst bei niemanden.


... und wie dieser Zustand mit einer Demokratie unter einen Hut zu bringen ist, kann sich ja einjeder selbst ausmalen ....

Lsg:
Kapitalerträge zu BGE - den Rest regelt der Markt.

Das ist nach meiner Definition allerdings kein "Kapitalismus" mehr, da in jenem das Produktivkapital in Privatbesitz ist - sondern "Sozialismus", mit dem sozialisierten, vergesellschaftetem Produktivkapital.
Angebot und Nachfrage treffen allerdings -wie gehabt- auf "dem Markt" aufeinander ...

... die Marktwirtschaft bleibt, der Kapitalismus geht.

Charly

10.03.2012, 19:20 Uhr

@keeper

-- nette Wortspielereien von @keeper

aber ich denke @keeper weiss sehr wohl was gemeint ist.

Wenn Konzerne immer grösser werden werden Kapitalismus und Sozialismus zur selben Sache.

Oft wird in der Presse in den Raum gestellt, dass die Gesellschaft die Marktwirtschaft ablehnt. Das ist aber falsch. Das Problem ist, die Marktwirtschaft wurde abgeschafft, und zwar von genau Denen, die behaupten, dass die Gesellschaft dagegen sei.

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