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06.04.2012

11:08 Uhr

Mein Kopf gehört mir

Statements aus Kulturbetrieben

Weit mehr als hundert Vertreter aus Kunst, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben sich für die Aktion „Mein Kopf gehört mir“ zu Wort gemeldet. Hier Statements von Galeristen und Museumsdirektoren.

DüsseldorfMehr als eine Million Kreative in Deutschland leben von den Einkünften, die ihnen ihre Texte, Lieder, Filme und Patente bringen. Denker, Tüftler und Dichter fordern im Handelsblatt: Auch künftig muss, wer immaterielle Werte schafft, entlohnt werden. Eine Gesellschaft, die ihre Kreativen vernachlässigt, beraubt sich der Zukunft.

Nicht auf Bäumen gewachsen

Die Forderung nach uneingeschränkter Nutzung geistigen Eigentums aus dem Internet unterliegt einem großen Missverständnis und liegt im Medium selber begründet. Die Verfügbarkeit nahezu allen Wissens, was dieses Universum bereit hält, erweckt den Eindruck, als wenn dieses auf den „Bäumen“ gewachsen wäre und nicht Ergebnis jahrelanger Arbeit ist. Besonders im gesamten kulturellen Bereich entstehen künstlerische Produktionen meist unter schwierigen finanziellen Voraussetzungen. Forderungen, dass dieses geistige Eigentum kostenlos aus dem Internet uneingeschränkt nutzbar sein soll, kann nur von Menschen kommen, die selber nicht kreativ tätig sind, den Stellenwert von Kultur für eine Gesellschaft nicht begreifen und deren Lebensunterhalt anderweitig gesichert ist. Eingeschränkte Nutzung ja, ausschließliche nein!

ANITA BECKERS, Galeristin in Frankfurt

Demokratie auch im Netz

Hinter der Forderung der Piraten-Partei nach freier Nutzung sämtlicher kreativer und gedanklicher Leistungen im Internet steckt ein doppelter Irrglaube, der in seiner Konsequenz sowohl naiv wie auch gefährlich ist. Zum einen impliziert diese Forderung, das Internet sei tatsächlich nichts als ein freier demokratischer Kommunikationsraum, und unterschlägt dabei die erheblichen Steuerungsmechanismen und Machtstrukturen, denen dieses Kommunikationsnetz unterliegt.

Zum anderen leitet die Piraten-Partei aus der vorgeblichen universalen Kommunikationsfreiheit eine Legitimation auf die unentgeltliche Nutzung aller Netzinhalte ab, die im krassen Widerspruch zum Schutz der individuellen Meinungs- und Freiheitsrechte steht. Wer in Kauf nimmt, dass das geistige Eigentum zur beliebigen Verfügungsmasse wird, darf sich nicht wundern, wenn wir statt dringend benötigter Kreativität zunehmend eine „Copy and paste“-Mentalität entwickeln.

STEPHAN BERG, Intendant des Kunstmuseums Bonn

Mein Kopf gehört mir: Über 160 Statements zum Urheberrecht

Mein Kopf gehört mir

Über 160 Statements zum Urheberrecht

Mehr als 160 Vertreter aus Kunst, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben sich für die Aktion „Mein Kopf gehört mir“ zu Wort gemeldet. Hier eine Übersicht über die Statements.

Kultur gibt es nicht umsonst

Dieses merkwürdigerweise immer wohlige Gefühl des sich Nehmen-könnens von Dingen, die einem eigentlich zustehen würden, erforderte traditionell Physis. So war’s bei Robin Hood, so war’s bei den Piraten. Dass heute als politische Forderung - in einem analog ausgebildeten Denken - per freigestelltem Rumgeklicke die Aneignung von geistigem Eigentum schlechte Realität werden soll, ist falsch und absurd. Kultur gibt es nicht umsonst; eine vornehme Aufgabe des Staats ist, die Kultur zu schützen und zu befördern. Unabdingbar ist, dass die Urheber angemessen bezahlt werden. Schutzfristen müssen, um über die bestehende Gesetzeslage nachzudenken, wiederum unbedingt verkürzt werden, denn geistiges Eigentum ist nicht über Generationen vererbbar.

KLAUS G. FRIESE, Bundesverband Deutscher Galerie

Mein Kopf gehört mir: Statements von Künstlern

Mein Kopf gehört mir

Statements von Künstlern

Weit mehr als hundert Vertreter aus Kunst, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben sich für die Aktion „Mein Kopf gehört mir“ zu Wort gemeldet. Hier Statements von Autoren und Schriftstellern.

Es bedarf einer Gegenleistung

Keiner bestreitet, dass unser gemeinsames Kulturgut jedem zugänglich sein sollte, was in Zeiten des World Wide Webs endlich weitestgehend Realität geworden ist. Nie zuvor in der Geschichte der Menscheit war es so einfach, geistig teilzuhaben an den Errungenschaften der unterschiedlichsten Kulturen der Welt - und das mit lediglich ein paar Klicks, sogar mobil. Diese fördert die globale kulturelle Demokratie, doch der demokratische Zugang zu Kulturgütern heißt nicht, dass dieser umsonst erfolgen muss. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wobei jede Leistung mit einer Gegenleistung - egal welcher Art - belohnt wird. Künstler, Autoren, Wissenschaftler und alle andere, die ihr geistiges Eigentum im Internet der Weltgemeinschaft zur Verfügung stellen, verdienen auch ihre Gegenleistung. Denn ohne Gegenleistung besteht auch weniger Motivation. Und ohne Motivation leidet auch die Qualität. Das Resultat ist logisch und nachvollziehbar: Wenn alles, was im Internet gespeichert ist, auch kostenlos der ganzen Welt zur Verfügung stehen würde, würde herzens wenig im Internet stehen. Der Schutz von geistigem Eigentum ist daher auch ein Garant für die geistige Demokratie.

GÉRARD A. GOODROW, Galerist Beck & Eggeling

Schlicht und einfach Unsinn

Die Forderung der Piratenpartei nach Freigabe kreativer Leistungen im Internet halte ich schlicht und einfach für Unsinn! Das wäre der Einstieg in den Ausstieg aus dem Urheberrecht und würde den freischaffenden Künstlern gleich welcher Sparten erheblichen Schaden zufügen. Das © ist keine Fessel, sondern Schutz!

RUDOLF KICKEN, Fotografie-Händler

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

06.04.2012, 14:34 Uhr

Hinter den Urhebern stehen immer die Verlage. Das Urheberrecht wurde von den Verlegern geschaffen, nicht von den Urhebern selbst. Auch heute noch machen die Urheber nur das, was die Verleger wollen und wenn es nach dem Wunsch der Verleger ginge, waeren 2/3 der gesamten Bevoelkerung seit langem im Gefaengnis.

Die Urheber tun die Unschuldingen aber sie sind in der Tat Komplizen in der Kriminalisierung der Bevoelkerung. Sie sind heute die schlimmsten Feinde ihrer Leser.

Ich rate allen Lesern dazu, beruehmte Autoren zu vermeiden (sie sind sowieso meist Autoren von Bestsellers d.h. minderwertiger Literatur) und neue Autoren zu entdecken, von denen Internet nur so wimmelt.

Die beruehmten Autoren, die ein gutes Lied oder ein gutes Buch mal geschrieben haben, wollen das ganze Leben davon profitieren ohne zu arbeiten. Ohne sie und ihren Einfluss auf die Politiker koennte sich die Literatur, die Musik, die Kunst richtig entfalten. Man braucht nur auf Indien (Bollywood) zu denken. Die haben die beste Musik ueberhaupt und kein Urheberrecht. Das ist kein Zufall!

Liebe Urheber, versuchen Sie mal etwas zu erarbeiten das von den Verlegerwuenschen unabhaengig ist, dann werden Sie weit glaubwuerdiger!

aua

06.04.2012, 21:37 Uhr

Das zeigt mir wieder, dass wir alle nur Menschen sind und nicht besser und nicht schlechter als andere und leider auch nicht klüger und dümmer als andere. Es gibt Leute die halte ich persönlich schon für sehr klug. Die finde ich aber eher bei den Piraten, weil diese mehr Weitblick beweisen. Denn wenn ich mir die Argumente der 100 durchlese, stelle ich fest, dass viele Angst haben um sich selbst. Und das gibt wesentlich Auskunft über diese Menschen, deren starkes Ego sie treibt. Sie sehen nicht die armen Kinder deren Eltern verhaftet werden, weil Sie sich ein Hörbuch nicht leisten konnten, weil Sie unten durchgefallen sind in der Gesellschaft, obwohl Sie sich so bemüht haben. Oder die jugendlichen die sich strafbar machen, weil sie nur 2 Mausklick entfernt von ihrem Lieblings-Musik entfernt leben und dann in einer ungünstigen Minute doch der Verlockung nicht wiederstehen können. Tja und vielleicht pech haben und Ihr Leben damit verwirkt haben. Warum? Weil es gibt da ein paar Egoisten, den geht es so richtig gut auf dieser Welt, die haben auf jeden Fall keine finanziellen Sorgen. Haben diese vielleicht nie gekannt außen zu wenig Taschengeld. Und deren Ego hat Angst, sie könnten ein paar Euro zu wenig verdienen. Und schreien quasi dann ganz laut in Ihrer Welt: "Verhaften, Wegsperren, Mauern bauen. Wehr sich meine Welt nicht leisten kann, der verdient sie nicht!" Was soll ich davon halten? Ich finde das einfach armselig. Pfui!

-gh

06.04.2012, 22:10 Uhr

Die Debatte zwischen "free and open source" ist eine Debatte rund um die Gesellschaft, in der wir langfristig leben wollen - und nicht vorwiegend eine Debatte um Urheberrechte. Es geht um die Frage von freiem Saatgut, die Patentierbarkeit von Lebewesen - und letztlich auch Menschen, den freien Zugang zu Medikamenten (wer erinnert sich nicht an Südafrika und Indien, denen die Pharmakonzerne die Produktion von Generika untersagten und damit Menscheleben bedrohten) und ähnliche Themen - nicht darum, ob der nächste Kommerzhit nicht nur 10 Mal auf unterschiedlichen Ebenen verwertet wird, sondern auch von ein paar Kids heruntergeladen wird.

Im Namen des "Schutzes der Autoren" werden so schon seit Jahren Gesetze erlassen und Entscheidungen getroffen, die die rechtsstaatliche Balance massiv gefährden.

Schutzrechte sollen Autoren (ich sage bewußt nicht Rechteverwertern) ermöglichen, von ihrer Arbeit zumindest teilweise zu leben. Hier muß der Schutz gewährleistet sein. Das Urheberrecht gewährt in diesem Sinn sowieso schon weitaus mehr Rechte - bis zu 70 bzw. 90 Jahre NACH dem Tod des Autors.

Wenn wir die Urheberrechte konsequent umsetzen, dürften wir auch nicht Kafka in der Schule lesen. Er selber wollte, daß sie verbrannt werden - und so hätten sie nie in die Public Domain kommen können - ein Schicksal, daß insbesondere kopiergeschützte Werke in Zukunft erleiden werden. Damit nützen "harte Regelungen" aufbauend auf einem Eigentums- und Rechtsverständnis, daß nicht an die digitale Realität angepasst ist, niemanden, weil sie ins Leere greifen.

So kann ich auch nur darauf hinweisen, dass jeder kleine "Sieg" zu strengeren Kontrollen und Regelungen so große Kollateralschäden mit sich bringt. Gerade die kleinen und mittleren Unternehmer werden so für Gesetze streiten, die multinationale Konzerne gegen sie so ausnutzen werden - und die ihre Existenz weit mehr bedrohen als eine Einigung und ein Dialog mit den Downloadern.

-gh

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