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02.02.2007

05:56 Uhr

Merkel

Frau des Jahres

VonFrederick Kempe

Angelina Jolie und Sharon Stone suchte man beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum vergebens. Forum-Chef Klaus Schwab wollte Substanz statt Schaumschlägerei. Und damit brachte die schaumfreie Angela Merkel es in Davos zur Frau des Jahres.

Sie verdankt diese Ehre bis zu einem gewissen Grad den Pflichtversäumnissen anderer: Condoleezza Rice war mit dringenderen Aufgaben beschäftigt, und Hillary Clinton widmete sich eifrig dem Wahlkampf. Mangel an Wettbewerb ließ Frau Merkel dann sogar als einen der vielversprechendsten politischen Führer des Globus erscheinen. Sie beeindruckte nicht mit besonderem Charisma oder glänzender Rhetorik. Ihre Rede in Davos war eher trocken und wenig mitreißend. Aber Merkel nutzte den historischen Moment, um klar zu machen, dass globale Führung immer stärker auf mehreren Schultern ruhen muss. Dies will sie mit einer Reihe von Auslandsreisen beweisen. Eine davon führt sie jetzt in den Nahen Osten. Kein Zweifel, dass sich der Kanzlerin eine günstige Gelegenheit bietet, den Sorgen zu Hause entkommen zu können, wo eine nicht funktionierende Koalition und eine selbstgefällige Gesellschaft innenpolitischen Ambitionen im Wege stehen.

Wenn sie versucht, Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu schaffen, zeigt das auf gewisse Weise, wie frustrierend ihre Bemühungen waren, das deutsche Gesundheitssystem zu reparieren und die Wirtschaft zu liberalisieren. Sie will keine Entscheidungen erzwingen, die Deutschland wettbewerbsfähiger machten. Das wird noch einmal auf sie zurückfallen. Der deutsche Aufschwung zeigt schon Anzeichen von Schwäche. Die Belebung des vergangenen Jahres war ein trügerischer Schein, der auf die Restrukturierung in Unternehmen, eine wachsende Weltwirtschaft und mehr privaten Verbrauch zurückging. Letzterer aber verdankt sich dem Optimismus auf Grund der Fußball-WM und vorgezogenen Käufen im Vorfeld der Mehrwertsteuererhöhung. Dessen ungeachtet hat Frau Merkel eine historische Chance, denn sie verfügt über eine Mischung aus demokratischen und marktwirtschaftlichen Prinzipien und persönliche Integrität, die sie zum „Nicht-Schröder“ machen, und ein gut artikuliertes historisches Bewusstsein.

Ich gebe zu, dass mich Merkels Benjamin-Franklin-Zitat in Davos berührt hat, mit dem sie mehr wirtschaftliche Freiheit in Europa forderte. „Jede Gesellschaft, die ein wenig Freiheit aufgibt, um ein wenig Sicherheit zu erlangen, verdient weder die eine noch die andere und wird beide verlieren.“ Das ist eine angemessene Botschaft an das heutige Deutschland und Europa. Es ist ermutigend, dass diese Kanzlerin Europas Interesse an einer engeren Beziehung zu den USA wieder entdeckt hat. Sie bemüht sich, einen echten transatlantischen Markt zu schaffen und übernimmt Führung in Europa. Ich persönlich würde mich weniger um die EU-Verfassung bemühen und mehr um demokratische Rechte. Die Bürger werden sich nie mit einer Brüsseler Bürokratie verbunden fühlen, deren Präsidenten sie nicht wählen dürfen.

Wichtiger für diesen „Nicht-Schröder“ ist, wie sie Deutschland aus Jacques Chiracs Tasche geholt und Wladimir Putins Bärengriff entzogen hat – der sich für Schröder durch einen dicken Scheck von Gazprom ausgezahlt hat. Mehr Energieabhängigkeit von Moskau ist ein Geschenk, das Merkel von ihrem Vorgänger bekommen hat. Aber ihre Einstellung ist viel realistischer. Frau Merkel hat Deutschland als ehrlichen Makler in Europa positioniert und einen guten Draht zu Präsident George W. Bush. Dessen Bereitschaft zur Belebung des Nahost-Quartetts und seine veränderte Haltung zum Klimawandel gehen offenbar auch auf sie zurück. Vielleicht ist ihre größte Stärke – und ihre größte potenzielle Schwäche – die Tatsache, dass sie über ein viel größeres historisches Verständnis verfügt als die meisten ihrer Wähler. Die schenken Kämpfern für die Freiheit Ostdeutschlands und damit für die deutsche Einheit wie Jens Reich wenig Beachtung. Sie haben auch keinen Sinn für die entschiedene Führung durch Helmut Kohl, die wichtige Rolle Lech Walesas, Bronislaw Geremeks und amerikanischer Politiker wie Ronald Reagan und George Bush sen., die zum Fall des Kommunismus beitrugen. Es ist nicht leicht, ein Land zu führen, das seinen Helden nicht den gebührenden Platz einräumt. Noch schwerer ist es, wenn man im Konsens führen will, der gesellschaftliche Konsens aber so gar nicht inspiriert ist vom Wunsch nach Wandel, nach europäischer Dynamik oder Partnerschaft mit den USA.

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