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28.06.2012

15:36 Uhr

Merkels Ablehnung stärkt Europa

Nein! No! Non!

VonGabor Steingart

Beim EU-Gipfel wollen die Südstaaten gemeinsam mit Brüssels Bürokraten Deutschlands Haftung in Europa erhöhen. Damit schaden sie deutschen Wirtschaftsinteressen und der europäischen Idee. Dagegen steht die Kanzlerin.

Die Kanzlerin im Bundestag: Eine Vergemeinschaftung von Schulden durch „Euro-Bonds“ lehnt Merkel strikt ab. dapd

Die Kanzlerin im Bundestag: Eine Vergemeinschaftung von Schulden durch „Euro-Bonds“ lehnt Merkel strikt ab.

Der komischste Moment in Merkels Kanzlerschaft war jener, als sie den Deutschen ihre Sparguthaben garantierte. Denn die tiefe Tasche, in die sie da greifen wollte, hat ein riesiges Loch: Merkel ist Sprecherin eines Staates, der mit zwei Billionen Euro verschuldet ist. Käme einer auf die Idee, unsere Staatskasse zu rauben, würde er feststellen, dass nur ein riesiger Schuldschein darin liegt. Das wirkliche Vermögen unserer Volkswirtschaft sind der Fleiß und das Können der Bürger - das in den Sparguthaben seinen materiellen Ausdruck findet. 1,818 Billionen Euro sind es mittlerweile.

Für diese Summe kann auch ein moderater Schuldenstaat wie Deutschland nicht garantieren. Aber diese Summe kann man als Pfand ins Spiel bringen. Und genau auf diese Idee ist der Brüsseler Hofstaat um den Portugiesen José Manuel Barroso gekommen. Nachdem der deutsche Steuerzahler schon mit rund 300 Milliarden Euro im Risiko steht, soll nun auch das in sechs Jahrzehnten Angesparte an den Euro-Rettungskreislauf angeschlossen werden. Das Positionspapier der EU-Spitzen gilt in Brüssel als Masterplan für den heute beginnenden EU-Gipfel.

Die Logik der Idee ist nicht zu bestreiten. Der Euro liegt auf der Intensivstation, wo er seit zwei Jahren schon mit Geldinfusionen aller Art versorgt wird. Der deutsche Einlagenschatz würde in flüssiger Form auf den Patienten wie ein Aphrodisiakum wirken.

Gabor Steingart ist Chefredakteur des Handelsblatts. Uta Wagner für Handelsblatt www.uta-wagner.com

Gabor Steingart ist Chefredakteur des Handelsblatts.

An dieser Stelle kommt nun erneut Merkel ins Spiel. Gestern erlebte sie den besten Moment ihrer Kanzlerschaft. Wie eine Löwin warf sie sich vor den Schatz der Sparer: „Kontrolle und Haftung müssen Hand in Hand gehen.“ Die vorgeschlagenen Ideen zur Vergemeinschaftung von Schulden halte sie für ökonomisch falsch und kontraproduktiv. Europa müsse sich zu einer Stabilitätsunion entwickeln. Mit ihr werde es keine Vergemeinschaftung von Schulden geben, „solange ich lebe“, hatte sie tags zuvor beim Besuch in der FDP-Fraktion gesagt. In dieser Klarheit hatte man das von ihr noch nicht gehört. Politik mit Prinzipien: Das war die Merkel, die man sich häufiger wünscht.

Jetzt muss sie nur noch unseren Freunden auf dem Gipfel erklären, dass niemandem geholfen wäre, wenn Deutschland die Früchte seiner Arbeit freigiebig herumreichen würde. Es ist sogar andersherum: Ja zu Europa bedeutet Nein zu Barrosos Ideen. Das Ersetzen der wichtigsten Zutaten der Marktwirtschaft - Arbeit und Anstrengung - durch Konsum und Kredit hat uns dahin geführt, wo wir heute stehen.

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Ein beherztes Nein zu diesen Vorschlägen bedeutet also ein Ja zu Europa. Denn Europa braucht eine Ärmel-hoch-Kultur und keine parasitäre Philosophie, bei der jeder nach dem Reichtum des Nachbarn trachtet. Europa kann zu den Bedingungen Griechenlands, Portugals und Spaniens nicht funktionieren. Das funktioniert ja schon in Griechenland, Portugal und Spanien nicht.

Der gestrige Tag war ein guter Tag für Deutschland und seine Sparer. Die Sparkassenorganisation würde dem Land einen Dienst erweisen, wenn sie den gestrigen Tag kurzerhand zum Weltspartag erklärte - mit Merkel als Schirmherrin und Schutzgöttin der deutschen Sparer.

Kommentare (63)

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Analyst

28.06.2012, 15:43 Uhr

Mal schauen, ob sie uns wieder verrät (wie schon zuvor mehrere Male umgefallen) und für ein paar Pöstchen unsere Interessen wieder verkauft. Wer zum Teufel hat dem Schäuble und der Merkel den Auftrag gegeben deutsche Haftung für mehr Kontrolle zu verkaufen. Wieso signalisieren sie andauernd zahlen zu wollen, wenn man denen (Führungspöstchen?) mehr Kontrolle gibt. Was soll das? Wovon leiten die Verräter die Legitimität ab so zu handeln?

otto15

28.06.2012, 15:44 Uhr

Kommentar zum Kommentar: Ja, Yes, Oui!!

Account gelöscht!

28.06.2012, 15:44 Uhr

Sehr geehrter Herr Steingart, jeden einzelnen Satz kann ich vorbehaltlos unterschreiben.

Die Klagen der Bundesbank, der Rechnungshofpräsidenten, des Sachverständigenrates, des Bundes der Steuerzahler, des Verbandes "Die Familienunternehmer", des ifo-Instituts, diverser Protestbewegungen UND DER BÜRGER scheinen allmählich Gehör in Berlin zu finden.

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