Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.12.2012

12:46 Uhr

Mitsprache abgeschafft

Das Ende der Pseudo-Demokratie bei Facebook

VonChristof Kerkmann

Ende der Mitsprache 2.0: Facebook nimmt den Mitgliedern die Möglichkeit, über neue Nutzungsbedingungen abzustimmen. Das ist zwar bedauerlich – aber wenigstens ehrlich. Ein Kommentar.

Facebook können seit 2009 bei der Einführung neuer Nutzungsregeln mitreden. Doch das Online-Netzwerk schafft die Mitsprache nun wieder ab. AFP

Facebook können seit 2009 bei der Einführung neuer Nutzungsregeln mitreden. Doch das Online-Netzwerk schafft die Mitsprache nun wieder ab.

Facebook schafft die Mitbestimmung ab: Die Mitglieder des Online-Netzwerks dürfen bei Änderungen an den komplexen Nutzungsregeln künftig nicht mehr mitreden. Ein Verlust ist das nicht. Denn Facebook bot keine Demokratie, sondern nicht mehr als ein verzichtbares Pseudo-Wahlrecht.

Bei der Einführung der Mitbestimmungsregeln im April 2009 mag Facebook vielleicht aufrichtig gehofft haben, dass die Nutzer die Plattform mitgestalten – zumindest vor dem Börsengang sprach Firmengründer Mark Zuckerberg gerne davon, dass das Netzwerk eine „soziale Mission” habe und die Welt besser machen solle. Das Online-Netzwerk hatte die Mitsprache immer wieder als einzigartiges Beispiel für Demokratie im Verhältnis zwischen einem Unternehmen und seinen Kunden hervorgehoben. Doch diesem hehren Anspruch ist es nie gerecht geworden.

Die größten Sorgen von Facebook

Die Nutzer bleiben aus

Facebook ist seit seinen Anfängen im Februar 2004 rasend schnell gewachsen. Das Soziale Netzwerk hat mehr als eine Milliarde aktive Nutzer, knapp 600 Millionen schauen sogar täglich vorbei. „Die Größe unserer Nutzerbasis und ihre Bindung an uns ist entscheidend für unseren Erfolg“, erklärt Facebook. Es gebe aber keine Garantie dafür, dass neue Funktionen gut ankämen und die Mitglieder bei Laune hielten. „Auch eine ganze Reihe anderer sozialer Netzwerke hat schnell an Popularität gewonnen, seitdem ist die Zahl der aktiven Nutzer aber zurückgegangen, in manchen Fällen sogar jäh.“ Facebook spielt damit auf den einst großen Rivalen MySpace an; auch die deutschen Konkurrenten SchülerVZ und StudiVZ bekommen den Facebook-Hype drastisch zu spüren.

Die Werbung bleibt aus

Emsige Nutzer sind gut und schön, aber das Geld bringen erst die Werbekunden. Knapp 90 Prozent der Einnahmen stammten im vergangenen Jahr aus Anzeigen. Bislang tut sich die Werbebranche aber noch schwer damit, den Wert von Facebook-Anzeigen zu erkennen, in vielen Unternehmen gelten sie eher als Experiment denn als fester Bestandteil der Kampagnen. Überdies besuchen immer mehr Nutzer Facebook mit dem Smartphone oder Tablet-Computer. Auf den kleinen Bildschirmen der mobilen Geräte lässt sich Werbung jedoch schlechter platzieren. Immerhin konnte das US-Unternehmen bei den mobilen Anzeigen zuletzt deutlich zulegen – ein Hoffnungszeichen für die Investoren.

Die Konkurrenz schläft nicht

Facebook ist zwar die unumstrittene Nummer eins unter den Sozialen Netzwerken, doch das Internet ist groß. „Wir sehen uns in nahezu jedem Bereich unseres Geschäfts Konkurrenz gegenüber, darunter von Firmen wie Google, Microsoft und Twitter“, erklärt Facebook in einem Bericht an die Börsenaufsicht SEC. So hat Google mit Google+ ein eigenes Soziales Netzwerk aufgezogen, das allerdings noch deutlich kleiner ist als der blaue Riese. Es gibt auch starke regionale Netzwerke, Facebook führt namentlich Cyworld in Korea, Mixi in Japan, die Google-Tochter Orkut in Brasilien und Indien sowie vKontakte in Russland auf. Auf dem chinesischen Markt, wo Facebook noch gar nicht vertreten ist, warten die Platzhirsche Renren, Sina und Tencent. „Einige unserer aktuellen und künftigen Rivalen haben deutlich mehr Ressourcen und eine bessere Stellung in bestimmten Märkten als wir.“

Die Staatsmacht greift durch

Die Regierungen haben Facebook im Blick: „Es ist möglich, dass die Regierungen in einem oder mehreren Ländern die Inhalte von Facebook zensieren oder den Zugang zu Facebook einschränken“, weiß das Unternehmen. Denn das Soziale Netzwerk kann ungeahnte Kräfte entfalten – wie der arabische Frühling zeigte. Die jungen Menschen, die auf die Straße gingen, hatten sich nicht zuletzt über Facebook organisiert. Es habe bereits Zensur unter anderem in Iran, Nordkorea und Syrien gegeben, zählt Facebook auf. Alles große Märkte. In anderen Ländern wie Deutschland musste sich Facebook wiederum Kritik an einem laschen Umgang mit dem Datenschutz vorhalten lassen.

Die Nerds untergraben das Geschäft

Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagt, ihm gehe es nicht in erster Linie ums Geldverdienen. Er wolle das Netzwerk vorantreiben. Auf diese Linie hat er auch seine mehr als 3000 Mitarbeiter eingeschworen. „Wir haben eine Kultur, die die Mitarbeiter dazu ermuntert, schnell neue Produkte zu entwickeln und sie rasch einzuführen.“ Diese Firmenkultur vertrage sich aber nicht immer mit dem Geschäftlichen, räumt Facebook ein. „Wir treffen regelmäßig Produktentscheidungen, die unseren Umsatz und unsere Profitabilität kurzfristig schmälern können.“

Das fängt schon beim Prozedere an. Damit es überhaupt zu einer Abstimmung über neue Regeln kam, mussten 7000 Nutzer den Vorschlag kommentieren. Erst danach legte das Unternehmen mehrere Alternativen vor. Als verbindlich sah es ein Votum aber nur an, wenn sich mindestens 30 Prozent der aktiven Nutzer beteiligten. Diese Hürde war praktisch unüberwindbar: Angesichts einer Nutzerschaft von mehr als einer Milliarde Mitglieder müssten mehr als 300 Millionen abstimmen.

Zumal Facebook nur einen Bruchteil seiner Nutzer auf die neuen Vorschläge hinwies. Das Unternehmen, das sich dem Teilen von Informationen verschrieben hat, veröffentlichte sie lediglich auf der Seite „Facebook Site Governance“. Nur 2,7 Millionen Mitglieder abonnieren die Einträge. Erst zuletzt, bei der finalen Abstimmung über die Abstimmung, informierte Facebook alle Nutzer per E-Mail. Das war zu spät, um die Online-Demokratie einzuüben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×