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05.01.2009

16:28 Uhr

Notenbanken

Hebelgesetze

VonFrank Wiebe

Die Notenbanken drucken Geld. Kürzer kann man zumindest das, was die US-Notenbank zur Rettung der Wirtschaft tut, nicht beschreiben. Und die Europäische Zentralbank ist auch näher an diesem Punkt, als nach außen sichtbar wird.

Handeln wir uns damit nicht eine gewaltige Inflation ein? Oder droht wegen der Rezession eher die Gefahr einer Deflation, also sinkender Preise auf breiter Front?

Kurzfristig dürfte die Gefahr einer Deflation weitaus größer sein. Und was mittelfristig passiert, hängt weniger davon ab, was die Notenbanken heute tun. Sondern eher davon, wie sie reagieren, wenn die gewaltige Finanz- und Wirtschaftskrise zu Ende geht, wenn sich die Erholung andeutet.

Zurzeit verlängern die Notenbanken ihre Bilanzen: entweder durch die direkte Kreditvergabe wie in den USA oder durch den großzügigen Ankauf verbriefter Kredite wie in Europa. In beiden Fällen wird so Liquidität geschaffen oder, kurz gesagt, "Geld gedruckt".

Der entscheidende Punkt ist aber: Wenn normale Geschäftsbanken ihre Bilanzen verlängern, wird ebenfalls neues Geld geschaffen. Der Sparer hat seine Einlage, der Kreditnehmer bekommt den Kredit ausbezahlt - so haben auf einmal beide die Summe Geld zur Verfügung, die vorher nur einmal da war. Und genau dieser Prozess ist den Notenbanken, die ihn eigentlich kontrollieren sollten, in den letzten Jahren aus dem Ruder gelaufen. Die Geldhäuser haben ihre Bilanzen auf immer abenteuerlichere Verschuldungsgrade aufgepumpt und zugleich über ausgelagerte Gesellschaften noch Schattenbilanzen geführt. So entstand eine Welle an Liquididät, die allerdings kaum zu Inflation, dafür aber zur Blasenbildung an den Kapitalmärkten geführt hat - und durchaus auch zu Wirtschaftswachstum. Und dann zur Krise.

Genau dieser Prozess wird jetzt umgedreht. Weil die Märkte das Vertrauen in die Banken verloren haben, müssen die Geldhäuser ihre Verschuldung abbauen, also Bilanzen verkürzen. "Deleveraging", Herunterhebeln, heißt dieser furchtbare Prozess. Und was tun die Notenbanken? Sie steuern dagegen, indem sie ihre eigenen Bilanzen verlängern - sie hebeln herauf. Und die Regierungen schaffen ebenfalls Liquidität, wenn sie Investitionen auf Pump finanzieren. Besonders deutlich wird diese Art der Geldschöpfung, wenn der Staat sich über "Tagesanleihen" refinanziert, was der Bund zurzeit offensiv betreibt.

Von dem "Gelddrucken" der Notenbanken ist also im Moment keine Inflation zu befürchten, weil sie sich damit letztlich nur einem Trend im Finanzsektor entgegenstemmen, der genau in die andere Richtung läuft. Bleibt die Frage: Was passiert danach, wenn die wirtschaftliche Erholung kommt?

Wenn alles gut läuft, fangen die Banken in absehbarer Zeit wieder an, Kredite zu vergeben, also ihre Bilanzen zu verlängern, Geld zu "schöpfen". Die Notenbanken sollten im Gegenzug ihre Bilanzen wieder eindampfen, also Kredite zurückfahren. Die Regierungen sollten ebenfalls wieder herunterhebeln, also Schulden abbauen und im Gegenzug Kapitalbeteiligungen an Banken, die sie wegen der Krise eingegangen sind, zurückfahren. Idealerweise läuft das alles so kontrolliert ab, dass die Märkte nicht mit Geld überschwemmt werden.

Es besteht freilich die Gefahr, dass Notenbanken und Regierungen aus Angst, nach einer schweren Krise die Erholung gleich wieder abzuwürgen, zu spät und zu zögerlich reagieren. Dann könnte es tatsächlich zu einer Inflation kommen. Vor allem dann, wenn die Glaubwürdigkeit der Notenbanken allzu sehr gelitten hat und wenn es genügend preistreibende Faktoren gibt, etwa neue Engpässe auf wichtigen Rohstoffmärkten.

Es kann auch passieren, dass das allgemeine Preisniveau unauffällig bleibt, sich dafür aber neue Blasen auf den Kapitalmärkten bilden. Das wäre genau dasselbe Szenario wie zwischen der Tech-Bubble-Krise Anfang des Jahrtausends und der heutigen Finanzkrise. Welches der beiden Szenarien eintritt, ist schwer zu sagen, vielleicht ist es auch eine Mischung von beiden. Das alles heißt aber, dass eine offensive Notenbankpolitik heute keine Gefahr für die Preisstabilität darstellt. Die Frage ist vielmehr, ob die Geldpolitik später schnell genug zu alten Tugenden zurückfindet - oder, im Fall der amerikanischen Notenbank, überhaupt erst zu neuen Tugenden hinfindet.

Auf der einen Seite denken auch die Amerikaner inzwischen intensiv und sehr kritisch darüber nach, wie sehr ihre lockere Geldpolitik die Finanzkrise begünstigt hat. Auf der anderen Seite besteht aber die Gefahr, dass im weiteren Verlauf der Krise eine großzügige Geldpolitik - möglicherweise zusammen mit einer ähnlichen Finanzpolitik - so selbstverständlich wird, dass es schwer wird, wieder umzusteuern. Daher gilt es, rechtzeitig wachsam zu sein.

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