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23.01.2015

14:58 Uhr

Ödegaard und Real Madrid

Wird Norwegens Supertalent der neue Messi?

VonVictor Fritzen

Der FC Bayern hat das Nachsehen: Martin Ödegaard wechselt zu Real Madrid. Der junge Norweger ist nunmehr ein Königlicher. Dabei wäre der 16-Jährige bei einem anderen Verein besser aufgehoben. Ein Kommentar.

Stolz wie Oskar: Martin Ödegaard (li.) mit Real-Vorstandsmitglied Emilio Butragueño. AFP

Stolz wie Oskar: Martin Ödegaard (li.) mit Real-Vorstandsmitglied Emilio Butragueño.

MadridIn einem etwa einminütigen Video lässt Real Madrid seinen jüngsten spektakulären Einkauf schon mal tanzen. Als ob seine Gegenspieler vor Ehrfurcht erstarrt wären, dribbelt Teenager Martin Ödegaard durch die gegnerische Abwehr. Mit gerade einmal 16 Jahren wird das norwegische Toptalent nun ein Königlicher. Für die kommenden sechs Jahre. Wird er der neue Messi? So wie sein großes Vorbild? Zumindest ist Vorsicht geboten.

Real hat zunächst einmal das Rennen um eines der derzeit wohl größten Talente auf dem europäischen Fußball-Markt gemacht. „Für mich geht ein Traum in Erfüllung. Es ist einfach unglaublich, für den besten Club der Welt spielen zu können“, sagte Ödegaard bei seiner Vorstellung am Donnerstag. Doch ist der Wechsel von Strömsgodset Drammen nach Spanien tatsächlich die richtige Entscheidung?

Auch der FC Bayern hatte sich bemüht: Ödegaard hatte im Dezember zwei Tage zur Probe mittrainiert. „Eine schöne Braut offensichtlich, und viele Bräutigame warten vor der Tür. Vielleicht sind wir ja der schöne Bräutigam“, hatte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zum internationalen Werben um den Teenager geäußert.

Supertalente des Fußballs - und was aus ihnen wurde

Patrick Falk (Deutschland)

Bester Mittelfeldspieler der U20-WM und der U16-EM. Als er 15 war, fragte der FC Barcelona an, doch Falks Vater verhinderte einen Abschied von Eintracht Frankfurt. Schaffte bei der Eintracht den Sprung in die Bundesliga, doch mit der Verpflichtung von Felix Magath war er dort chancenlos. Tingelte durch die Regionalliga, mehrmals verletzt. Karriereende mit 24.

Wladimir But (Deutschland)

Ottmar Hitzfeld nannte ihn einen „Rohdiamanten“ und eines der größten Talente Europas. Lange bei Borussia Dortmund, ohne sich wirklich durchzusetzen - auch wegen eines fragwürdigen Lebenswandels. Erfolglos bei Hannover 96 und Schinnik Jaroslawl, spielte 2008 wieder für seinen ersten Profiklub Tschernomorez Noworossijsk. 2010 Karriereende bei OFI Kreta in Griechenland.

Nikon Jevtic (Serbien)

Ein Wunderkind, das nach einem schwärmerischen Zeitungsartikel von seinem älteren Bruder in „El Maestro“ umbenannt wurde. Einst waren Real Madrid und der FC Barcelona interessiert, Jevtic ging aber nach Valencia und später zu Schalke 04. Schaffte es nicht in den Profibereich, fiel mit einem rassistischen Rap-Video auf. Spielte 2014 beim österreichischen Siebtligisten Blau-Weiß Hollabrunn - mit 21.

Marco Quotschalla (Deutschland)

„Ärger am Rhein: Streit um einen Zwölfjährigen“, schrieb der Spiegel 2001. Wechselte aus Leverkusen zum 1. FC Köln, wo er einen Achtjahresvertrag unterschrieb. Schaffte es dort nie zu den Profis, spielte in Aachen, Dattenfeld, Bonn, Trier. Seit Anfang des Jahres bei der TuS Koblenz in der Regionalliga.

Denilson (Brasilien)

Einst ein sicherer Kandidat für eine Weltkarriere. Betis Sevilla zahlte für den 20-Jährigen 1998 die Rekordsumme von umgerechnet 31,5 Millionen Euro und gab ihm einen Zehnjahresvertrag, doch nach fünf Jahren wechselte Denilson zu Girondins Bordeaux. Anschließend in Saudi-Arabien, den USA, Brasilien, Vietnam und Griechenland. 2002 Weltmeister als Ersatzspieler.

Sebastian Deisler (Deutschland)

Früh erfolgreich bei Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC, 2002 Wechsel zu Bayern München als Nachfolger für Stefan Effenberg. Immer wieder Probleme mit Depressionen, mehrere schwere Verletzungen. Karriereende 2007 (mit 27) trotz bestehenden Vertrages bis 2009.

Bojan Krkic (Spanien)

Der „neue Messi“ brach in der Jugendakademie des FC Barcelona sämtliche Rekorde. Jüngster Spieler für die Katalanen in der Champions League (17 Jahre, 22 Tage), jüngster Ligatorschütze der Vereinsgeschichte. 2010 wurde seine Ablöse auf 100 Millionen Euro festgeschrieben. Erfolglose Leihgastspiele in Rom, Mailand und Amsterdam. Wechselte 2014 zu Stoke City.

Sergej Evljuskin (Deutschland)

Durchlief sämtliche Jugend-Nationalmannschaften, teils als Kapitän, erhielt zweimal die Fritz-Walter-Medaille in Gold als bester Nachwuchsspieler. Wurde beim VfL Wolfsburg II „Kaiser“ genannt, weil er Kapitän des Klubs und der Nationalmannschaft war - wie Franz Beckenbauer. Spielt in der Regionalliga für Hessen Kassel, posiert auf seiner Homepage im Nationaltrikot.

Savio Nsereko (Deutschland)

Geboren in Kampala/Uganda. Mit 16 Profi-Debüt bei Brescia Calcio, 2009 für 8,5 Millionen Euro zu West Ham United gewechselt. Seitdem mehr Skandale als Tore. Sieben verschiedene Vereine seit 2010, 2012 von der SpVgg Unterhaching wegen einer ungenehmigten Thailand-Reise entlassen. Täuschte seine eigene Entführung vor, um Geld von seiner Familie zu erpressen. Seit 2013 beim FK Atyrau in Kasachstan.

Marco Villa (Deutschland)

Mit 18 jüngster Ligatorschütze in der Geschichte von Borussia Mönchengladbach. Schaffte nie den Durchbruch. 2003 in die italienische 3. Liga gewechselt, 15 verschiedene Vereine in 14 Jahren. 2009 als enger Vertrauter von Robert Enke groß in der Öffentlichkeit.

Nii Lamptey (Ghana)

Torschützenkönig der U17-WM 1991, galt als DAS Supertalent im Weltfußball. Mit 16 Profi beim RSC Anderlecht, sein Berater transferierte ihn nach Eindhoven, England, Venedig, Argentinien. Psychische Probleme nach dem Tod seiner Kinder, nirgendwo erfolgreich, auch nicht bei der SpVgg Greuther Fürth (1999-2001). Karriereende 2008.

Berkant Göktan (Deutschland)

„Eines der hoffnungsvollsten Talente Deutschlands“, das sollte Göktan sein. Spielte mit 17 für Bayern München in der Champions League gegen Manchester United, was sein Karriere-Höhepunkt blieb. Verkorkste Stationen in der Türkei, von 2006 bis 2008 noch einmal erfolgreich für 1860 München, dort allerdings wegen Kokainkonsums gefeuert. Karriereende 2014 beim SV Heimstetten in der Regionalliga (ein Spiel).

Freddy Adu (USA)

In Ghana geboren, mit 14 von internationalen Großklubs gejagt. War nach dem Draft in der Major League Soccer der jüngste Spieler seit 100 Jahren, der einen Vertrag in einer US-Profiliga bekam. Jüngster Torschütze und Spieler der MLS, dann in Lissabon, immer wieder ausgeliehen, kein Durchbruch. Derzeit bei EC Bahia in Brasilien.

Im Trainingslager der Bayern in Katar hatte Sportdirektor Matthias Sammer kürzlich noch von sehr guten Argumenten gesprochen. Er meinte damit Trainer Josep Guardiola und die Talente wie Gianluca Gaudino, die sich unter dessen Führung durchgesetzt hätten. Mehr könne man jedoch nicht tun, hatte Sammer betont, außer dass man ihn auch nicht mit Brötchen bezahle.

Der FC Bayern bekommt also einen Wunschspieler nicht. Das kommt nicht oft vor. Doch hat Ödegaard richtig entschieden? Der junge „König“ meint: Ja. „Ich habe mich für Real entschieden, weil ich dort die beste Option gesehen habe, um mich weiterzuentwickeln, auch im persönlichen und privaten Bereich.“ Allein, er wird einer von ganz vielen Perlen sein. Bei Real herrscht ein Überangebot wie in kaum einem anderen Klub.

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