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18.04.2006

11:19 Uhr

Papst gibt Impulse

Mystik für Deutschland

VonKlemens Kindermann

Benedikt XVI., seit einem Jahr im Amt, galt zunächst als Zauderer. Heute steht fest: Dieser 79-jährige Weise auf dem Stuhl Petri wird hier zu Lande für Aufbrüche sorgen. Was aber hat sich getan, dass sich nun so viele die Augen reiben und so stolz auf "ihren" Papst sind? Ein Essay.

Am 9. September wird Papst Benedikt XVI. wieder deutschen Boden betreten. Von München aus besucht er den Wallfahrtsort Altötting, das "Herz Bayerns", reist nach Regensburg, wo er Professor war, und trifft sich mit seinem Bruder. Keine hochpolitische Visite also, sondern die Lebenswurzeln. Dennoch: Dass ein Papst in so kurzer Folge seine Heimat zwei Mal besucht, ist ein kirchenhistorischer Ausnahmefall. Der Weltjugendtag im Sommer letzten Jahres hat den Deutschen "ihren" Papst schon nahe gebracht. Der Besuch in Bayern wird sein Übriges tun.

Inmitten dieser Euphorie über das einmalige Privileg der "Papst-Nähe" ist allerdings eine Perspektive festzustellen, die viele vorher nicht für möglich gehalten haben: Dieser 79-jährige Weise auf dem Stuhl Petri könnte gerade der Kirche in Deutschland entscheidende Impulse für eine Wiederbelebung geben. Und das nicht nur, weil er ein Deutscher ist. Ein Jahr nach der Wahl des Kardinals zum Oberhaupt der weltweit 1,1 Milliarden Katholiken wächst der Optimismus, Benedikt XVI. könnte die Woge der Begeisterung, wie sie sich nach dem Tod von Johannes Paul II. in dem Zug der Millionen nach Rom manifestierte und beim Weltjugendtag eine weitere Ausprägung erlebte, aufnehmen und nähren.

Als Joseph Ratzinger am 19. April 2005 als erster deutscher Pontifex seit der Reformation auf die Mittelloggia des Petersdoms trat, gesellte sich zur Freude noch Ungewissheit. Würde ein so enger Vertrauter von Johannes Paul II. die Kraft zu neuen Wegen finden? Würden einem Kirchenführer in so vorgerücktem Alter neue Akzente glücken?

Schon nannten italienische Zeitungen Benedikt einen Zauderer, da er auf globalen Feldern vermeintlich noch keine Schwerpunkte gesetzt habe. Doch Benedikt weiß genau, wo die größten Kritiker zu finden sind, denen es die Hand zu reichen gilt. Das betrifft in erster Linie Russland und China. Nach Russland entsandte Benedikt bereits kurz nach Amtsantritt Kardinal Walter Kasper, den Vorsitzenden des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Mittlerweile gilt ein Besuch Benedikts in Moskau immerhin als denkbar. Gegenüber China, mit dem der Vatikan wegen der Taiwan-Frage schon seit 1951 keine diplomatischen Beziehungen mehr unterhält, tritt Benedikt mit Nachdruck auf.

Auch Reisen stehen an, wie die erste "richtige" Auslandsvisite im Mai nach Polen. Überraschend ist aber dennoch, welch großes Schwergewicht Benedikt bisher auf seine Heimat Deutschland legt. Von Fahrten nach Afrika oder Lateinamerika, wo aufstrebende Kirchen wahrscheinlich die Zukunft der katholischen Weltgemeinschaft sichern werden, ist bisher nicht die Rede. Auch eine Visite etwa zur reichen und sehr gewichtigen Ortskirche in den USA mit ihren 65 Millionen Katholiken zeichnet sich nicht ab. Deutschland aber wird von Benedikt besucht und angesprochen.

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