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03.03.2006

13:00 Uhr

Polen

Ein Land zwischen Tragödie und Farce

VonReinhold Vetter

Macht, Privilegien, Korruption: Die Soziologin Maria Jarosz analysiert die polnische Wirklichkeit nach 1989.

WARSCHAU. Fast fühlt man sich an Karl Marx erinnert, der behauptete, geschichtliche Ereignisse würden sozusagen zweimal stattfinden: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.

Immerhin gibt es in der polnischen Zeitgeschichte seit 1989 einige Phänomene, die Marx? These bestätigen. Dazu zählt beispielsweise das rabiat vorgetragene Bemühen der seit Herbst regierenden Nationalkonservativen, Posten für Vorstände und Aufsichtsräte großer Staatsunternehmen mit eigenen Parteikadern oder Sympathisanten zu besetzen.

Die renommierte polnische Soziologin Maria Jarosz hat nun ein neues Buch vorgelegt ("Macht, Privilegien, Korruption - Die polnische Gesellschaft 15 Jahre nach der Wende"). Darin beweist sie, dass derlei Rochaden keineswegs nur eine Spezialität konservativer Kräfte sind. Diese Vorkommnisse seien in allen Transformationsstaaten Ostmitteleuropas zu beobachten.

Seit der Wende, schreibt Jarosz, hätten sich alle linken wie rechten Regierungen Polens an dieses fatale Handlungsmuster gehalten, besonders aber die in den Jahren 2001 bis 2005 regierende postkommunistische Linke. "Staatliche Gesellschaften sind en passant der wirtschaftliche Rückhalt der an der Macht befindlichen Parteien: eine Quelle von Vermögen oder Kapital, das man in private, von Parteien kontrollierte Gesellschaften transferieren kann, und eine Ballung von Posten für die politische Klientel", schreibt sie.

Auf der Basis empirischer Daten schildert Jarosz die "Kontinuität" der polnischen Entwicklung nach 1989 auch anhand anderer Phänomene. Dabei verweist sie insbesondere auf die Verschwendung öffentlicher Gelder und die deshalb wachsende Verschuldung des polnischen Staates. Sie prangert die mangelnde Professionalität der Regierungsbeamten an sowie das erschreckend niedrige Niveau der parlamentarischen Arbeit in Sejm und Senat.

Ausführlich befasst sich Maria Jarosz mit der Korruption. Besonders die Zoll- und Finanzverwaltung, der landwirtschaftliche Sektor, die Arzneimittelpolitik und die Vergabe öffentlicher Aufträge seien davon betroffen. Die Autorin führt das parasitäre Verhalten der politischen Eliten in Polen und auch in den anderen Transformationsstaaten Ostmitteleuropas auf die Geschichte und auf die Schwächen des Reformprozesses zurück.

Die Korruption der Macht, schreibt sie, sei ein zeitloses Phänomen, das sowohl für die polnische Adelsrepublik des 17. und 18. Jahrhunderts als auch für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und die kommunistische Volksrepublik nach 1945 gelte. Eine durchgreifende Reform des Staates, so das Fazit dieses ausgesprochen lesenswerten Buches, habe es trotz der Mitgliedschaft in der Europäischen Union bis heute nicht gegeben.

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