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08.01.2007

05:11 Uhr

Polen

Notwendige Katharsis

VonReinhold Vetter

Warschaus designierter Erzbischof Stanislaw Wielgus hat die Notbremse gezogen. Wenige Stunden vor seiner öffentlichen Einführung verzichtete er auf das Amt, das zu den einflussreichsten in Polens Kirchenhierarchie zählt. Offenbar konnte er dem öffentlichen Druck nicht mehr Stand halten. Insider in Warschau vermuten, auch der Vatikan habe letztlich kalte Füße bekommen.

Tatsächlich haben renommierte Historiker minutiös nachgewiesen, dass Wielgus lange Jahre intensiv mit dem früheren kommunistischen Geheimdienst kooperierte. Laut Umfragen lehnte die Mehrheit der Polen eine Amtsübernahme des Geistlichen ab. Das bedeutet viel in einem Land, das stark katholisch geprägt ist. Auch die nationalkatholische Regierung von Premier Kaczynski war zunehmend nervös geworden, zählt doch die Säuberung öffentlicher Institutionen von früheren Agenten zu ihren Hauptaktivitäten. Dass Polens Kirchenhierarchie bis zuletzt versuchte, Wielgus zu halten, zeigt einmal mehr ihre geringe Bereitschaft, sich ehrlich und umfassend der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit zu widmen. Teile des Klerus wollen möglichst alle damaligen Verstrickungen vertuschen, während andere wenigstens partiell nach der Wahrheit suchen. Ein klares Bekenntnis zur notwendigen Katharsis kam bislang nur vom liberalen katholischen Milieu um die Krakauer Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“.

Dabei ist seit langem bekannt, dass auch die katholische Kirche Polens nicht nur aus oppositionellen Helden bestand, sondern wie alle öffentlichen Institutionen tief in das kommunistische System verstrickt war. Die Kirche könnte der polnischen Demokratie einen großen Dienst erweisen, wenn sie jetzt endlich reinen Tisch machen würde.

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