Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.08.2014

13:53 Uhr

Politik der Eskalation

Der Irrweg des Westens (Ложный путь Запада)

VonGabor Steingart

Regierung und Medien schalten angesichts der Ereignisse in der Ukraine von besonnen auf erregt um. Aber die Politik der Eskalation schadet deutschen Interessen. Ein Essay auf Deutsch, Russisch und Englisch.

Gabor Steingart  Andreas Fechner für Handelsblatt

Der Autor

Gabor Steingart ist der Herausgeber des Handelsblatts.

Ein jeder Krieg geht mit einer geistigen Mobilmachung einher, einem Kriegskribbeln. Selbst kluge Köpfe sind vor diesen kontrolliert auftretenden Erregungsschüben nicht gefeit. „Dieser Krieg ist bei aller Scheußlichkeit doch groß und wunderbar, es lohnt sich ihn zu erleben“, jubelte Max Weber 1914, als in Europa die Lichter ausgingen. Thomas Mann empfand „Reinigung, Befreiung, und eine ungeheure Hoffnung.“

Selbst als bereits tausende Tote auf den belgischen Schlachtfeldern lagen, ließ das Kriegskribbeln nicht nach. 93 Maler, Schriftsteller und Wissenschaftler verfassten vor nunmehr exakt hundert Jahren den „Aufruf an die Kulturwelt“. Max Liebermann, Gerhart Hauptmann, Max Planck, Wilhelm Röntgen und die anderen ermunterten ihre Mitbürger zur Grobheit wider den Nächsten:

„Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewusstsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei.“

Essay in Russisch: Ложный путь Запада

Essay in Russisch

Ложный путь Запада

Правительство и многие СМИ меняют свою точку зрения относительно событий в Украине с рассудительной на возмутительную. Но политика эскалаций вредит немецким интересам.

Geschichte wiederholt sich nicht, fällt man sich sogleich selbst ins Wort. Aber so ganz sicher kann man sich in diesen Tagen nicht sein. Die Staats- und Regierungschefs des Westens haben im Angesicht der kriegerischen Ereignisse auf der Krim und in der Ost-Ukraine plötzlich keine Fragen mehr, nur noch Antworten. Im US-Kongress wird offen über die Bewaffnung der Ukraine diskutiert. Der ehemalige Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski empfiehlt, die dortigen Bürger für den Häuser- und Straßenkampf auszurüsten. Die deutsche Kanzlerin redet, wie es ihre Art ist, weniger deutlich, aber nicht weniger unheilvoll: „Wir sind bereit, tiefgreifende Maßnahmen zu ergreifen.“

Essay in Englisch: The West on the wrong path

Essay in Englisch

The West on the wrong path

In view of the events in Ukraine, the government and many media have switched from level-headed to agitated. The politics of escalation does not have a realistic goal – and harms German interests.

Der deutsche Journalismus hat binnen weniger Wochen von besonnen auf erregt umgeschaltet. Das Meinungsspektrum wurde auf Schießschartengröße verengt.

Blätter, von denen wir eben noch dachten, sie befänden sich im Wettbewerb der Gedanken und Ideen, gehen im Gleichschritt mit den Sanktionspolitikern auf Russlands Präsidenten Putin los. Schon in den Überschriften kommt eine aggressive Verspannung zum Ausdruck, wie wir sie sonst vor allem von den Hooligans der Fußballmannschaften kennen.

Der „Tagesspiegel“: „Genug gesprochen!“ Die „FAZ“: „Stärke zeigen“. Die „Süddeutsche Zeitung“: „Jetzt oder nie“. Der „Spiegel“ ruft zum „Ende der Feigheit“ auf: „Putins Gespinst aus Lügen, Propaganda und Täuschung ist aufgeflogen. Die Trümmer von MH 17 sind auch die Trümmer der Diplomatie.“
Westliche Politik und deutsche Medien sind eins.

Kommentare (113)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Thomas Albers

08.08.2014, 14:04 Uhr

"Europa fehlt mit seiner Politik der Eskalation nämlich genau das, ein realistisches Ziel"

Da bin ich anderer Meinung. Es kann überhaupt kein Argument sein, denn wir würden ja schließlich auch einen untherapierbaren Mörder ins Gefängnis schicken, obwohl wir uns wegen seiner Resozialbarkeit keine Illusionen machen. Wir stecken ihn in den Knast um abzuschrecken und die Gesellschaft vor weiteren Straftaten durch den selben Täter zu schützen. In Analogie gilt folfendes: Als Europäer müssen wir verhindern, dass Putins - oder ein anderer - das noch einmal macht. Wir wollen schließlich selbst auch keine Opfer werden.

Was wir aber auf keinen Fall machen dürfen, ist solche Putins auch noch mit Waffen zu versorgen oder ihm das Gefühl zu geben, unehtisches Verhalten wäre 2014 genauso ok wi 1914. Wir sind hier tatsächlich weiter.

Herr Matthias Bohnen

08.08.2014, 14:05 Uhr

Danke!

real .ist

08.08.2014, 14:12 Uhr

Wird mal wieder Zeit für einen Krieg.

70 Jahre Frieden sind eine zu lange Zeit.

Der Druck muss entweichen. Das ist nur natürlich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×