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18.06.2013

15:55 Uhr

Proteste in der Türkei

„Solange wir Raki trinken, soll uns Erdogan egal sein“

VonSerdar Somuncu

Ein Volk begehrt gegen seinen Präsidenten auf – gilt das für die Türkei? Nein. Die Protestler sind alles andere als glaubwürdig, meint der türkische Kabarettist und Bestseller-Autor Serdar Somuncu in seinem Gastbeitrag.

Serdar Somuncu wurde in Istanbul geboren. Bekannt wurde der Kabarettist unter anderem durch seine Lese-Tour mit Hitlers „Mein Kampf“, welche ihn zum Ziel von Neo-Nazi-Angriffen machte.

Serdar Somuncu wurde in Istanbul geboren. Bekannt wurde der Kabarettist unter anderem durch seine Lese-Tour mit Hitlers „Mein Kampf“, welche ihn zum Ziel von Neo-Nazi-Angriffen machte.

Es ist klar: Das Vorgehen Erdogans gegen friedliche Demonstranten ist ohne Zweifel überzogen, ungerechtfertigt und auf das Schärfste zu verurteilen. Gerade aber, wenn viele Journalisten und Politiker in solchen Situationen gerne zu historischen Vergleichen neigen und dem türkischen Regierungschef eine fatale Ähnlichkeit zu namhaften Despoten bescheinigen möchten, bleibt die Tatsache, dass die Regierung Erdogans mit einem Stimmanteil von knapp der Hälfte im Jahr 2011 demokratisch legitimiert wurde. Sie muss daher auch von denen erduldet werden, die sie nicht gewählt haben, auch wenn sie vielleicht nicht die absolute Mehrheit der türkischen Bevölkerung repräsentiert.

Die Welle des Protestes gegen Erdogans Politik ist zum großen Teil aus der wachsenden Verzweiflung der Angehörigen der intellektuellen Oberschicht darüber entstanden, dass sie diktatorischen Verhältnissen ausgeliefert sind. Sie ist im Affekt geboren und kommt wahrscheinlich zu spät. Sie ist, so muss ich leider feststellen, ein Eingeständnis des bisherigen Scheiterns der Demonstranten im Kampf gegen die fortschreitende Fundamentalisierung des öffentlichen Lebens in der Türkei. Ausgelöst wurden die Unruhen bezeichnenderweise nicht nur durch die Umgestaltung des Taksim-Platzes, sondern auch durch die Ankündigung eines staatlichen Abgabeverbots für Alkohol.

Unruhen in der Türkei: Regierung droht Protestlern mit der Armee

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Regierung droht Protestlern mit der Armee

Vize-Ministerpräsident Bülent Arinc droht via TV: Sofern die Polizei mit den Demonstranten nicht zurecht kommt, könnten auch Streitkräfte eingesetzt werden. Kanzlerin Merkel ist erschrocken über die Gewalt in Istanbul.

Zudem droht der Protest mittlerweile Teil eines Revoluzzertrendings à la Kony & Co zu werden, indem es mehr darum geht, zu einer imaginären Bewegung von Widerständlern zu gehören, als wirklich etwas zu bewegen. Denn die Unterwanderung der laizistischen Glaube und Politik trennenden Konstitution der Türkei hat nicht erst mit der Räumung des Geziparks begonnen. Vielmehr ist sie ein schleichender Prozess, der viel früher hätte erkannt werden müssen, gerade von denen, die jetzt aufschreien.

Der Prozess nahm seinen Anfang in der Änderung des Grundgesetzes im Jahr 1987 zur Einführung eines proportionierten statt des bis dahin geltenden Mehrheitswahlrechts und der europaweit höchsten Sperrklausel von zehn Prozent - und damit der Aufhebung jeglicher Voraussetzung für faire Wahlen.

Dieses Gesetz ermöglichte der AKP drei Wahlsiege in Folge und paradoxerweise eine der stabilsten Regierungszeiten, die eine Partei in der Türkei je durchgehalten hat. In deren Verlauf konnte sie ihre Position als stärkste politische Kraft der Türkei ausbauen und ihren gesellschaftlichen Einfluss etablieren, obwohl sie zunächst von nicht mehr als von einem Drittel der Bevölkerung gewählt wurde. Freie Bahn also für die Verwandlung der Türkei von der antiquiert-atatürkischen Republik zur neoosmanisch-islamischen Wirtschaftsmacht. Denn auch die Opposition war so zersplittert, dass man sich weder auf einen charismatischen Gegenkandidaten, noch auf eine gemeinsame Strategie gegen die AKP einigen konnte.

Kommentare (49)

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theaterkritik

18.06.2013, 16:19 Uhr

...und dafür ist die grüne Benedikta sich da so eine rothe Birne holen gefahren....

mrx

18.06.2013, 16:39 Uhr

Ich weiß nicht, was ich von diesem Artikel halten soll...
Auch hier, genau wie in allen anderen Medien, wird lediglich die angeblich extrem islamische Haltung Erdogans diskutiert. Dabei wird in den letzten Tagen immer wieder das "Alkoholverbot" als Argument genutzt. Nur ist das "Verbot" kein Verbot, sondern eine Einschränkung des Verkaufs, jedoch keine Einschränkung derjenigen, die wirklich Alkohol konsumieren wollen.
In Amerika wird in Supermärkten, wenn überhaupt, nur Bier und Alkohol verkauft. Alkohol darf vielerorts nicht öffentlich gezeigt, geschweige denn getrunken werden. Dies ist also ebenso kein Verbot, sondern eine Einschränkung. Ist Amerika jetzt ein islamisches Land?

Account gelöscht!

18.06.2013, 16:41 Uhr

Der Typ hat es einfach drauf. Ich habe ihn schon öfter live gesehen und der ist aufrichtiger und ehrlicher als der Ehrlichste und Aufrichtigste aus der Politkaste. Egal ob Roth, Westerwelle, Merkel und wie sie alle heißen - mögen ihnen ihre falschen Worte im Halse steckenbleiben.

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