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03.01.2008

05:31 Uhr

Ratingagenturen

Drohkulisse

VonAndrea Cünnen

Es ist schon erstaunlich, dass es in der Krise an den Kreditmärkten so lange gedauert hat, bis der Ruf nach einer neuen Ratingagentur laut wurde. Vor kurzem kam er aber dann doch:Finanzminister Peer Steinbrück betonte, er sei überzeugt, dass eine europäische Ratingagentur nötig sei. Das aber ist Unsinn.

Neben den US-Agenturen Standard & Poor’s (S&P) und Moody’s gibt es mit Fitch, einer Tochter der französischen Finanzholding Fimalac, längst eine europäische Agentur. Fitch ist indes international ausgerichtet und hat auch einen Hauptsitz in New York. Die internationale Ausrichtung ist nötig, weil eine rein auf Europa oder gar Deutschland fokussierte Agentur an den miteinander verflochtenen globalen Finanzmärkten keine Chance hätte. Deshalb sind Versuche, eine deutsche Agentur zu gründen in der Vergangenheit auch gescheitert.

Die Ratings und die Agenturen stehen so oft im Fokus, weil die Preise von Anleihen und Krediten zu einem großen Teil von den Bonitätseinstufungen der Agenturen abhängen. Schon während der Asienkrise 1997 sowie den Pleiten der US-Konzerne Enron und Worldcom in den Jahren 2001 und 2002 kamen Rufe nach einer neuen Agentur auf, weil die etablierten Bonitätswächter die Probleme zu spät erkannten. Umgekehrt beschwerten sich später Anleiheemittenten wie Japan, Thyssen-Krupp, Alcatel, Gerling oder Standard Life wegen zu schlechter Kreditnoten.

Jetzt stehen die Ratingagenturen am Pranger, weil sie – wie auch Bankvorstände, Fondsmanager und Aufseher – von den Auswirkungen der Subprime-Krise auf verbriefte, strukturierte Anleihen völlig überrollt wurden. Seit dem Sommer stufen die Agenturen reihenweise die Bonitätsnoten von Anleihen (ABS) und Anleihenpools (CDO), die mit Forderungen besichert sind, herab. Die massiven Zahlungsausfälle am Subprime-Markt für schwache private US-Hypothekenschuldner und ihre Auswirkungen auf die mit den Subprime-Forderungen besicherten Wertpapiere hatten die Agenturen nicht vorausgesehen

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Auch dass wegen der Unsicherheit der gesamte Markt für ABS und CDOs – also auch für die Papiere, die nichts mit Subprime zu tun haben – zusammenbricht und die Papiere nicht mehr handelbar sind, hatten die Agenturen nicht auf der Merkliste. Eine solche Liquiditätskrise ist schließlich noch nie vorgekommen und damit statistisch unwahrscheinlich. Außerdem werden Vorwürfe laut, dass die Agenturen mit Subprime-Krediten besicherte Anleihen gar nicht hätten bewerten dürfen, weil ihnen dafür die Historie fehlt

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Gerade am Punkt der mangelnden Historie wird deutlich, warum es für neue, auch international ausgerichtete Ratingagenturen so schwer ist, sich zu etablieren. Denn Investoren und Emittenten von Anleihen und Krediten vertrauen nur Agenturen, die schon lange Erfahrung mit Bonitätsbewertungen haben. Deshalb ist auch zweifelhaft, ob der Vorstoß der SEC, die Zulassungsvorschriften für neue Ratingagenturen zu lockern, Erfolg hat.

Das aktuelle Oligopol aus S&P, Moody’s und Fitch mit ihrer jahrhundertelangen Historie ist entstanden, weil sich nach den strengen Vorlagen der US-Börsenaufsicht SEC nur wenige Agenturen etablieren konnten. Bislang haben neben den großen drei nur die auf Versicherer spezialisierte AM Best und die kanadische Agentur DBRS das Gütesiegel der SEC.

Dass in Krisen aber auch immer wieder die Bonitätswächter am Pranger stehen und zumindest die Drohkulisse weiterer Wettbewerber aufgebaut wird, ist gut, denn es zwingt sie zu mehr Transparenz. Seit drei Jahren gibt es umfangreiche Selbstverpflichtungen. Darin haben die Agenturen ihre schon vorher geltenden Standards zur Qualität der Ratingprozesse, zur kontinuierlichen Überprüfung und Veröffentlichung der Ratings und zur Unabhängigkeit der Analysten zusammengefasst und öffentlich gemacht. In jedem Bericht steht genau, wie ein Rating zustande kommt. Seit Ende 2004 gibt es zudem einen Verhaltenskodex für die Bonitätsprüfer von der Iosco, der Internationalen Organisation der Wertpapieraufsichtsbehörden.

Auch die aktuellen Vorwürfe tragen Früchte. Die Agenturen wollen bei strukturierten Anleihen ihre Prozesse verbessern. Geplant sind Zusatzinformationen darüber, wie stabil die Ratings von ABS und CDOs sind, und die den Forderungen zugrunde liegenden Kredite sollen häufiger überprüft werden. Das Grundproblem, dass die Bewertung gerade bei strukturierten Anleihen sehr kompliziert ist, bliebt aber bestehen. Das ist jetzt auch den Investoren aufgegangen. Die Zeiten, in denen eine gute Bonitätsnote mit einer stabilen Anlage gleichgesetzt wird, dürften vorbei sein – zum Glück. Investoren müssen die Papiere nun auch selbst bewerten.

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