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21.05.2012

15:47 Uhr

Relegations-Urteil

Jedem das, was er verdient

VonAlexander Möthe

Das Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin ist keine Zierde für den deutschen Fußball gewesen. Dennoch wurde nun die richtige Mannschaft mit dem Abstieg bestraft – aus verschiedenen Gründen.

DFB-Sportrichter Günther E. Lorenz sprach von einer schweren Entscheidung - das Urteil gegen sich hat sich die Hertha selbst zuzuschreiben. Reuters

DFB-Sportrichter Günther E. Lorenz sprach von einer schweren Entscheidung - das Urteil gegen sich hat sich die Hertha selbst zuzuschreiben.

DüsseldorfDas Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin ist keine Zierde für den deutschen Fußball gewesen. Dennoch wurde nun die richtige Mannschaft mit dem Abstieg bestraft – aus verschiedenen Gründen.

Eins war vor der Urteilsverkündung des DFB-Sportgerichts schon im Vorfeld klar: Einen wirklichen Sieger würde es an diesem Tag in Frankfurt nicht geben. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen hat der Abend dem Ansehen der deutschen Fans und auch dem deutschen Fußball geschadet. Zum anderen ist nicht zu erwarten, dass die ganze Relegationsposse damit beendet ist. Hertha wird den vom Berliner Klub eingeschlagenen Rechtsweg weitergehen – eine Niederlage am grünen Tisch kann sich keiner der Vereine leisten.
Die Schuldfrage oder die Frage, ob der Spielausgang unter irregulären Umständen zustande kam, obliegt den Gerichten. Das Drumherum ist allerdings ein Lehrstück darüber, wie leicht Fußballverein die Medien und die Öffentlichkeit für ihre Zwecke einspannen können.

Bei diesem „Spiel mit der Öffentlichkeit“ hatte Hertha die erste Halbzeit deutlich gewonnen. Deren Anwalt Christoph Schickhardt sprach unmittelbar nach dem Abpfiff von „Todesängsten“ und „leichenblassen Spielern“. Damit überdehnte der Jurist die Fakten in Richtung der künstlerischen Freiheit. Denn was für Stadionbesucher schon absurd klang, erwies nach Überprüfung vor dem DFB-Sportgericht als haltlos. „Der Versuch, nachzuweisen, dass die Berliner unter Angst standen, blieb ohne Erfolg“, heißt es in der Urteilsbegründung.

Die größte Angst hatte der Fifa-Schiedsrichter Wolfgang Stark, der von den angeblich leichenblassen Hertha-Spielern durch die Katakomben gejagt und laut Aussage auch geschlagen wurde. Die Hertha, der damit schon zu Beginn der Verhandlung der Wind aus den Segeln genommen war, ließ in der Folge eine ganze Reihe von Zeugen auftreten. Deren Aussagen klangen jedoch einstudiert und widersprachen sich bisweilen sogar. So kippte nach dem ersten Verhandlungstag die Stimmung: Fortuna wurde zum Gewinner der „zweiten Halbzeit“. Selbst wenn der Sturm des Platzes nicht ganz so harmlos war, wie er im Rheinland mitunter dargestellt wurde.

Was sich am Freitag schon angedeutet hatte, wurde am Montag schließlich Gewissheit: Das Sportgericht sieht keine Veranlassung, die Tatsachenentscheidung von Schiedsrichter Stark zu kippen. Wichtigster Faktor waren dabei nicht die Fakten, sondern die Übertreibungen Berlins, die sich damit ein sprichwörtliches Eigentor geschossen haben. Die erste Hälfte der Verlängerung geht damit an Düsseldorf – und das ist gut so. Weil der Tatsachenentscheid die Heilige Kuh des internationalen Fußballs darstellt und ein Präzedenzfall hier unabsehbare Folgen für das System hätte. Und, um in der Fußballsprache zu bleiben, weit wichtiger: Die Hertha hat zwar keine Schwalbe gemacht, der sterbende Schwan mit drei Überschlägen im Nachgang aber war unsportlich genug, um das Abweisen des Einspruchs zu rechtfertigen. Anders ausgedrückt: Die Hertha hat sich das Urteil selbst eingebrockt, als sie die Situation zu ihrem Vorteil nutzen wollte. Und damit auch verdient.

Aber, wie eingangs festgestellt: Einen Sieger gibt es bei dieser Begegnung nun wirklich nicht.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

21.05.2012, 16:08 Uhr

Sie liegen absolut richtig:

Wenn der "Tatsachen-Entscheid" wegfällt, dann bricht das Geschäftsmodell des Wettbetrugs weg. Und wer will das schon...

testleser

21.05.2012, 23:20 Uhr

Scahde, dass nicht einmal beim Handelsblatt der Unterschied zwischen der "Unterbrechung" (zukünftig für Werbung?) IM Spiel und den Ereignissen NACH dem Spiel unterschieden werden kann.

Insbesondere wenn das Verfahren für alle Aktionen nach dem Spiel noch in separaten Verfahren (3x Hertha, 1x meist unerwähnt Düsseldorf) zu behandeln ist. Der zeitliche Unterschied ist ja auch nicht soooo groß. Was sind schon 25 Minuten bei einer 90min Veranstaltung...

Aber wenigsten schön herausgearbeitet, dass die Fakten keine Rolle spielten, denn die Fußballregeln besagen ja nur, dass ein Spielfeld neben anderen Dingen aus 4 Eckfahnen und 2 Elfmeterpunkten besteht. Außerdem sagen die Durchführungsbestimmungen, dass die Ordner mindestens 5 Meter vom Spielfeldrand antfernt stehen müssen, sich niemand(!) im Innenraum befinden darf und der ausrichtende Verein die Sicherheit (u.a. durch Kontrollen) zu gewährleisten hat.

Schade das Bayern nicht von diesem Urteil wusste, der Samstag wäre entspannter verlaufen. Oder letztes Jahr das Tor von Gladbach zum Klassenerhalt in der Nachspielzeit - im 2. Spiel der Relegation im Übrigen...

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