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05.09.2012

10:53 Uhr

Rentenentwicklung

Von der Leyen rechnet mit falschen Zahlen

VonPeter Thelen

Den Rentnern der Zukunft droht ein Leben auf Armutsniveau. Zumindest, wenn man den Rechnungen der Bundesarbeitsministerin glaubt. Doch diese hat bei ihrer Berechnung einige Faktoren vergessen.

Peter Thelen ist Korrespondent in Berlin.

Peter Thelen ist Korrespondent in Berlin.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hat mit ihren Zahlen zur künftigen Entwicklung der Renten einen regelrechten Schock ausgelöst. Wer 2030 nach 35 Beitragsjahren in Rente geht und 2 500 Euro brutto verdient hat, erhält danach nur noch eine Rente von 688 Euro. Das entspricht in etwa der Höhe der heutigen Grundsicherung. Zurzeit sind es noch 816 Euro. Schuld sei die mit der Rentenreform von 2001 eingeleitete Senkung des Rentenniveaus von 51 auf 43 Prozent bis 2030.

Stimmten die Zahlen, wäre das wirklich eine Katastrophe. Es hieße, dass ein Drittel der Rentner zum Sozialamt laufen müsste. Doch so schlimm wird es nicht kommen. Denn die vom Arbeitsministerium prognostizierte Kürzung der Renten würde nur eintreten, wenn ab heute die Löhne nicht mehr steigen würden und auf diese Weise der aktuelle Rentenwert konstant bliebe. Der ergibt nach der Rentenformel multipliziert mit den persönlichen Entgeltpunkten den Rentenanspruch. Für ein Jahr mit Durchschnittsverdienst gibt es dabei einen Entgeltpunkt, für höhere bzw. niedrigere Einkünfte entsprechend größere bzw. kleinere Gutschriften auf dem Rentenkonto. Nur bei stagnierenden Löhnen müsste der aktuelle Rentenwert - und mit ihm auch der Rentenanspruch - im Umfang der beschlossenen Senkung des Rentenniveaus gekürzt werden.

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Es gibt aber einen vor wenigen Jahren verschärften Paragrafen, der eine solche Rentenkürzung verbietet. Ein Absinken der Rente, wie die Ministerin suggeriert, ist also gesetzlich ausgeschlossen. Viel wahrscheinlicher als von der Leyens Modellrechnung ist sowieso, dass die Löhne in Zukunft weiter steigen werden, und zwar wegen des sich abzeichnenden Fachkräftemangels womöglich sogar stärker als in der Vergangenheit. Mit ihnen werden aber auch der durch die Senkung des Rentenniveaus nur im Anstieg gedämpfte aktuelle Rentenwert und damit auch die Renten weiter wachsen. Die Rente wird 2030 für den 2 500-Euro-Verdiener daher mit Sicherheit deutlich höher sein als die heute erreichten 816 Euro. Selbst wenn die Grundsicherung entsprechend der Inflation fortgeschrieben würde, dürfte sie auch 2030 oberhalb des Grundsicherungsniveaus liegen.

Von der Leyens Zahlen sind damit reine Panikmache zur Durchsetzung ihrer Zuschussrente von bis zu 850 Euro für langjährig Rentenversicherte. Sie sind es auch deshalb, weil die Ministerin den Fokus auf das Niveau der gesetzlichen Rente verengt. Die gesetzliche Rente ist aber von jeher nicht die einzige Quelle des Alterseinkommens. Seit 2001 fördert der Bund mit der Riester-Rente und der steuer- und sozialabgabenfreien Gehaltsumwandlung die ergänzende betriebliche und private Vorsorge sogar ausdrücklich, um das demografiebedingte Absinken des Rentenniveaus zu kompensieren.

Kommentare (22)

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Hermann.12

05.09.2012, 11:27 Uhr

Dem Kommentar leigt ein folgenschwerer Irtrtum zugrunde. Der Verwechslung von nominalen Werten und tatsächlicher Kaufkraft.
Natürlich wird die Rente nicht nominal um rd. 150 € gekürzt, wohl aber wird die Kaufkraft sich faktisch dort bewegen. diese Kaufkraft ist abhängig vom Verhältnis zum zukünftigen lohnniveau. Und das Verhältnis von Durchschnittlohn zu Durchschnittsrente muss sinken, wenn weniger Arbeitnehmer deutlich mehr Rentner finanzieren. Oder aber der staatliche Zuschuss oder die Rentenbeiträge der Arbeitnehmer müssen deutlich steigen.
Man muss also von der Leyens Zahlen als eine nach heutiger Kaufkraft bewertete Entwicklung sehen.
Ein Teil des Problems wird vielleicht durch sinkende Preise kompensiert, da ja mit geringeren Einkünften der Masse der Rentner auch geringere Nachfrage entsteht.
Das aber ist sehr spekulativ, ich würde danmit nicht rechnen wollen.

H.

blackstone13

05.09.2012, 11:29 Uhr

Wäre mal interessant zu Wissen, ob die Dame "Kontakte" in die private Versicherungswirtschaft hat.

Kommt die nicht auch aus Hannover, wie Maschmeyer, Wulff, ...

LG
Blackstone

Account gelöscht!

05.09.2012, 11:59 Uhr

Mag sein, dass die zukünftigen Renten tatsächlich oberhalb des Grundsicherungsniveaus liegen. Mag auch sein, dass die heutigen Zahlen etwas untertrieben sind, aber dennoch kann niemand wegdiskutieren, dass die Mehrheit der deutschen Rentner schon heute kaum mehr in der Lage sind, ihre Mieten zu bezahlen, ihre Energiekosten zu begleichen oder das vielseitige Angebot von medizinischen Zusatzbehandlungen zur Erhaltung ihrer Gesundheit in Anspruch zu nehmen. Die Kosten explodieren schon heute. Tendenz steigend. Ein echter Inflationsausgleich hat in den Brieftaschen der Rentner bisher nicht stattgefunden, nur auf dem Papier!

Ob die besagten Rentner in Zukunft bis zu 1016 Euro statt 816 Euro haben werden, wird bei den dann gültigen Kosten für Energie, Miete, Lebensmittel, Versicherungen usw. keinen Unterschied machen. Die Armut wird bleiben und weiterhin zunehmen. Ich finde es absurd, von einer Panikmache zu reden, denn schon heute kostet ein Liter Benzin 1,70 Euro. 2030 könnte der Sprit mehr als das Doppelte kosten, doch die Rentenhöhe wird sich deshalb nicht verdoppeln. Günstiger werden Miete, Strom, Bezin und private Zusatzleistungen in der Medizin in den nächsten Jahren sicher nicht. Soviel ist heute schon sicher.

Wenn hier jemand mit falschen Zahlen spielt, dann ist es nicht Ursula von der Leyen. Im Jahr 2030 wird selbst eine mtl. Rente in Höhe von 1500 Euro (netto) nicht mehr ausreichen, um Rentnern ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen, für das sie Jahrzehnte gearbeitet haben und Beiträge in den Rententopf eingezahlt haben. Das Rentensystem in Deutschland muss dringend reformiert werden, damit kein Rentner in die Grundsicherung fällt. Dieses Problem verharmlosen zu wollen, weil die Zahlen nicht exakt sind, ändert nichts an der Situation, dass es schon heute die ausgezahlten Renten viel zu niedrig sind – gemessen an der Kostenentwicklung in den letzten 10 Jahren!

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