Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.10.2012

20:14 Uhr

Russland

Der Fluch des schwarzen Goldes

VonOliver Bilger

Der Ölexport sorgt in Russland seit Jahren für Wachstum. Doch die goldenen Zeiten scheinen erst einmal vorbei. Wieder aber hat Moskau die Chance zu grundlegenden Reformen verschlafen.

Anzeigegeräte in einer Ölraffinerie in Moskau. Reuters

Anzeigegeräte in einer Ölraffinerie in Moskau.

Bis zum Sommer war Russlands Wirtschaft noch stark gewachsen, stärker als im Vergleich zum Vorjahr. Und dies trotz Euro-Krise und abkühlender Weltwirtschaft. Angetrieben wurde das Wachstum von höheren Konsumausgaben, weil die Russen mehr Geld in den Taschen hatten. Die Löhne stiegen, die Inflation war niedrig und die Arbeitslosigkeit erreichte im August mit rund fünf Prozent einen Tiefststand.

Gleichzeitig - und wie stets in der Vergangenheit - spielten auch die hohen Exporteinnahmen für Öl und Gas eine zentrale Rolle. Doch dieses sanfte Ruhekissen, auf dem sich die Führung in Moskau bislang bettete, wird nun weggezogen. Nach der beachtlichen Zahl von 4,5 Prozent Wachstum in der ersten Jahreshälfte setzte inzwischen ein Abwärtstrend ein. Trotz weiterhin hoher Rohstoffpreise verlangsamt sich das Wachstum.

War bislang eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts im Gesamtjahr von 3,8 Prozent erwartet worden, hat die Weltbank gerade ihre Prognose nach unten korrigiert. Zunächst zwar nur leicht auf 3,5 Prozent. Aber doch in der Tendenz besorgniserregend. Dieser nach unten korrigierten Vorhersage schließen sich inzwischen auch IWF und auch das russische Wirtschaftsministerium an.

Für das kommende Jahr sind die Perspektiven kaum besser: Statt 4,2 Prozent wie bislang angenommen, soll das Wachstum laut Weltbank nur noch 3,6 Prozent betragen. Eine Vier vor dem Komma, wie im vergangenen Jahr, rückt damit weit in die Ferne, ganz zu schweigen von den Traumwerten von über acht Prozent in den Jahren 2006 und 2007. 3,5 Prozent - für Russland wäre dies mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 der niedrigste Wert seit fast 15 Jahren. Die Entwicklung kannte nur eine Richtung: aufwärts.

Verantwortlich dafür war der Ölpreis, der mit der Jahrtausendwende stetig und rasant in die Höhe kletterte. Russland gehörte zu den großen Profiteuren dieser Entwicklung. Erneut sorgte dies jedoch dafür, dass wichtige Tatsachen verdrängt wurden: die allzu große Abhängigkeit von Rohstoffen und die Notwendigkeit einer umfassenden Modernisierung der Wirtschaft.

Der Aufbau eines Mittelstandes - seit zwei Jahrzehnten diskutiert und gefordert - blieb weiterhin aus. Dabei ist den Entscheidern spätestens seit dem turbulenten Jahr 2009 bewusst, dass nur mit einem grundlegenden Strukturwandel die Abhängigkeit vom Ölexport reduziert werden kann. Doch geändert hat sich kaum etwas. Und auch jetzt zeigen pessimistische Zukunftsszenarien, die von einem stark sinkenden Ölpreis ausgehen, noch keine große Wirkung.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

17.10.2012, 21:56 Uhr

Wenn die Zeiten des Öls und Gases vorbei sind wird Russland ein Entwicklungsland sein. Unter Zar Putin stagniert dieses Land, es hat und wird sich keine vernünftige Industrie oder Dienstleistungsbranche etabliert haben. Den Reichtum verzockt, die Zukunft verbaut wird sich das Land ganz unten in der wirtschaftlichen Weltgemeinschaft befinden und verzockt hat es Putin mit seiner Selbstherrlichkeit.

fueli

17.10.2012, 23:37 Uhr

Wann sollen denn " die Zeiten des Öls und Gases vorbei" sein? Bislang jammert alles über steigende Energiepreise!

Seidschlau

18.10.2012, 09:07 Uhr

Russlands Wirtschaft ist zu einseitig. So wie die Angelsachsen nur auf den Finanzsektor setzen und den Sekundärsektor vernachlässigen, setzen die Russen allein auf ihre Bodenschätze. Die Chinesen lernen schneller dazu. Sie haben erkannt, dass auf Dauer allein mit Massenproduktion nix zu holen ist und weiten nun ihr Sortiment langsam auf Mehrwert-schöpfende Sektoren aus. Mit Öl und Gas wird immer Geld zu verdienen sein, aber die Möglichkeiten sind eben limitiert und abhängig vom Rest der Weltwirtschaft.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×