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31.01.2005

08:31 Uhr

Das ZDF-Sportstudio vom Samstag hat erahnen lassen, wie es im deutschen Fußball weitergehen dürfte, wenn die Sportskameraden weiter amateurhaft im Zeitlupentempo auf die Krise reagieren. Da versucht DFB-Präsident Theo Zwanziger, das Bild der heilen Kick-Welt zu retten, indem er sich rühmt, doch schon das Aktenzeichen zu haben, unter dem die Staatsanwaltschaft ermittelt. Heute werde er Akteneinsicht beantragen.

Kein Wort darüber, dass der DFB bereits im August von Seiten des Wettanbieters Oddset vor Manipulationen gewarnt wurde, kein Anzeichen dafür, dass die Fußballfunktionäre aus eigenem Antrieb eng mit der Justiz zusammenarbeiten werden. Gleichzeitig führen Vertreter von Oddset und der privaten Wettfirmen öffentlich vor, was seit Monaten zu ihrem Tagesgeschäft gehört: eine Schlammschlacht gegeneinander.

Die deutlichen Reaktionen der Fans auf den Tribünen demonstrieren: Das Vertrauen ist weg, es müssen gewaltige Strukturänderungen her – sowohl beim DFB als auch auf dem Wettmarkt, wenn dauerhafter Schaden vom deutschen Fußball abgewendet werden soll. Einschneidende Veränderungen sind bei den Sportwetten nötig, aber auch beim Fußball selbst: Er muss Grauzonen beseitigen, die zum Missbrauch einladen.

Wohl niemand ist verständlich zu machen, warum Fußballer ohne jede Beschränkung Fußballwetten abschließen dürfen, sogar auf Partien des eigenen Teams. In argloser Naivität berichten derzeit Stars wie Mario Basler von der eigenen Zockleidenschaft und der ihrer Kollegen. Sicher, klare Grenzen verhindern noch nicht ihre Umgehung, mit krimineller Energie ist vieles möglich. Doch diese Grenzen sind notwendig, ein Ordnungsrahmen für den Beruf des Fußballprofis (und -funktionärs).

Gleiches gilt für das Schiedsrichterwesen. Ein Oberschiedsrichter soll es richten, war die Forderung des Wochenendes. Doch man stelle sich vor, die Kurse der Frankfurter Börse würden von Zahnärzten oder Bürokaufleuten in gut bezahlten Freizeitjobs gestellt. Unvorstellbar, aber genau so ist die Situation der Schiedsrichter. Sie betreiben ein exzellent entlohntes Hobby.

Dort aber richten sie über die Karriere von kickenden Millionären, ihre Entscheidungen beeinflussen ein Geschäft mit Milliardenumsatz. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Weg mit „Sportskameraden“, her mit Profi-Schiedsrichtern, die in den USA längst Alltag sind. Leisten können sich das sowohl der DFB wie auch die Uefa.

Natürlich schützen berufsmäßige Pfeifenmänner nicht vor Betrug. Aber sie heben das Amt des Schiedsrichters auf eine höhere Ebene, auf der es einem klaren rechtlichen Rahmen unterliegt. Diesen braucht auch das Geschäft mit Sportwetten. Eigentlich gibt es ihn sogar schon, hat doch der Europäische Gerichtshof geurteilt: Ein Staatsmonopol für Sportwetten kann aus gewichtigen Gründen geboten sein, zum Beispiel, um Bürger vor übertriebener Spielleidenschaft zu schützen. Gebärdet sich jedoch der Monopolist wie ein Privatanbieter, verwirkt er sein Recht. Trotz dieser Vorgabe entscheiden deutsche Gerichte aber munter durcheinander, teils sogar unter Missachtung des europäischen Urteils.

Wer die EuGH-Rechtsprechung respektiert, kann sich nur wundern, dass Oddset weiter – neben vier Anbietern mit Lizenzen aus DDR-Zeiten – seine Alleinstellung innehat. Anzeigen, Spots, Sponsoring, WM-Förderung: Das ehemalige „Toto“ aus „Lotto, Toto, Rennquintett“ tritt auf wie ein Unternehmen, das aggressiv um neue Kunden wirbt.

Den Bürger hat das Monopol nicht geschützt: Die Wetten auf verpfiffene Spiele wurden über Oddset abgeschlossen – und das auch noch als Dreierwette. Solch eine Wette, bei der drei Spiele richtig getippt werden müssen, hielt Oddset gerne hoch als schwer manipulierbar. Allein: Wer zwei Spiele mit haushohen Favoriten tippt und ein drittes manipuliert, kann auch hier Erfolg haben.

Noch in diesem Jahr wird nun das Bundesverfassungsgericht sein Grundsatzurteil fällen. Alles andere als ein Urteil zu Gunsten der privaten Anbieter wäre dabei eine dicke Überraschung. Spätestens dann werden Wettanbieter, Vereine und der DFB mit Höchstgeschwindigkeit daran arbeiten müssen, dem Profifußball ein professionelleres Umfeld zu geben.

Beim Bundesliga-Bestechungsskandal 1971 sagte DFB-Chefankläger Hans Kindermann: „Wenn wir das Vertrauen nicht wieder zurückgewinnen, ist der Fußball tot.“ Die Situation heute ist nicht anders – und das unmittelbar vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land.

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