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30.01.2007

11:08 Uhr

Schwarze Schafe

Bis in den Kern korrupt

VonIngo Pies

Die Wirtschaftskriminalität ist in den Vorzeigeunternehmen der deutschen Industrie angekommen. Mit der Bestechung von Kunden oder des eigenen Betriebsrates sind Siemens und VW vor die Gerichte geraten. Hier geht es nicht mehr um die gelegentliche Gesetzesübertretung einzelner Manager. Es steckt System dahinter.

Korruption: 'Sand im Getriebe der Marktwirtschaft.' Foto: dpa

Korruption: 'Sand im Getriebe der Marktwirtschaft.' Foto: dpa

Wenn über Jahre hinweg beträchtliche Summen für schwarze Kassen abgezweigt werden, besteht das Problem nicht bei einzelnen Personen, sondern bei der Organisation. Korruption untergräbt das Systemvertrauen, und dies gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen lässt Korruption das Zutrauen der Bürger in die Marktwirtschaft erodieren. Zum anderen unterminiert sie das Vertrauen zwischen Vertragspartnern.

Wirtschaftsethisch betrachtet, ist Korruption also nicht Schmiermittel, sondern ganz im Gegenteil: Sand im Getriebe der Marktwirtschaft. Insofern ist es ein berechtigtes moralisches Anliegen, Korruption wirksam zu bekämpfen. Auf dem Weg dorthin hilft moralisierende Empörung freilich nur bedingt weiter.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen: Sogar in einigen der namhaftesten deutschen Unternehmen gab - und gibt? - es offensichtlich eine Korruptionskultur, durch die Mittäter und Mitwisser eingebunden werden: eine Kultur der Kumpanei und Komplizenschaft, des Wegsehens, die dafür sorgt, dass heikle Informationen den Vorstand und Aufsichtsrat nach Möglichkeit gar nicht erst erreichen.

Korruption kann nicht gedeihen, wenn das Unternehmen eine Kultur kritischer Loyalität pflegt. Die für eine wirksame Vorbeugung erforderlichen Maßnahmen sind gut erforscht, und sie sind vergleichsweise leicht zu handhaben. Ein effektives Präventionsprogramm besteht im Wesentlichen aus fünf Elementen, die ich später näher beschreiben werde. Doch erst die schlechte Nachricht: Das alles ist seit langer Zeit bekannt, wird aber kaum umgesetzt. Präventionsmaßnahmen werden oft nur vorgeschützt, stehen auf dem Papier, werden aber nicht gelebt.

Deutschland schöpft die Möglichkeiten einer wirksamen Korruptionsprävention nicht voll aus. Wir haben es hier folglich nicht mit einem Wissensproblem zu tun, sondern mit einem Anreizproblem. Die Lektionen der Unternehmensethik sind zwar notwendig, aber nicht hinreichend. Sie müssen durch Wirtschaftsethik ergänzt werden, aus deren Sicht die entscheidende Frage lautet: Welche Anreize sind erforderlich, damit die Unternehmen ein vitales Eigeninteresse daran entwickeln, moralisch integer zu handeln?

Zunächst aber zu den fünf Elementen eines unternehmensinternen Präventionsprogramms. Es muss erstens auf die gelebte Kultur eines Unternehmens Einfluss nehmen. Das hierfür am besten geeignete Instrument ist ein Verhaltenskodex. Durch ihn lassen sich die Führungskräfte und Mitarbeiter sensibilisieren und Lösungsoptionen aufzeigen. Das Unternehmen verdeutlicht, welche Anforderungen es an die Loyalität seiner Mitarbeiter und Führungskräfte stellt und vor allem: wo die Grenze zu falsch verstandener Loyalität überschritten ist. Richtig eingesetzt, ist ein Verhaltenskodex mehr als nur ein Blatt Papier. Freilich wirkt er nur richtig, wenn Anreize dafür bestehen, ihn im Alltagsleben anzuwenden.

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