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03.10.2012

14:51 Uhr

Schweizer Geldpolitik

Eine verhängnisvolle Spirale

VonHolger Alich

Eine lockere Geldpolitik richtet Schäden an, die anschließend nur durch eine weitere Öffnung der Geldschleusen bekämpft werden können. In diesem Dilemma steckt jetzt sogar die Schweiz.

Nun soll auch die Schweiz mit ihrer Geldpolitik die Finanzkrise verschärfen. dpa

Nun soll auch die Schweiz mit ihrer Geldpolitik die Finanzkrise verschärfen.

Mit einer Attacke aus dieser Richtung hatte niemand gerechnet: Die Ratingagentur Standard & Poor's wirft der Schweizerischen Nationalbank in einer Studie vor, mit ihrer Politik der Franken-Schwächung die Euro-Krise zu verschärfen. Denn die Notenbank habe im Zuge ihrer Euro-Käufe allein in diesem Jahr im Volumen von 80 Milliarden Euro Staatsanleihen der Kernländer wie Deutschland und Frankreich gekauft. Damit drücke die Notenbank die Zinsen der Anleihen der Euro-Kernstaaten, infolgedessen stiegen die Zinsabstände zu Anleihen der Euro-Krisenländern, schreibt S & P.

Die Notenbank reagiert noch am selben Tag mit einer Stellungnahme - was ungewöhnlich genug ist: S & P überschätze die Anleihekäufe massiv, denn die Ratinganalysten hätten die Euro-Guthaben der Schweizer Zentralbank bei internationalen Institutionen wie dem IWF und anderen Zentralbanken nicht in ihre Analyse mit einbezogen. Die Ökonomen der Credit Suisse springen ihrer Notenbank bei und beziffern die Anleihekäufe auf maximal 35 Milliarden Euro in diesem Jahr.

„Der Einfluss auf Preise und Zinsen ist daher wesentlich kleiner als von S & P behauptet“, folgert Credit Suisse daraus. Doch selbst wenn der Einfluss der Notenbank auf die Zinsabstände kleiner ist als von S & P behauptet: Er ist nicht null. Und damit legen die Analysten von S & P den Finger in die Wunde. Auch die Schweizerische Nationalbank verzerrt die Preise an den Märkten.

Folgt man strikt der S & P-Argumentation, ließe sich die Debatte sogar noch zuspitzen: Denn dann wäre die Schweizer Notenbank mitverantwortlich dafür, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihrerseits wiederum intervenieren muss, um die Zinsaufschläge von spanischen und italienischen Anleihen auf akzeptable Niveaus zu drücken. Eine gewagte These? Gewiss, aber es gibt noch andere Fälle, wo die Intervention der einen Notenbank den Markteingriff einer anderen heraufbeschwört.

Beispiel USA: Die Notenbank dort (Fed) schickt sich an, erneut per Anleihekäufe die langfristigen Zinsen weiter zu drücken. Nun befürchten die Notenbanken und Regierungen Südamerikas, dass durch dieses Gelddrucken der Dollar weiter an Wert verlieren wird, und bereiten ihrerseits Gegenmaßnahmen vor. Das bestätigt die alte Regel, dass ein Eingriff in den Markt oft den nächsten nach sich zieht. Und der zweite Eingriff macht dann einen dritten nötig und so weiter.

Holger Alich

Holger Alich ist Handelsblatt-Korrespondent in Zürich.

Die Interventionsspirale dreht sich immer schneller. Zur Ehrenrettung der Notenbanken muss dabei gesagt werden, dass sie sich nicht darum gerissen haben, die Märkte zu manipulieren. Sowohl die Fed, die EZB als auch die Schweizer Nationalbank sind die Geiseln der Politik, die es nicht schafft, dauerhafte Lösungen zu finden. Das gilt auch für die USA, wo sich schon vor dem Wahlkampf das Bild eines vollkommen blockierten Parlaments gefestigt hat.

Die US-Politik scheint nicht in der Lage, eine Antwort auf die Probleme der USA zu formulieren. In einer besonders unglücklichen Lage ist dabei die Schweizerische Nationalbank. Denn sie ist nicht die politische Geisel des eigenen Landes, sondern der EU. Je länger die Stabilisierung der Euro-Zone dauert, desto länger hält der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken an. Und damit die Notwendigkeit, die Schweizer Wirtschaft vor Schaden zu bewahren, indem die Kursgrenze verteidigt wird.

Das legt den Schluss nahe, dass die Intervention der Schweizer Notenbank weniger kritisch zu sehen ist als zum Beispiel jene der US-Fed. Eine Einschätzung, die Gegenstand leidenschaftlicher Debatten sein kann. Ein abschließendes Urteil fällt aber schwer und hängt auch von der Frage ab, welche Rolle eine Notenbank heute spielen soll. Wenn die Krise begrenzt werden soll, gibt es zu den Eingriffen im derzeitigen Umfeld und aufgrund der Langsamkeit des politischen Prozesses wohl keine Alternative.

Sollte die EZB einfach mit ansehen, dass Spanien in die Zahlungsunfähigkeit treibt, weil die Zinsaufschläge immer höher wachsen? Sollte die Schweizer Notenbank tatenlos die De-Industrialisierung der Schweiz durch einen zu starken Franken riskieren? Derzeit brennt es an allen Enden, und die Feuerwehr dafür zu kritisieren, dass sie Türen eintreten muss, erscheint kurzsichtig.

Aber: Je stärker und je länger Notenbanken in die Märkte eingreifen, desto größer drohen die Folgeschäden zu sein. Löschwasser richtet oft größere Schäden an als das Feuer selbst. Im Falle der extrem lockeren Geldpolitik ist der zu erwartende Schaden eine höhere Inflation. Die ersten Opfer der lockeren Geldpolitik gibt es bereits: die Sparer; sie bekommen auf ihr Erspartes weniger Zinsen, als ihnen die Inflation nimmt.

Je länger sich die Interventionsspirale dreht, desto schwieriger ist es, aus ihr auszubrechen. Je früher die Zentralbanken damit aufhören, Preissignale zu verzerren, desto besser. Dies gilt auch für die Schweizerische Nationalbank.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

03.10.2012, 15:50 Uhr

Typisch Sturm im Wasserglas.

Die SNB schützt den Franken vor Aufwertung, d.h. sie verteidigt den unteren peg bei 1.20 CHF/€ durch Ausgabe von Franken und sammelt dafür Fremdwährung ein, in erster Linie natürlch Euro aus D und F. Das kann die SNB ohne Angst vor Inflation tun, denn die ausgegebenen Franken werden als Fluchtgeld immobilisiert und geraten nur zum kleinsten Teil in den Schweizer Wirtschaftskreislauf. Wohl dem, der eine starke Währung hat.

Bleibt die Frage, wohin mit den eingesammelten Euro? Da liegt es nahe, Staatsanleihen in D und F zu kaufen, denn daher kommt ja das Geld ganz überwiegend. Die SNB tut damit nur das, was eigentlich der Sparer in D und F tun würde, wenn er es nicht vorzöge, sein Geld in CH zu bunkern.

Sollten sich die Zeiten und Währungsströme einmal ändern, läuft das Spiel in umgekehrter Richtung. Die Schweiz kann sich das als kleiner Staat schon leisten, ohne den Euro umzuwerfen. China ist für solche Spiele mit dem Dollar drei Nummern zu groß. Aber die Reaktion von S&P zeigt schon, wovor die USA Angst haben.

Hans

03.10.2012, 21:13 Uhr

Der Schweizer Franken darf nie mehr unter die 1,20 fallen, ansonsten erleidet die SNB riesige Bewertungsverluste. Die Verluste müsste sich die SNB vom Staat wiederholen, der das Geld aber nicht hat. Auch wenn der Schweizer Franken dabei drauf geht, wird der PEG gehalten. Als Fluchtwährung scheidet daher der Schweizer Franken aus.

Negrat

03.10.2012, 23:21 Uhr

Seitens Herrn Alich sei die Frage gestellt, wie es kommt, dass eine so offensichtlich falsche und (finanz-)politisch gesteuerte Beurteilung von S&P nicht dazu genutzt wird, diese Praktik für eine Blosstellung S&P's zu nutzen. Im Gegenteil wird heftig danach gesucht aus dem offensichtlich Falschen noch etwas gutes zu für S&P zu machen (S&P hat ja den Finger in die Wunde gelegt... Dabei ist für diese höchstbezahlten Mitarbeiter klar festzustellen: Sie haben bewusst a) gelogen und unkorrekte Informationen in die Welt gesetzt nur ca 70%z an der korrekten Aussage vorbei) und b) als Lösung eines nicht vorhandenen Problmens ein Pflaster angeboten, dass nur der USA hilft obwohl über Europa gesprochen wird. Wenn einem 6er Schüler ein solches Hieven auf die 4 widerfährt ist sich der Lehrer des Lobes der Eltern sicher.......... Dem Redakteur und dem Handelsblatt sei die Frage gestellt warum man auf diese Weise weiter indirekt ein unsägliches US-dominiertes Ratingsystem fördert.

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