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26.01.2007

12:47 Uhr

Siemens

Kommentar: Die Sünden von gestern

VonChristoph Hardt

Alles nicht so schlimm? Nimmt man die Reaktion der Börsen als Indikator, dann hat die vom Korruptionsskandal erschütterte Siemens AG seit Donnerstag das Ärgste hinter sich.

Mit einem mächtigen Sprung nach oben reagierte der Kurs der Aktie auf die starken Geschäftszahlen von Siemens und vor allem auf die jüngsten Manöver: Die Autozuliefer-Tochter VDO kommt zumindest in Teilen an die Börse. Gleichzeitig kauft der Weltkonzern die amerikanische Softwarefirma UGS, immerhin eine der großen Adressen der Branche.

Sicher, das Kapital hat ein kurzes Gedächtnis. Und gerade bei internationalen Investoren rennt Konzernchef Klaus Kleinfeld mit seiner „Portfolio-Politik“ seit je offene Türen ein. Dennoch: Dass Siemens in der Nacht vor der mehr als heiklen Hauptversammlung zu diesen Aktionen fähig war, verdient zumindest Respekt. Auf die Führung wirkte es wie ein Befreiungsschlag: Seht her, wir sind handlungsfähig.

Tatsächlich reihen sich der Teilverkauf der Zuliefersparte und der Zukauf in Amerika nahtlos in die Reihe der mutigen Veränderungen ein, die Kleinfeld seit seinem Amtsantritt 2005 angestoßen hat. Natürlich ist dabei manches schief gegangen. Die Pleite von BenQ war, zumindest kommunikativ, der größte anzunehmende Unfall. Dennoch: Dieser Umbau hat eine Logik, liefert eine Botschaft: Siemens ist dabei, sich auf seine echten Stärken zu konzentrieren und diese auszubauen. Dass sich der Erzrivale GE fast genau die gleichen Wachstumsfelder ausgesucht hat, spricht Bände: Infrastruktur, Energie, Gesundheit sind allesamt Zukunftsthemen, Zukunftsmärkte.

Damit zur Gegenwart: Diese ist natürlich weniger erfreulich. Einen Tag vor der Hauptversammlung wurde Siemens für Kartellabsprachen von der EU auf beispiellose Art abgestraft. BenQ-Desaster, Kartellfall, schwarze Kassen: keine Frage, die Siemens-Führung hat viele gravierende Fehler begangen. Aber es handelt sich bei aller berechtigten Empörung im Kern um Defekte der Vergangenheit. Deshalb trifft es Heinrich von Pierer, den Aufsichtsratschef, jetzt auch so schwer. Jahrelang hat er Rechtschaffenheit gepredigt, aber zu viele haben dazu mit den Augen gezwinkert. Heinrich von Pierer hat deshalb zu Recht ein Problem mit seiner Glaubwürdigkeit. Viel spricht dafür, dass er das verspielte Vertrauen nicht mehr wird zurückgewinnen können.

Gerade deshalb markiert der gestrige Tag auch so etwas wie eine personelle Zäsur: Die Ära von Pierer, auch sie scheint ein Stück aus der Vergangenheit. Während Kleinfeld auf dem Treffen der Aktionäre als Redner überzeugte und auch damit die Zukunft präsentierte, blieb von Pierer in der Defensive. Angesichts des lange so labilen Machtgleichgewichts an der Siemens-Spitze, bei dem man nie so recht wusste, wer Koch und wer Kellner war, ist auch das ein Stück Machtwechsel. Gut möglich, dass Heinrich von Pierer schon dabei ist, sich mit dem Gedanken abzufinden, loslassen zu müssen.

Es wäre freilich fahrlässig anzunehmen, dass Siemens seit gestern aus dem Gröbsten heraus ist. Wehe, wenn sich herausstellen sollte, dass heute aktive Vorstände entgegen ihren Beteuerungen doch etwas gewusst haben. Klaus Kleinfeld aber trat so auf, als sei diese Krise nicht mehr die seine. Die Märkte scheinen ihm das schon abzunehmen.

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