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12.01.2007

05:00 Uhr

Nun erinnert der Krieg in Somalia die Welt daran, dass dieser Kampf ein weltweiter ist. Es gibt viele Regionen, in denen radikale Islamisten versuchen, moderate Regierungen zu stürzen. Und es gibt viele Regionen, in denen der Westen mit den ewig alten Fehlern auf solche Herausforderungen reagiert. Auch dafür ist Somalia ein bitteres Beispiel.

Sicher, selten hat sich die politische Lage in einem Land derart schnell gedreht wie zuletzt am Horn von Afrika. In knapp vier Wochen hat die vormals schwache und wenig populäre Übergangsregierung mit massiver Hilfe aus Äthiopien und den USA die zuvor auf dem Vormarsch befindlichen Islamisten in die Flucht geschlagen und militärisch besiegt. Stabilität wird dies dem Land allerdings nicht bescheren.

Niemand kann ernsthaft Grund haben, die Niederlage der Islamisten zu bedauern. Zwar haben diese die mörderischen Warlords aus Mogadischu verdrängt, die Somalia in den letzten 15 Jahren in Schutt und Asche legten. Für wenige Monate ermöglichten sie ansatzweise so etwas wie Frieden und Stabilität. Dieser Erfolg trug zweifellos zu ihrer Popularität bei, auch wenn die dann von ihnen verfügten strikten islamischen Gesetze bei vielen Somalis auf wenig Gegenliebe stießen.

Aber unter den Islamisten befand sich eine ganze Reihe von Extremisten, die sowohl in Somalia als auch in den Anrainerstaaten einen strikt islamischen Staat nach Vorbild der Taliban in Afghanistan etablieren wollten. Nicht wenige sprachen ganz offen von der Gründung eines islamistischen Groß-Somalias am Horn von Afrika.

Einige Hardliner erklärten Äthiopien sogar ganz offen den heiligen Krieg und wurden dabei von der Terrororganisation El Kaida angestachelt. Dadurch waren die Islamisten zu einer ganz konkreten Bedrohung für die christlich geprägten Nachbarn Äthiopien und Kenia geworden, in deren Grenzprovinzen mehrheitlich Somalis leben. Daneben haben sich ausländische Dschihad-Kämpfer in dem von den Islamisten kontrollierten Südteil Somalias eingenistet und von dort Anschläge in Afrika geplant.

Wie in Afghanistan haben die USA allerdings mit zu dem Problem beigetragen. Unbegreiflich bleibt, dass die Amerikaner in Somalia im vergangenen Jahr berüchtigte Warlords gegen die Islamisten in Stellung brachten, also ausgerechnet jene Kräfte, die Somalias Bevölkerung seit Jahren drangsalieren. Kein Wunder, dass die beabsichtigte Wirkung damals in ihr Gegenteil umschlug und die Islamisten nachhaltig gestärkt wurden.

Weil die Übergangsregierung im Übrigen auch wenig repräsentativ war, hatten die Islamisten eine derart große Akzeptanz unter der Bevölkerung gewonnen. Nun folgt der zweite gravierende Fehler der Amerikaner, nämlich die offene Unterstützung der Äthiopier und das direkte Eingreifen der US-Luftwaffe. Das mag einen kurzfristigen Erfolg bringen. Aber die US-Regierung müsste eigentlich in Afghanistan und Irak gelernt haben, dass dies noch keine Lösung ist. Durch die Hilfe der verhassten „Ausländer“ ist die vom Westen unterstützte Übergangsregierung vielmehr diskreditiert.

Um eine Ausweitung des Konflikts zu verhindern, müssten nun zumindest möglichst schnell die als Besatzer empfundenen Äthiopier abziehen und ein Gesprächsfaden zwischen der Übergangsregierung sowie moderaten Islamisten geknüpft werden. Wenn der Westen schon Druck einsetzt, dann sollte er ihn dafür nutzen, einen Gutteil der „Warlords aus der Übergangsregierung zu entfernen und durch starke Persönlichkeiten der bislang kaum vertretenen Clans zu ersetzen.

Dies ist sicher leichter gesagt als getan. Doch nur dann hätte die geplante afrikanische Friedenstruppe eine echte Chance, ein Machtvakuum in Somalia zu verhindern und das zerstörte Land zumindest ansatzweise zu stabilisieren. Nur dann bestände die Aussicht, in einem verfehlten weltweiten Antiterrorkampf nicht gleich die nächsten Terroristen heranzuzüchten, wie dies im Irak und in Afghanistan der Fall ist. Das sollten auch die Europäer überlegen, bevor sie sich zu einem Engagement in Somalia hinreißen lassen.

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