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22.06.2012

08:14 Uhr

Staatsverschuldung

Amerika braucht den Wechsel

VonGabor Steingart

US-Präsident Barack Obama erregt sich über einen Gastbeitrag des Wirtschaftsberaters von Mitt Romney im Handelsblatt. Zu Unrecht: Der wirkliche Aufreger ist Obamas Schuldenpolitik. Ein Kommentar.

Editor-in-chief Gabor Steingart

"Obama missed the point"

Editor-in-chief Gabor Steingart: "Obama missed the point"

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Amerika hat bei der Wahl im Jahr 2008 den falschen Mann zur falschen Zeit gewählt. Barack Obama versteht die Ursachen der Krise nicht, die uns zu schaffen macht. Ihm fehlt der innere Kompass für die Umwelt, in der wir uns bewegen. Sonst würde er seine eigenen Landsleute nicht immer tiefer in den Schlamassel führen. Und sonst hätte er den Handelsblatt-Gastautor Glenn Hubbard nicht derart hart angegangen.

Obama nutzte das G20-Treffen in Los Cabos, Mexiko, um sich gegen die Kritik an seiner Schuldenpolitik und die Tatsache, dass sie in einer deutschen Wirtschaftszeitung vorgetragen wurde, zu verwahren. „Es kann nur einen Präsidenten zur gleichen Zeit geben“, sagte er. „Der inneramerikanische Wahlkampf hat am Atlantik zu stoppen.“

Gabor Steingart  Andreas Fechner für Handelsblatt

Der Autor

Gabor Steingart ist der Herausgeber des Handelsblatts.

Anlass für die harten Worte war der Gastkommentar des obersten Wirtschaftsberaters des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Mitt Romney. Glenn Hubbard, Dekan der Columbia Business School in New York, hatte unter der Überschrift „Nicht von Amerika lernen“ davor gewarnt, die exzessive Schuldenpolitik fortzusetzen. Und den Deutschen davon abgeraten, Euro-Bonds einzuführen.

Obama aber drängt die Deutschen, seinem Beispiel zu folgen. Obwohl niedrige Zinsen, eine Importsucht und eine beispiellose private und öffentliche Verschuldung in die Krise führten, will der US-Präsident sie genau so bekämpfen: mit niedrigen Zinsen und mit einer Verschuldung, deren Limit der Himmel zu sein scheint. 3,5 Milliarden Dollar gibt Amerika mehr aus, als es einnimmt – pro Tag.

Amerika besitzt viermal mehr Einwohner als Deutschland. Aber Amerika hat sechsmal mehr Schulden als wir. Wäre der US-Staatshaushalt ein Cadillac und würde eine Verschuldung von 50 Prozent eine Reisegeschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde bedeuten – dann hätte sich das Tempo von 90 Kilometern pro Stunde zu Zeiten von Richard Nixon auf 140 Stundenkilometer zu Zeiten von Ronald Reagan auf mehr als 180 Kilometer pro Stunde im letzten Amtsjahr von George W. Bush gesteigert. Obama rast mittlerweile mit Tempo 270 durch die Lande. Die Staatskarosse qualmt. Das Risiko eines Unfalls steigt. Der Schuldenstand ist höher als der in der Euro-Zone. Aber Obama will weiter Gas geben.

Gastkommentar: Nicht von Amerika lernen

Gastkommentar

Nicht von Amerika lernen

Der Berater von Romney, Glenn Hubbard, erklärt warum Obama auf dem falschen Weg ist.

Ronald Reagan war 1981 der Erste, der die für ein Land unbequeme Wahrheit aussprach. In seiner Rede zur Lage der Nation vom 5. Februar 1981 sagte er: „Das Budget unseres Landes ist außer Kontrolle. Wir sind konfrontiert mit einem Defizit für das abgelaufene Haushaltsjahr von 80 Milliarden Dollar. Das Defizit ist größer als das ganze Budget des Jahres 1957. Während der Jahre von 1960 bis 1980 ist unsere Bevölkerung nur um 23,3 Prozent gewachsen. Das Budget aber wuchs um 528 Prozent. Der Kongress beschloss 1971 eine Schuldenobergrenze. In diesen zehn Jahren zwischen 1971 und 1981 wurde die Schuldenobergrenze 21-mal angehoben, und nun drängt man mich, sie erneut anzuheben. Dabei bin ich erst 16 Tage im Amt.“

Kommentare (28)

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distefano

21.06.2012, 10:37 Uhr

Herr Steingart, sie verwechseln eindeutig Ursache und Wirkung der Verschuldungskrise, wenn Sie ausgerechnet Ronald Reagan als Kronzeugen benennen. Unter seiner Ägide begann der Schlamassel der Verschuldung und des Entstehens des Finanzkapitalvolumens, welches von einer zur nächsten Blase läuft und dessen Vermögenswerte ( was ja, wie sie wissen, die andere Seite der Schuldenmedaille darstellt) jeweils vom gemeinen Steuerzahler mit Aufblähung der Staatsschuld gerettet wird. Im Verein mit Maggi Thatcher hat er die Thesen von dem kleinen freundlichen Herrn Friedmann in die Realität umgesetzt. Alan Greenspan gab neulich vor dem Untersuchungsausschuss zu, dass er daran geglaubt habe, das der freie Markt gerade auch für die Finanzmärkte das Beste sei, aber nun eingesehen habe, dass er sich irrte.
Wenn wir Schulden abbauen wollen, müssen wir den Vermögenden (nicht nur den Reichen, auch den LV Sparern) klarmachen, dass ihr Vermögen sinken muss. Dazu hab ich im Handelsblatt noch nichts gelesen. Dies zu erreichen gibt es vier Möglichkeiten: Schuldenbremsen, Wachstum, Schuldenschnitte und Inflation bzw. Finanzrepression. Mir scheint, die letzte Methode die Erfolgversprechensde. Das Problem ist nur: Wo kriegen wir die Inflation her, denn wir steuern auf japanische Verhältnisse. Entegegen der offensichtlich genetisch bedingten Angst der Deutschen vor Inflation sehe ich eher Deflationsgefahren.

RalfLippold

21.06.2012, 11:13 Uhr

Ursache und Wirkungszusammenhänge scheinen bisher in Wirtschaft, Politik und auch Medien seit den 1950er Jahren als Prof. em. Jay W. Forrester das disziplinenübergreifende System Dynamics entwickelte nicht angekommen zu sein.

Entsprechend der Perspektive (Frosch, Fliege, oder Flugzeug) der globalen und lokalen Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklungen sieht der Betrachter die Entwicklungen gänzlich anders. Was für den einen aussieht wie der ultimative Schocker (Staatsverschuldung unter Präsident Obama) ist für den anderen lediglich das Ende einer bisherigen Entwicklung seit einigen Jahrzehnten mit den nun einsetzenden Wirkungen. Dynamische Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge sind stark durch zeitliches Auseinanderdriften von Ursache und Wirkung gekennzeichnet. Die exponentielle Beschleunigung der Verbreitung von modernen Informationstechnologien und somit die Vernetzung von Menschen über Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg macht ein neues Verständnis von gemeinsamer Politik, Wirtschaft und gesellschaftlichem Zusammenleben nötig, wenn die bislang ungebremste Beschleunigung in Richtung Wirtschaftscrash (Griechenland, Island, Spanien u.a. zeigen lediglich was passiert, wenn "kleine" Staaten diese Erfahrungen durchleben) weiter anhält und nicht gebührend hinterfragt wird.

http://www.videocast.nih.gov/Summary.asp?File=13712 (Prof. John D. Sterman März 2007 zu Thema Policy Resistance)

Metaphern

21.06.2012, 11:34 Uhr

Abgesehen von den zahlreichen faktischen Fehlern (Übersetzung des Obama-Zitats, Verwirrung über die Entstehungsgründe der Krise, Unfähigkeit der Umrechnung von nominalen in inflationsbereinigte Größen), verwechselt der Autor in seiner Cadillac-Metapher eine Bestandsgröße (Staatsverschuldung) mit einer Flussgröße (Weg/Zeit). Der korrekte Vergleich wäre das Staatsdefizit, das die Ausgaben pro Jahr angibt.

Das Staatsdefizit setzt sich aus zwei Teilen zusammen, den Einnahmen und den Ausgaben. Vergleicht man die aktuellen Ausgaben pro GDP (24%) mit den Ausgaben zu Zeiten des vom Autoren so umschwärmten US Präsidenten Reagan (22%), erkennt man schnell, dass hier keine signifikanten Erklärungsansätze für die Krise gefunden werden können. Der hier erwähnte "Unfall" scheint sich laut des Autors bei einer Erhöhung der Geschwindigkeit um 10% zu dramatisieren (wohlgemerkt in Zeiten der Rezession, zu der automatische Stabilisatoren wie Arbeitslosengeld steigen). Die Analyse der gesunkenen Einnahmeseite überlasse ich dem Autoren.

Die Anwendung von Metaphern kann hilfreich für das Verständnis sein, wenn der Autor diese korrekt benutzt. Andernfalls hilft es nur, die bestehenden Zusammenhänge weiter durcheinander zu bringen.

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