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09.01.2003

09:11 Uhr

Stammzellforschung

Analyse: An den Grenzen der Schöpfung

VonKlemens Kindermann

Wenige Tage erst haben wir die beunruhigenden Bilder im Kopf: Der weiß gekleidete Sektenführer, scheinbar ins All blickend, vor einer Ufo-Attrappe. Die großäugige „Bischöfin“ der Raelianer, die uns in der Weihnachtszeit die Geburt eines Kindes ankündigt – angeblich von ihr geklont. Und jetzt die Nachricht, dass in Deutschland die Forschung an embryonalen Stammzellen bereits begonnen hat. Ist das der von vielen mit größter Sorge erwartete Dammbruch? Haben wir nun auch hier endgültig die Grenzen der Schöpfung überschritten?

Die Antwort lautet: Die brutale Menschenverachtung von Sekten oder „Medizinern“ in der Frage des Klonens hat nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun, was in Deutschland geschehen ist. Hier tritt niemand aus dem Dunkel dubioser Wissenschaftlichkeit und gebärdet sich als Frankenstein. Im Gegenteil. Nur ganz selten in der Geschichte der Bundesrepublik hat der Zwiespalt zwischen Forschung und Ethik eine solche intensive Debatte auf allerhöchstem Niveau erlebt.

Die Entscheidung, die dann im letzten Jahr in der Form des Stammzellgesetzes fiel, wird auch weiterhin Gegner haben. Das kann nicht anders sein. Deren gerechtfertigte Argumente und aufrichtigen moralischen Bedenken bleiben. Sie lassen sich nicht durch ein Gesetz beseitigen. Doch müssen auch die Gegner einräumen, dass das Parlament der Angst vor dem „Verrohungspotenzial der Moderne“, wie es Margot von Renesse in der entscheidenden Bundestagsdebatte formulierte, begegnen wollte, so gut es konnte.

Die Hürden für die Forschung in Deutschland sind denkbar hoch gesteckt worden. Die Stichtagsregelung, die nur die Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt, die vor 2002 im Ausland erzeugt wurden, ist eine nachhaltige Einschränkung. Umso mehr sind jetzt die Befürworter dieses Forschungsanliegens gefordert, die Bedeutung und Praktikabilität ihrer Arbeit zu erweisen. Ob Deutschland jetzt noch auf diesem Feld eine führende Stellung erringen kann, ist eine offene Frage.

Irritierend wirkt da, dass die Bundesregierung schon seit Monaten nicht mehr den Eindruck vermittelt, sie nehme sich dieses Themas mit Verve an. Auch vom neuen Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement ist nichts mehr zu hören. Er ist zwar sachlich auch nicht für Forschung zuständig, als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat er aber mit seinem Einsatz für diese Forschung für außerordentliches, lang anhaltendes und sogar weltweites Aufsehen gesorgt. Jeder gute Forschungsstandort, das weiß Clement, ist in der Regel auch ein guter Wirtschaftsstandort.

An der Energie, mit der die embryonale Stammzellenforschung in Deutschland fortan unterstützt wird, werden viele die Ernsthaftigkeit der ehemals vorgetragenen Argumente messen. Die Frage, ob es nicht auch adulte – also aus Organen Erwachsener gewonnene – Stammzellen sein dürfen, ist nicht vom Tisch. In dieser Woche, in der noch die schreckliche Inszenierung um die Klon-Babys anhält, haben Wissenschaftler im hochseriösen Journal „The Lancet“ über die Behandlung von Infarktpatienten mit Stammzellen aus dem eigenen Knochenmark berichtet. Sollten sich auf diesem Weg tatsächlich viel eher Erfolge einstellen – und vieles deutet darauf hin –, wird der Nimbus der embryonalen Stammzellenforschung schnell verblassen.

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