Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.01.2007

05:30 Uhr

Tarifpolitik

Aus Fehlern lernen

VonDieter Brucklacher (Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA)

Zu den erfreulichen Nachrichten des abgelaufenen Jahres gehört der allmähliche Rückgang der Arbeitslosenzahlen. Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau hat dazu seinen Beitrag geleistet.

Im Oktober letzten Jahres betrug die Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten in unserer Branche 884 000. Das sind 16 000 Personen mehr als im entsprechenden Vorjahresmonat. Zum ersten Mal seit vielen Jahren geht das Produktionswachstum nicht mehr am Arbeitsmarkt vorbei. Damit sind jene klar widerlegt, die deutschen Unternehmen unterstellen, sie würden aus reiner Profitgier und unabhängig von der konjunkturellen Lage Arbeitsplätze in Deutschland weiter abbauen. Die Unternehmer des Maschinen- und Anlagenbaus haben Wort gehalten. Sie haben nicht nur Arbeitsplätze gesichert, sondern auch neue geschaffen. Zu den Gründen dieses Erfolgs gehören auch die relativ moderaten Tarifabschlüsse der jüngeren Zeit. Diese waren allerdings bitter nötig, damit die deutsche Wirtschaft die Wettbewerbsnachteile durch überzogene Lohnerhöhungen in der Vergangenheit wenigstens teilweise wettmachen konnte.

Angesichts der sich nun erholenden Konjunktur darf nicht vergessen werden: Die über Jahrzehnte von Zyklus zu Zyklus gestiegene Massenarbeitslosigkeit mag ihre Ursache jeweils in konjunkturellen Problemen gehabt haben. Dass sie sich aber auf immer höherem Niveau verfestigte, lag vor allem an einer Lohnpolitik, die sich zu wenig um den Arbeitsmarkt scherte. Die Folgen wurden nicht zuletzt durch Verlagerung von Produktionen ins Ausland und Arbeitsplatzabbau im Inland schmerzlich spürbar. Jetzt, da der wirtschaftliche Aufschwung endlich auch den Arbeitsmarkt belebt, wäre es fatal, die Fehler von damals zu wiederholen und erneut an der Lohnschraube zu drehen.

Dem deutschen Maschinen- und Anlagenbau geht es gut, sogar sehr gut. Undifferenziert von einer glänzenden Ertragslage zu sprechen wäre gleichwohl unverantwortlich. Viele Unternehmen stehen unter enormem Preisdruck, zumal sie einen erheblichen Teil ihres Geschäfts in Dollar fakturieren. Die Gleichung, dass eine ordentliche Auftragslage und steigende Umsätze zwangsläufig zu exorbitanten Gewinnen führen, geht daher nicht auf. Der Verteilungsspielraum bleibt begrenzt, zumal die Situation in den einzelnen Unternehmen und Fachzweigen unserer Branche sehr unterschiedlich ist. Der Aufschwung hat keineswegs schon alle erreicht. Dieser differenzierten Entwicklung innerhalb der Metallindustrie muss eine verantwortungsvolle Tarifpolitik Rechnung tragen.

Das heißt nicht, dass die Arbeitnehmer nicht am Wachstum der Branche beteiligt werden sollten. Es ist nur recht und billig, dass sie ihren Anteil am Erfolg einfordern. Aber die Lohnpolitik muss moderaten Kurs halten. Die Tarifvereinbarung 2006 hat mit der variablen Einmalzahlung eine Möglichkeit der Erfolgsbeteiligung geschaffen, die auch diesmal genutzt werden sollte. Wie auch immer eine Einmalzahlung 2007 aussehen wird: Entscheidend wird sein, dass es gleichzeitig nur eine äußerst moderate tabellenwirksame Lohnsteigerung gibt. Der außergewöhnliche und so nicht beliebig wiederholbare Erfolg unserer Branche darf sich nicht in Anhebungen der Löhne niederschlagen, die nicht rückgängig gemacht werden können. Sonst würde der mühsam erarbeitete Zuwachs an Wettbewerbsfähigkeit umgehend wieder verspielt. Die Folgen für den Arbeitsmarkt würden auf der Hand liegen.

Die Tarifparteien müssen auch diejenigen im Auge haben, deren Chancen am Arbeitsmarkt sich bisher trotz des Aufschwungs kaum verbessert haben: Das gegenwärtige Tarifniveau ist für Unternehmen insbesondere ein Hindernis, Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose einzustellen. Ihnen könnte der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt durch eine Spreizung der Tarife erleichtert werden. Dies etwa durch Einstiegstarife, die es erlauben, die betroffenen Arbeitnehmer, zum Beispiel auf ein Jahr befristet, deutlich unter Regeltarif zu bezahlen. Sie könnten in dieser Zeit jene Produktivität erwerben, die nötig ist, um den vollen Tariflohn zu erwirtschaften. Generelle Lohnanhebungen, wie sie die Gewerkschaften fordern, würden gerade Geringqualifizierte weiter ins Hintertreffen bringen. Ein Wort noch zu den „Empfehlungen“, mit denen Politiker die Tarifauseinandersetzung 2007 allzu früh eröffnet haben: Die Politiker müssen sich darüber klar sein, dass sie damit den Flächentarifvertrag gefährden, den sie sonst hochzuhalten versuchen. Denn viele Unternehmer spielen per se mit dem Gedanken, aus dem Flächentarif auszusteigen. Politische Einmischung könnte sie erst recht dazu ermuntern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×