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15.11.2013

17:25 Uhr

Thesen zur „Leser-Revolution“

Das Ende des Frontalunterrichts

VonGabor Steingart

Die Journalisten sind die Alten geblieben. Die Leser nicht, sagt Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Es finde täglich ein leiser Aufstand der Mündigen und Selbstbewussten statt. Redaktionen dürften nicht belehren.

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart: „Das Verhältnis zu den Lesern ist gespannt.“ Thorsten Jochim für Handelsblatt

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart: „Das Verhältnis zu den Lesern ist gespannt.“

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart hat auf der Tagung „Future Summit 2013: Innovation, Wirkung, Nachhaltigkeit“ am Donnerstagabend eine Rede zur „Leser-Revolution“ gehalten. Wir dokumentieren seine sieben Thesen und freuen uns auf Ihre Reaktionen.

Meine Damen und Herren,

das Internet ist die großartigste Erfindung, seit es Sündenböcke gibt. Fallende Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften gelten nicht länger als Ausweis geschrumpfter journalistischer Attraktivität, sondern werden als Ergebnis einer technologischen Großrevolution gedeutet. In dem Vorgang liegt eine bisher unterschätzte Magie der Globalisierung: Selbst die Gründe für das eigene Leiden lassen sich in Echtzeit exportieren, in unserem Fall ins Silicon Valley.

Der Springer-Konzern hat im Siedlungsgebiet des Gegners eigens eine Forschungsstation eingerichtet, um uns über dessen Wanderungsbewegungen aufzuklären. Jede Depesche von dort wird von den Daheimgebliebenen als Persilschein gelesen. Wir sind unschuldig! Google war’s!

Dabei ist für die Selbsterkenntnis der Handspiegel deutlich hilfreicher als das Fernrohr. Schon Friedrich Schiller empfahl uns: „Willst Du dich selbst erkennen, so sieh, wie die anderen es treiben. Willst Du die anderen erkennen, blick in dein eigenes Herz.“

Dort drinnen also, tief im Innersten unseres Gewerbes, verstummen die technologischen Nebengeräusche. Wer erkenntniswillig ist, erkennt hier, dass das Verhältnis zu den Lesern gespannt ist.

Der Grund: Die Journalisten sind ganz die Alten geblieben. Unsere Leser nicht. Es findet täglich ein lautloser Aufstand der Mündigen, der Selbstbewussten, der Aufgeklärten statt, die den medialen Frontalunterricht – die Redaktion belehrt, der Leser lauscht andächtig – als unzeitgemäß und auch als undemokratisch ablehnen. Wir leben größtenteils noch in der alten Welt, derweil sich unsere Leser auf fröhlicher Überfahrt in die neue Welt befinden. Es sind vor allem sieben Versäumnisse, die wir uns vorhalten lassen müssen. Ich benutzte bewusst die Form des „wir“ und damit der Selbstbezichtigung; ich tue es mit dem Hintergedanken, so die Bekömmlichkeit des Gesagten zu erhöhen und die Abstoßungsreaktionen innerhalb unserer Zunft zu reduzieren.

Kommentare (47)

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abc

15.11.2013, 17:46 Uhr

@HB: Ich hoffe dieser Text ist ein Ausdruck journalistischer Selbsterkenntnis und wird auch von den Journalisten Ihres Blattes gelesen. Und verstanden. Und beherzigt. Und (ich kann es mir nicht verkneifen) auch von Herrn Stock höchstselbst.

abc

15.11.2013, 17:52 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

15.11.2013, 18:03 Uhr

@HB: Sehr geehrter Herr Steingart, mit diesem Beitrag haben Sie mir aus der Seele gesprochen. Es ist zu erkennen, dass Sie all die Kommentare Ihrer "HB-Fangemeinde", zu welchen Themen auch immer, ernst nehmen und damit sehr dicht am Leser sind.
Es wäre nur zu schön, wenn Ihre Mitarbeiter und Kollegen den Mut aufbringen, sich ebenfalls so unabhängig und frei zu artikulieren und damit zeigen, welche Macht eine wirklich freie Medienlandschaft, siehe Ihr Hinweis auf Air Force One, haben kann. Schönes W.E.

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