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13.04.2017

01:17 Uhr

Treffen mit Jens Stoltenberg

Der neue Trump

VonMoritz Koch

Krawallpopulist Trump mimt auf einmal den Staatsmann. Beim Empfang von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg im Weißen Haus lobt der US-Präsident sogar die Nato. Was steckt hinter der wundersamen Selbstverwandlung?

US-Präsident trifft Stoltenberg

Trump: „Nato ist doch nicht obsolet"

US-Präsident trifft Stoltenberg: Trump: „Nato ist doch nicht obsolet"

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WashingtonDie Präsidentschaft von Donald Trump nähert sich der 100-Tage-Marke, an der es üblich ist, eine erste Bilanz zu ziehen. Doch Trump macht es den Beobachtern in Washington nicht leicht. Er befindet sich inmitten eines Wandlungsprozesses, der alles infrage stellt, was bisher als gesicherte Erkenntnis galt: Dass Trump der Welt den Rücken kehren will. Dass er sich mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verbrüdern möchte. Dass er kein Interesse an internationalen Normen zeigt und dass er einen Handelskrieg riskiert.

Am Anfang war Chaos und Finsternis, keine Frage. Die Fraktion der Nationalisten um Trumps Chefstrategen Steve Bannon gab den Ton an. Der neue Präsident sprach davon, dass er das „Gemetzel“ in den USA beenden und das wirtschaftliche Ausbluten des Landes stoppen wolle. Mauern, Zölle und Einreisesperren schienen ihm die einzig geeigneten Mittel dafür zu sein. Mit seiner Inkompetenz, seiner Ignoranz und seiner Streitlust brachte er es sogar fertig, enge Alliierte wie Australien zu verärgern.

Giftgas-Angriff in Syrien erschütterte Trump

Doch seit etwa eineinhalb Wochen erlebt Amerika einen anderen Trump. Der Giftgas-Angriff auf die syrische Kleinstadt Khan Sheikhoun hat den Präsidenten verändert. Ausgerechnet Trump, der syrischen Flüchtlingen die Einreise verweigern wollte, zeigt sich nun tief erschüttert über das Leid der Zivilisten.

Ausgerechnet Trump, der im Wahlkampf kein schlechtes Wort über Russlands Präsidenten Wladimir Putin verlor und gelegentlich sogar den syrischen Herrscher Baschar al-Assad für dessen Kampf gegen den Islamischen Staat lobte, bezeichnet Assad auf einmal als einen „Schlächter“, als „Tier“ und „bösen Mann“ und spricht von einem Tiefpunkt in den Beziehungen zu Russland.

Machtkampf im Weißen Haus: Trump geht auf Distanz zu Bannon

Machtkampf im Weißen Haus

Trump geht auf Distanz zu Bannon

Die Rivalität im Weißen Haus ist für Beobachter offensichtlich: Chefstratege Stephen Bannon steht dem pragmatischen Jared Kushner gegenüber. Trump bezieht nun erstmals Position – Bannon scheint weitgehend entmachtet.

Ausgerechnet Trump, der China wirtschaftliche Ausbeutungsmethoden vorwarf, berichtet jetzt stolz von einem freundschaftlichen ersten Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping und gemeinsamen diplomatischen Versuchen, die Atomkrise auf der koreanischen Halbinsel zu lösen.

Mit anderen Worten: Trump versucht sich in einer Rolle, die er bisher auf keinen Fall spielen wollte: der Rolle des Anführers des Westens. Am Mittwoch empfing der US-Präsident Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg im Weißen Haus. Was hatte er im Wahlkampf nicht über die Nato geschimpft. „Überflüssig“ sei sie, ein schlechter Deal für Amerika und keine Hilfe im Kampf gegen den Terror. Doch als sich Trump neben Stoltenberg im East Room des Weißen Hauses den Fragen der Presse stellte, verkündete er das genaue Gegenteil.

Die Nato sei „nicht länger überflüssig“ und sie kämpfe jetzt gegen den Terror. Das Weiße Haus hatte schon vorher wissen lassen, dass Trump „100 Prozent“ hinter der Allianz stehe. Einzig beim Thema Geld ähnelt der neue Trump dem alten. Der Präsident beharrt weiter auf seiner Forderung, dass die Alliierten ihre Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistung steigern. Das allerdings will Stoltenberg auch. Harmonie soweit man blickt.

Es war ein bemerkenswerter Tag in Washington. Dem „Wall Street Journal“ verriet Trump noch, dass er China nicht wie angekündigt als Währungsmanipulator anprangern werde. Vielmehr wolle er Xi einen Handelsdeal anbieten, damit dieser seinen Einfluss auf Nordkorea geltend macht und den Schurkenstaat von weiteren Provokationen abbringe.

Was steckt dahinter? Warum diese wundersame Selbstverwandlung? Princeton Historiker Harold James erklärt im Handelsblatt-Interview: „Trump nähert sich dem politischen Mainstream in den USA an. Das erste Anzeichen dafür gab es schon, als Trump seinen Sicherheitsberater Michael Flynn durch den angesehenen General H.R. McMaster ersetzt hat. Auch die Macht von Trumps Chefstrategen Steve Bannon wurde beschnitten.“

Princeton-Professor Harold James: „Trump nähert sich dem Mainstream an“

Princeton-Professor Harold James

Premium „Trump nähert sich dem Mainstream an“

Harold James rechnet mit weiteren außenpolitischen Abenteuern von US-Präsident Trump. Manche Drohung hält er für eine Finte. Die Globalisierung, ist er sich im Interview sicher, will Trump nicht zurückdrehen.

James glaubt, dass sich das Establishment durchsetzt, das Trump eigentlich stürzen wollte: „Das gilt auch für Trumps Wirtschaftsteam. Die Ernennung von Kevin Hassett zum Chefökonom des Weißen Hauses schwächt die Handelskrieger um Peter Navarro, die anfangs die Richtung vorgaben.“ Allerdings glaubt James nicht, dass Trump zu einem normalen Präsident werden könne. „Wir haben es mit einer Regierung zu tun, die innenpolitisch feststeckt. Das Trumpcare-Fiasko – der gescheiterte Versuch, die Gesundheitsreform von Barack Obama auszuradieren –, war eine enorme Demütigung. Auch um die Steuerreform, die Trump durchsetzen will, steht es schlecht“, sagte James und fügte hinzu: Wie wir aus der Geschichte wissen, stürzen sich blockierte Regierungen gern in außenpolitische Abenteuer.“

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