Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.01.2010

13:27 Uhr

Türkei

Aufbruch des starken Manns am Bosporus

VonAbdel Mottaleb El Husseini

Die Türkei nutzt ihre neue Stärke für eine selbstbewusste Außenpolitik. Sie konzentriert sich nicht mehr nur auf den Beitritt zur EU und wendet sich stärker dem arabischen Raum zu. Dort wird sie zum Vorbild, weil sie Islam und Modernität verbindet.

Die lange türkisch-arabische Eiszeit scheint zu Ende zu gehen. Lautlos wälzen die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Vorstöße der Türkei die arabische Welt um. Der charismatische türkische Premier und sein strategisch denkender Außenminister haben das alte Bild von den schwachen und despotischen Sultanen verdrängt. Auf dem nahöstlichen Schachbrett gehört die Türkei schon zu den Hauptspielern.

Die türkische Diplomatie hat sich derart profiliert, dass sie gegenwärtig als der aktivste Feuerwehrmann im nahöstlichen Brandherd fungiert. Die Vermittlung zwischen Israel und Syrien, die Entschärfung der Krise zwischen Irak und Syrien und das politische Engagement im Irak bringen mit aller Deutlichkeit die Wende der türkischen Außenpolitik zum Ausdruck.

In der Phase seines Niedergangs galt das Osmanische Reich im Jargon der europäischen Politiker und Diplomaten des 19. Jahrhunderts als der „kranke Mann am Bosporus“. Allein der Streit der abendländischen Mächte um die Teilung des Erbes der türkischen Sultane verlängerte ihre Herrschaft noch ein wenig. Doch der Erste Weltkrieg führte zur Aufteilung ihrer arabischen Provinzen zwischen den anglo-französischen Siegern. In der Folge wurde das osmanische Kalifat 1923 durch Mustafa Atatürk aufgehoben. Die neue, laizistische türkische Republik kehrte nach vierhundertjähriger Herrschaft der arabischen Welt den Rücken, erwarb in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Nato-Mitgliedschaft und wartet seitdem vergebens vor den Toren Europas auf Aufnahme. Noch immer wird sie mit dem Verweis auf die laufenden Verhandlungen hingehalten, und diese Formel überbrückt auch in der schwarz-gelben Koalition den Dissens darüber, ob die Türkei Mitglied werden soll oder nicht.

Die Beziehungen der modernen Türkei zur arabischen Welt waren bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts von Misstrauen, Spannung und Ressentiments beherrscht. In den Augen der politischen und kulturellen Eliten Arabiens galten die Türken als Tyrannen und wurden für die Dekadenz der arabischen Welt verantwortlich gemacht. Auf türkischer Seite wurde den Arabern, die während des Ersten Weltkriegs an der Seite der Briten und Franzosen standen, Verrat vorgeworfen. Die neue türkische Republik brach mit ihren orientalischen Wurzeln und erklärte sich zu einem Teil Europas. Die arabische Schrift wurde durch die lateinische ersetzt. Und der europäische Hut eroberte die Köpfe der türkischen Männer und feierte seinen Sieg über den Fes (Tarbusch). Aus Verärgerung über ihre ehemaligen arabischen Untertanen erkannte die türkische Regierung 1949 als erster islamischer Staat Israel an. Türkische und arabische Politiker litten jahrzehntelang an chronischem Autismus und taten so, als wären ihre benachbarten Länder Lichtjahre voneinander entfernt.

Stellt die eindrucksvolle Rückkehr der Türkei in die nahöstliche und zentralasiatische Arena eine Gesetzmäßigkeit der Geopolitik oder eine Belebung der imperialen osmanischen Träume dar? Kehrt die Türkei zu ihren islamischen Wurzeln zurück? Was steht innenpolitisch hinter dem türkischen Engagement in der arabischen Welt? Was hat die neue türkische Politik für Folgen für das politische Kräfteverhältnis in der Region?

Die Beantwortung dieser Fragen bildet einen Beitrag zum Verständnis der dramatischen politischen Veränderungen in der arabischen Welt, die dem letzten Irakkrieg und dem Scheitern der israelisch-arabischen Friedensverhandlungen folgten. Die alte politische Karte der Region, die im Ergebnis der beiden Weltkriege sowie des Kalten Krieges entstand, hat durch die US-Besatzung des Iraks ihre Gültigkeit verloren. Eine neue regionale Ordnung entsteht.

Dass die Türkei auf die politischen Veränderungen vor ihrer Haustür reagieren muss, versteht sich von selbst und ist unabhängig von der politischen Couleur und der ideologischen Orientierung der Regierung. Natürlich wurde die Wende Ankaras von seiner totalen Fixierung auf Europa zur weiten politischen und wirtschaftlichen Öffnung zur arabischen Welt durch die Machtübernahme der islamischen AKP begünstigt. Sie hat jedoch schon einige Jahre zuvor eingesetzt.

Für den „Neo-Osmanismus“, wie die arabische und islamische Politik der Regierung von Premier Tayyip Recep Erdogan auch genannt wird, leisteten die Gegner des EU-Beitritts der Türkei, vor allem die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, Geburtshilfe. Geschickt hielt die AKP-Regierung an dem aussichtslosen Beitritt in die EU fest und bekannte sich zu den von den Europäern geforderten demokratischen Reformen des politischen und rechtlichen Systems. Dies trug dazu bei, den Einfluss des türkischen Militärs, das seit der Gründung der Republik in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts im Namen der Verteidigung des Laizismus faktisch die Macht ausübte, zu schwächen und die AKP nicht mehr als vorübergehende politische Erscheinung, sondern als tatsächliche Regierungspartei zu stabilisieren.

Dass die Türkei die politischen Konsequenzen aus der Ablehnung vieler europäischer Regierungen zieht, war zu erwarten. Überraschend sind die Reaktionen breiter Teile der europäischen Politiker und Medien, die nicht wahrhaben wollen, dass die Türken nicht ewig Europa die Treue halten und das geopolitische Gewicht der Türkei als Bindeglied zwischen Europa und der islamischen Welt als Trumpfkarte erfolgreich einsetzen können. „Sind wir dabei, die Türkei zu verlieren?“ fragte die französische Tageszeitung „Le Monde“ am 19. Oktober 2009 und zeigte die Ambivalenz der europäischen Haltung zur Türkei auf, die deren Vorzüge genießen möchte, ohne sie als volles Mitglied in der europäischen Familie zu akzeptieren.

Als ob die Geschichte sich wiederholen würde, hat der „Kreuzzug“ des ehemaligen US-Präsidenten gegen Afghanistan und Irak im Rahmen des Kriegs gegen den islamistischen Terror eine ähnliche Wirkung in Hinsicht auf die Türkei wie die Kreuzzüge und die Mongoleninvasion, die zur Schwächung von Byzanz und zum Verschwinden des Abbasidenkalifats in Bagdad Mitte des 13. Jahrhunderts geführt haben. In der Folge stieg das Osmanische Reich zur führenden Kraft in der islamischen Welt auf. Die Sultane wurden bis Ende des Ersten Weltkrieges die faktischen Kalifen des Islams. Nun trägt die amerikanische Besatzung des Iraks zur Rückbesinnung der Türkei auf ihre islamische Identität und ihre politische Rolle in der Region bei.

Der Sturz des Regimes von Saddam Hussein und die Ausschaltung des Iraks als regionale arabische Macht änderten das Kräfteverhältnis in der Region zugunsten Irans. Die Türkei gehörte zunächst zu den Verlierern des zweiten Golfkriegs. Denn die irakischen Kurden bauten im Nordirak unter dem Etikett der Autonomie faktisch ihren eigenen Staat aus. Diese Entwicklung, die nicht ohne Wirkung auf die kurdische Minorität in der Türkei bleiben kann, veranlasste die türkische Regierung, politisch und nicht nur militärisch auf die PKK im irakischen Kurdistan zu reagieren.

Die türkische Regierung, vor allem ihr Vordenker, Außenminister Ahmet Davutoglu, entwickelte eine neue Strategie, die darauf abzielt, sich den benachbarten Ländern zu öffnen. Diese Politik wurde durch die Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Irak, Syrien und Iran forciert. Inzwischen kontrolliert die Türkei zum größten Teil die Wirtschaft im autonomen kurdischen Nordirak. Sie unterhält gleichzeitig enge Beziehungen zum gesamten politischen Spektrum im Zweistromland, zu Schiiten, Sunniten und Kurden. Sie machte Schluss mit der traditionellen Politik, die sich nur für die Turkmenen im Irak interessierte.

Deutlich zeigt sich die Wende der türkischen Politik im Verhältnis zu Iran. Das Verhältnis beider Länder zeichnete sich durch einen erbitterten, jahrhundertelangen Machtkampf zwischen dem sunnitischen Osmanischen Reich und dem schiitischen Staat der Safawiden aus. Der Sieg der Khomeini-Revolution im Jahre 1979 vertiefte zusätzlich die Kluft zwischen der laizistischen Türkei und dem iranischen Gottesstaat.

Trotz dieses schweren Erbes und trotz der westlichen Ächtung des Irans aufgrund seiner atomaren Ambitionen hat die türkische Regierung ihre wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zum Mullah-Regime intensiviert. Erdogan bezeichnete während seines letzten Besuchs in Teheran den Präsidenten Ahmadinedschad als Freund. Die türkische Regierung unterstützt die iranische Atompolitik und lehnt jegliche militärischen Aktionen und wirtschaftlichen Sanktionen gegen das benachbarte Land strikt ab. Natürlich wird das Verhältnis zwischen der Türkei und Iran nicht unbedingt harmonisch verlaufen, da beide Länder mehr Einfluss in der geschwächten arabischen Welt wollen. Aber eines ist schon jetzt klar: Die Türkei strebt bei der Suche nach einer Lösung der iranischen Atomkrise eine eigene Rolle an, die ihren politischen und wirtschaftlichen Interessen dient.

Deutlicher wird die Rückkehr der Türkei in die arabische Welt durch ihre sprunghafte Normalisierung der Beziehungen zu Syrien. Es ist daran zu erinnern, dass Syrien, das als Zentrum des ursprünglich gegen die türkische Herrschaft gerichteten arabischen Nationalismus gilt, 1999 am Rande eines Krieges mit der Türkei stand. Die syrischen Forderungen nach einer türkischen Rückgabe des Iskandarun-Gebietes und nach mehr Wasser vom Euphrat sind erst in den letzten Jahren verstummt. Jahrelang unterstützte Damaskus die PKK. Und die Türkei baute zum Ärger der Syrer ihre militärische Zusammenarbeit mit Israel aus. Dass es nun zu einem visumfreien Verkehr zwischen beiden Ländern und zu gemeinsamen Manövern der syrischen und der türkischen Armee gekommen ist, übertraf alle Erwartungen. Die gleichzeitige Aufhebung der militärischen Manöver mit Israel aus Protest gegen den Gaza-Krieg zeigt mit aller Deutlichkeit, dass die Türkei den Konkurrenzkampf mit Israel um politischen Einfluss im Nahen Osten nicht scheut.

Die türkische Regierung, die bis Ende des vorigen Jahres zwischen Israel und Syrien vermittelt hat, will angesichts des Scheiterns der USA und der EU bei einer Lösung des israelisch-arabischen Konflikts das politische Vakuum in der Region füllen. Das bedeutet keinesfalls, dass die israelisch-türkische Partnerschaft in absehbarer Zeit abgebrochen wird. Aber sie hat einen tiefen Riss. Die israelische Politik scheint die tiefen Umwälzungen in der Türkei und vor allem die Bedeutung des palästinensischen Problems für die türkische Bevölkerung nicht wahrzunehmen. Besonders seit dem Entflammen der zweiten Intifada und dem Zusammenbruch des sogenannten Friedensprozesses nehmen die Solidarität der türkischen Öffentlichkeit mit den Palästinensern und die Ablehnung der israelischen Besatzung palästinensischer Gebiete dramatisch zu.

Die heftigen Attacken des türkischen Premiers gegen den Gaza-Krieg dürfen nicht einfach als Populismus oder Ausdruck einer antisemitischen Haltung der AKP abgetan werden. Sie sind in die neue regionale Politik der Türkei einzuordnen. Das Fortdauern der politischen und militärischen Spannungen im Nahen Osten bildet eine ernste Gefahr für die Interessen der türkischen Wirtschaft in der Region, die in den letzten Jahren immer wichtiger geworden sind. Außerdem trägt das ungelöste palästinensische Problem dazu bei, den Weg für den radikalen Islamismus zu ebnen. Übrigens hat das Palästinaproblem auch angesichts der israelischen Annektierung Ost-Jerusalems, das die Aksa-Moschee, das dritte islamische Heiligtum nach Mekka und Medina, beherbergt, eine islamische Komponente.

Dass die AKP durch das palästinensische Tor in die arabische Welt eintreten will, versteht sich aus der Schwäche der arabischen Monarchien und Diktaturen, die daran scheiterten, die Interessen der Palästinenser zu wahren und der israelischen Besatzungspolitik effektiv entgegenzuwirken.

Inzwischen gilt Erdogan als der populärste Politiker in der arabischen Welt. Der Erbe der kranken Sultane am Bosporus strahlt Dynamik und Vitalität aus, während die meisten arabischen Führer und ihre islamistischen Widersacher überall und vor allem am Tigris, in der Wiege des Islams und am Nil an akuter politischer, wirtschaftlicher und geistiger Schwäche leiden und nur durch Repression auf die Verewigung ihrer Herrschaft hinarbeiten.

Dass der türkische Vorstoß in die arabische Welt primär den eigenen nationalen Interessen dient, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. In internationalen Beziehungen herrscht kein Altruismus. Deshalb bleibt die Lösung der Probleme der arabischen Welt die Sache ihrer Völker. Aber die Rückkehr der Türken in die Region wird nicht ohne politische Folgen für die arabische Welt bleiben. Sowohl die Regierungen als auch die oppositionellen Bewegungen müssen auf die türkische Herausforderung reagieren.

Die arabische Öffentlichkeit reagiert mit Begeisterung auf die türkische Politik. Sie scheint keine Angst vor einem Neo-Osmanismus zu haben. Im Gegensatz zur Politik des iranischen Regimes, die zu einer sunnitisch-schiitischen Polarisierung der arabischen Welt geführt hat, wird die türkische Rolle selbst von proiranischen Kräften wie Hamas und Hisbollah begrüßt. Natürlich kann die Türkei keine Wunder im Nahen Osten vollbringen. Jede euphorische Reaktion auf ihre Politik, die nicht frei von Fehlern ist, verkennt die Kompliziertheit der Konflikte in der Region. Trotzdem sorgt das türkische Engagement dafür, dass der von den USA und der EU unterstützte israelische Einfluss und die iranischen Machtansprüche einigermaßen abgemildert werden. Die Rolle der Türkei im Nahen Osten ist nicht mehr zu ignorieren.

Der Autor ist deutscher Journalist und stammt aus dem Libanon. Er beschäftigt sich mit Fragen der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung in der arabischen Welt.

Kommentare (35)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Gilgamesh

22.01.2010, 15:45 Uhr

interessante Ausführung.
Meiner Einschätzung nach sind die EU-beitrittschancen der Türkei umso geringer je stärker sich das Land politisch, sozial sowie wirtschaftlich von der EU emanzipiert.
Um keinen Preis wird die Achse Paris-berlin ihre Machtansprüche mit den Neo-Osmanen teilen wollen.

Mehmetalierbil

22.01.2010, 16:17 Uhr

Sehr guter beitrag. Er zeigt deutlich was mit der Türkei passiert, wenn die EU versucht das beste vom Kuchen "Türkei" haben zu wollen, ohne dem Land auch nur eine Chance für den beitritt zu geben. Ständig werden in den Verhandlungen mit der Türkei neue Forderungen von Seiten der EU und seinen Mitgliedsstaaten gestellt. Ständig wird bei jedem Thema die beitrittsfähigkeit der Türkei in Zweifel gezogen. Und nahezu zu jedem Thema was angeführt wird, kann auch ein passendes beispiel aus der EU geliefert werden. Auf einer solchen basis kann nicht verhandelt werden. Die EU hat den Zug verpasst. ich persönlich rechne nicht mehr damit, dass die Türkei in naher Zukunft zur EU gehören möchte und ehrlich gesagt möchte ich es auch nicht. Aber das Gezeter wird gross sein. Eine für Europa wichtige und historische Chance wird vertan. Was hat die EU schon zu verlieren? Was wird sich denn ändern? Es wird sich nichts ändern. Alles wird so bleiben wie es ist und die grosse Flut an Türken (eine oft genannte Sorge) wird garnicht erst eintreten. Die die wissen, dass sie hier keine Chance haben, werden nicht kommen und viele andere, denen es in der Türkei gut geht werden nicht einmal im Traum daran denken hier eine neue Existenz aufzubauen. Es ist einfach nur die Religion und die Kultur, vor der man Angst hat und keiner will dies zugeben. Wer weiss ob es überhaupt Deutschland oder die EU oder die Türkei in 500 Jahren gibt. Keiner. Man sollte sich auf das jetzt und hier konzentrieren.

Peter

22.01.2010, 16:29 Uhr

Die Türkei ist in der Tat sehr geschickt. Schon lange will die Türkei kein EU Mitglied mehr sein, jedoch braucht Sie die EU noch etwas bis Sie die Militärs endlich unter Kontrolle haben.

Mal ehrlich, warum sollte die Türkei in die EU ?
Welche Vorteile gäbe es denn ?

ich sehe keine Vorteile, die EU und der gesamte Westen befinden sich doch im Untergang. Die Zukunft liegt im Osten und das hat die Türkei erkannt.

Respekt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×