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14.06.2013

06:46 Uhr

TV-Kritik

Illner bringt Steinbrück nicht aus der Fassung

VonChristian Bartels

Solo-Aufritt für Peer Steinbrück: Maybritt Illner fühlte dem SPD-Kanzlerkandidaten in ihrer ZDF-Talkshow auf den Zahn. Doch der ließ sich in der zähen Sendung nicht provozieren und zeigte sich am Ende sogar kanzlerhaft.

Peer Steinbrück wehrte sich erfolgreich gegen die Attacken von Maybrit Illner. Jule Roehr/ZDF

Peer Steinbrück wehrte sich erfolgreich gegen die Attacken von Maybrit Illner.

Ganz am Ende ihrer einstündigen Sendung mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück als einzigem Gast zündete Maybrit Illner ein Feuerwerk von schnellen Fragen, die teilweise lustig gemeint waren („Von Bayern München kann die SPD noch viel lernen?“) und über die zumindest sie selbst ins Lachen geriet. In anderen dieser späten Fragen ging es um große Politik, also das, was Steinbrück, falls er Kanzler werden sollte, maßgeblich entscheiden müsste. Ob die Türkei reif für die EU ist und was vom amerikanischen Datenausspäh-Programm PRISM zu halten sei. Dummerweise war zu diesem spannenden Zeitpunkt die Sendung schon fast vorbei. Steinbrück sollte zügig und kurz antworten. Auf die Türkei-Frage gab er nach längerem Schweigen jedoch ausdrücklich „keine kurze Antwort“ – und zeigte sich insofern tatsächlich kanzlerhaft.

Was sich in der vorhergegangen knappen Stunde abgespielt hatte, war ein zähes Gespräch. Moderatorin Maybrit Illner zeigte sich enorm angriffslustig und schien sich zum Ziel gesetzt zu haben, Steinbrück in mindestens eines der Fettnäpfchen zu locken oder drängen, an denen seine Kanzlerkandidaten-Karriere bekanntlich relativ reich ist. Sie hatte eine Menge älterer Zitate Steinbrücks parat („Dazu haben Sie mal den schönen Satz gesagt...“) und stellte überraschende Fragen („Mögen Sie eigentlich 'Zurück in die Zukunft'?“, / „Jetzt wäre Zeit für einen freundlichen Satz zu Claudia Roth“). Zwischendurch wurden Umfrageergebnisse eingeblendet, die für die SPD schlecht aussahen; immer wieder wurde im Studiohintergrund Steinbrücks sorgenvolles Gesicht überlebensgroß eingeblendet.

150 Jahre Sozialdemokratie

1863

Ferdinand Lassalle gründet am 23. Mai den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) in Leipzig.

1869

August Bebel und Wilhelm Liebknecht rufen in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) ins Leben.

1875

Auf einem Einigungsparteitag in Gotha schließen sich die beiden Organisationen zur Sozialistischen Arbeiterpartei zusammen.

1877

Bei der Reichstagswahl erhält die Sozialistische Arbeiterpartei 9,1 Prozent der Stimmen und 12 Sitze im Parlament.

1878

Das „Sozialistengesetz“ unter Reichskanzler Otto von Bismarck verbietet die Partei für zwölf Jahre bis September 1890. Danach wird sie in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) umbenannt.

1891

Auf einem Parteitag in Erfurt gibt sich die SPD ein neues Programm und wird zur Massenpartei – für die Rechte von Arbeitern.

1917

Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) spaltet sich nach innerparteilichem Streit ab.

1918

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November in Berlin die Republik aus. SPD und USPD bilden für kurze Zeit eine Revolutionsregierung.

1919

Nach den Wahlen zur Nationalversammlung wird der Sozialdemokrat Friedrich Ebert Reichspräsident.

1925

Die seit 1922 vereinigte Partei aus SPD und USPD gibt sich auf dem Heidelberger Parteitag ein neues Grundsatzprogramm.

1933

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar endet die Weimarer Republik. Die Sozialdemokraten lehnen am 23. März das Ermächtigungsgesetz ab, im Juni verbietet Hitler die SPD. In der Folge werden zahlreiche Sozialdemokraten verfolgt, ermordet und in Konzentrationslagern eingesperrt.

1946

SPD und KPD werden in der sowjetischen Besatzungszone unter Druck zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) vereint.

1959

Mit dem Godesberger Programm wandelt sich die SPD im Westen von einer Klassen- zu einer pluralistischen Volkspartei.

1966

Zum ersten Mal ist die SPD in der Bundesrepublik an einer Regierung beteiligt: der Großen Koalition mit der CDU/CSU.

1969

Willy Brandt ist Bundeskanzler der SPD/FDP-Koalitionsregierung. Nach seinem Rücktritt wegen der Affäre um den DDR-Spion Günter Guillaume folgt ab 1974 Helmut Schmidt als Kanzler (bis 1982).

1989

In der DDR wird im Oktober die Sozialdemokratische Partei (SDP) in Schwante gegründet. 1990 benennt sie sich in SPD um. Die Partei ist am Übergangskabinett unter Hans Modrow (PDS) beteiligt und nach den Volkskammerwahlen am 18. März in der Regierungskoalition.

1990

West- und Ost-SPD vereinigen sich zu einer gesamtdeutschen SPD.

1998

Dritter SPD-Bundeskanzler wird Gerhard Schröder (bis 2005). Die SPD regiert mit den Grünen. Mit dem Namen Schröder sind auch die umstrittenen Arbeitsmarktreformen der „Agenda 2010“ verbunden.

2005

Vorzeitige Neuwahlen nach einer verlorenen Vertrauensfrage im Bundestag bringen das Ende der rot-grünen Koalition. Es folgt eine schwarz-rote Regierung, Franz Müntefering wird Vize-Kanzler.

2009

Die SPD kommt mit Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier auf nur 23 Prozent der Stimmen und verliert ihre Regierungsbeteiligung.

Der Ausgang dieses Spiels: Steinbrück blieb ruhig und entspannt und machte gute, nur manchmal etwas bärbeißige Miene zum durchschaubaren Spiel. Nachdem er nach den Steuerplänen der Grünen gefragt worden war, dem mutmaßlichen Koalitionspartner der SPD im Falle eines Wahlsiegs, folgte als nächstes Gesprächsthema Steinbrücks „Krisenmanagement“ zu dem Zeitpunkt, als das überhöhte Redehonorar bekannt wurde, das ihm die verschuldeten Bochumer Stadtwerke gezahlt hatten.

Steinbrück beklagte die „unfaire Darstellung“ des Einspielfilmchens, mit dem Illner zu diesem Thema übergeleitet hatte. Deutlich wurde allein eines: 100 Tage vor der Bundestagswahl ist weniges derart gleichgültig wie das Krisenmanagement eines der Kandidaten in einem längst ausdiskutierten und bundespolitisch eher marginalen Fall vom Ende des vergangenen Jahres. Lieber hätte man etwas über Steinbrücks Europa- und Euro-Visionen erfahren, um die es erst in der letzten Viertelstunde ging, oder über seine Haltung zu Bundeswehr-Drohnen.

Kommentare (24)

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birnbaum

14.06.2013, 07:08 Uhr

" ...noch viel mehr Solidariat mit Europa.. "
Er hat schon verloren und weiß es auch.

Pro-Europa

14.06.2013, 07:24 Uhr

@birnbaum

WIR leben nun mal in Europa und in Europa liegt unsere Zukunft. Wenn Sie ein abgekapseltes Land bevorzugen, gehen Sie doch nach Nordkorea oder in den Iran.

Man muss nicht alles gut heißen, was in Brüssel entschieden wird. Aber eins sollte auch klar sein, vieles wird zur Befriedigung der vielen in Brüssel sitzenden Lobbyisten entschieden und die Politik dazu kommt in großem Stil aus Deutschland.

Im Klartext heißt das, dass in Brüssel deutsche Politik auf europäischer Ebene fortgesetzt wird. Solange Oettinger und Co nach Brüssel als Expats entsendet werden, wird sich nicht viel ändern.

Account gelöscht!

14.06.2013, 07:32 Uhr


Die Talkshow als "zäh" zu bezeichnen ist eher nch geschmeichelt, beweist aber, dass Peer Steinbrück sehr darauf bedacht warsich unter Kontrolle zu halten.

Als Kanzler halte ich ihn für ungeeignet, wenn ich mir internationale Auftritte vorstelle; als Finanzminister könnte ich mir Herrn P€€r Steinbrück in einer großen Koalition hingegen vorstellen.

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