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01.11.2013

07:40 Uhr

TV-Kritik zu Maybrit Illner

Spionage sollte weniger sexy werden

VonChristian Bartels

Risikomanager-Versagen, ein Entwicklungs-Quantensprung, und ein guter Bosbach-Spruch: Bei Maybrit Illner diskutierte eine große Koalition aus alten und neuen Datenschutz-Anhängern über die NSA-Affäre.

Big brother is watching you: Zu den Folgen der NSA-Abhöraffäre dürften den deutschen Fernsehzuschauern in diesem Jahr noch etliche TV-Diskussionen bevorstehen. ap

Big brother is watching you: Zu den Folgen der NSA-Abhöraffäre dürften den deutschen Fernsehzuschauern in diesem Jahr noch etliche TV-Diskussionen bevorstehen.

Düsseldorf/BerlinAlle reden über die Ausspähskandal, insofern tun es die Talkshows umso mehr. Maybrit Illner setzte am Donnerstagabend ziemlich genau fort, was am Sonntag bei Günther Jauch diskutiert worden war. CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach, der dort relativ gute Figur gemacht hatte, saß wiederum im Studio und blieb auch seinem Modus inhaltlich vager, dafür dezidiert vorgetragener Empörung über die "Komplettausspähung der Bevölkerung" treu. Zunächst erläuterte er lang und breit, warum auch er nicht glaubt, dass Barack Obama von der Merkel-Ausspähung nichts gewusst habe.

Für entschiedenere Schritte als Delegationen in die und Fragekataloge an die USA zu senden sowie internationale Abkommen "in Frage" zu stellen, nicht aber zu kündigen, plädierte Bosbach nicht. Dass er vor allem deshalb derzeit in Talkshows gastiert, weil sich andere Unions-Vertreter wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich mit früheren Fehleinschätzungen "gehörig blamiert" (Illner) hatten, wurde ihm wiederholt unter die Nase gerieben.

Die Moderatorin war kampfeslustig. Warum die vermeintlichen Freunde Deutschland "wie einen Schurkenstaat" behandeln, lautete eine ihrer Fragen. "Digitale Besatzungsmacht - müssen wir uns nun vor den USA schützen?" war die Sendung überschrieben. Der Amerikaner im Studo ließ freilich solche Anwürfe an sich abperlen.

Wo die NSA im Ausland spioniert hat

Frankreich

Für Empörung sorgt diese Woche ein Bericht der französischen Tageszeitung „Le Monde“, wonach die NSA allein innerhalb eines Monats – zwischen dem 10. Dezember 2012 und dem 8. Januar 2013 – 70,3 Millionen Telefonverbindungen in Frankreich überwachte. Bereits Anfang Juli hatte der britische „Guardian“ berichtet, der Geheimdienst habe unter anderem Frankreichs diplomatischen Vertretungen in Washington und bei den Vereinten Nationen in New York ausgespäht. Im September berichtete der „Spiegel“ auch von Spähangriffen gegen das französische Außenministerium in Paris.

USA

Die „Washington Post“ und der „Guardian“ berichten Anfang Juni, die NSA und die US-Bundespolizei FBI würden auf Serverdaten der großen Internetkonzerne wie Yahoo, Facebook, Google und Microsoft zugreifen. Der Name des geheimen Überwachungsprogramms: Prism.

Großbritannien

Der „Guardian“ berichtet Mitte Juni unter Berufung auf die Snowden-Dokumente, der britische Geheimdienst habe vor vier Jahren Delegierte von zwei in London stattfindenden G-20-Treffen ausgespäht. Ziele waren demnach die Delegationen Südafrikas und der Türkei. Die NSA soll bei der Gelegenheit versucht haben, ein Satelliten-Telefongespräch des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew nach Moskau abzuhören.

EU und Uno

In seiner Ausgabe vom 1. Juli berichtet der „Spiegel“, die NSA habe in EU-Vertretungen in Washington, New York und Brüssel unter anderem Wanzen installiert. Auch sollen interne Computernetzwerke infiltriert worden sein. Ende August berichtet der „Spiegel“, die NSA habe auch die Zentrale der Vereinten Nationen in New York ausspioniert. Dem Geheimdienst gelang es demnach, in die interne Videokonferenzanlage der Uno einzudringen.

Brasilien

Der brasilianische Sender „Globo“ berichtet Anfang September, die NSA habe Telefonate und Internetkommunikation von Staatschefin Dilma Rousseff und ihren Mitarbeitern überwacht. Auch Unternehmen wie der Ölkonzern Petrobras und Millionen brasilianischer Bürger sollen ausgespäht worden sein. Verärgert verschiebt Rousseff einen für Oktober geplanten Staatsbesuch in den USA auf unbestimmte Zeit.

Mexiko

Der „Spiegel“ berichtet diese Woche, schon 2010 sei es einer NSA-Spezialabteilung gelungen, in das E-Mail-Konto des damaligen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón einzudringen. Calderóns Nachfolger Enrique Peña Nieto forderte Anfang September Erklärungen von den USA, nachdem Globo berichtet hatte, die NSA habe ihn während des Wahlkampfs 2012 ausgespäht.

China

In einem Interview mit der Zeitung „South China Morning Post“ aus Hongkong gibt Snowden an, die NSA hätten chinesische Mobilfunk-Konzerne gehackt und Millionen von SMS ausgespäht. Demnach verübte die NSA auch Cyber-Attacken auf die Tsinghua-Universität in Peking. Dort sind sechs zentrale Netzwerk-Schaltstellen untergebracht, über die Chinas gesamter Internetverkehr läuft.

Fred Irwin, Ehrenpräsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, sprach mit unverkennbarem Akzent und breitem Lächeln davon, dass es ja "in jeder Familie mal Streit" gäbe und nun eben "Lösungen und neue Regeln" für die Zukunft gefunden werden müssten. Von der Rolle des Zerknirschten, die bei Jauch Ex-Botschafter John Kornblum gegeben hatte, unterschied sich Irwin deutlich.

Immerhin gleich zwei Vertreter einer Institution saßen dabei, die unter der künftigen Großen Koalition keine große Rolle spielen wird: der Opposition. Der Grüne Jürgen Trittin tauschte mehrfach sein Einvernehmen mit Bosbach aus, so als würden auch die beiden gerne koalieren.

Marina Weisband, die zeitweilige Galionsfigur der Piratenpartei (die vielleicht ein besseres Wahlergebnis erzielt hätte, wenn das Ausmaß des NSA-Skandals früher bekannt geworden wäre), schien verinnerlicht zu haben, dass in Talkshows nicht unbedingt der höchste Redeanteil den besten Eindruck macht. Einer ihrer wenigen und zwar klugen, tagesaktuell aber nur bedingt hilfreichen Sätze lautete, dass die Menschheit am besten zur Einsicht kommen sollte, nicht alles zu tun, was sie tun könnte.

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Die Runde komplettierten zwei auch derzeit amerikafreundliche Deutsche: Anton F. Börner, Präsident des Deutschen Groß- und Außenhandels, und Wolfgang Ischinger, von 2001 bis 2006 Botschafter in Washington und derzeit Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz.

Die beiden sprachen mitunter langsamer, als es Illner lieb war, trugen aber pragmatische Ansichten bei. "Immer wenn Bedrohungsszenarien bewusst werden, passiert ein Quantensprung der Entwicklung", zeigte sich Börner optimistisch, dass die Abhängigkeit von amerikanischen Internet-Infrastrukturen zurückgehen könnte. Ansonsten war er schon wegen der Millionen Arbeitsplätze, die an der deutsch-amerikanischen Beziehung hängen, dafür, den Konflikt "runterzukochen".

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