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30.04.2012

14:19 Uhr

Ukraine

Der Fall Timoschenko ist ein Eigentor

VonOliver Bilger

Auch im Ausland sorgt die umstrittene Haft der ukrainischen Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko für viel Kritik. Rufe nach einem Boykott der Fußball-Europameisterschaft werden lauter - doch das wäre der falsche Weg.

Das Urteil gegen Julia Timoschenko gilt als politisch motiviert. dpa

Das Urteil gegen Julia Timoschenko gilt als politisch motiviert.

MoskauIn der Ukraine war von deutschen Geschäftsleuten bis vor kurzem folgende Meinung zu hören: Für den Co-Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft ist das Turnier bereits ein Erfolg, wenn das Land nicht negativ in die Schlagzeilen gerät. Das ist vorbei. Die öffentliche Wahrnehmung könnte wenige Wochen vor dem Anpfiff kaum schlechter sein.

Die Gründe dafür sind die umstrittene Haft der ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko, die Misshandlungen im Gefängnis und ihr Hungerstreik. Dass Bundespräsident Joachim Gauck deshalb seine Reise nach Jalta absagt, lenkt die Aufmerksamkeit auf das Land und damit auf seinen Präsidenten. Das Urteil gegen Timoschenko gilt als politisch motiviert: Präsident Viktor Janukowitsch will seine politische Gegnerin ausschalten. Doch mit dieser persönlichen Rivalität destabilisiert er das Land.

Die Europäische Union stellt nun das angestrebte Assoziierungsabkommen infrage, selbst aus Russland kommt Kritik am Nachbarn. Tatsächlich: Janukowitsch treibt sein Land in die Isolation und ist für den Imageschaden der Ukraine verantwortlich. Der Fall Timoschenko ist ein Eigentor.

Das Abkommen mit Brüssel soll das Land endlich näher an die Europäische Union heranführen. Mit immerhin 46 Millionen Einwohnern ist die Ukraine ein hochinteressanter Markt für westliche Unternehmen. Wer vor Ort Geschäfte macht, spricht zwar mitunter von einem schwierigen Umfeld, kann aber doch gute Umsätze erzielen. Zurückhaltend aber ist die Wirtschaft noch bei neuen Investitionen. Eine erfolgreiche „Euro 2012“ könnte das schlagartig ändern. Denn die Europameisterschaft ist mehr als Sport. Im Idealfall kann sie die wirtschaftliche Entwicklung positiv beeinflussen - und fast von selbst einen Modernisierungsschub einleiten.

Deshalb sind die Forderungen, das Turnier zu boykottieren, falsch. Es ist von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu kurz gedacht, jetzt ihren Ministern zu empfehlen, dem Fußballturnier fernzubleiben, sollte Timoschenko weiter in Haft bleiben. Ein Boykott würde aber vor allem Sportler, Fußballfans und Bürger treffen - die überhaupt nichts mit dem Fall Timoschenko zu tun haben. Stattdessen sollte die Europameisterschaft dazu genutzt werden, die breite Aufmerksamkeit auf die krassen Missstände zu lenken. Der politische Druck muss sich gegen die Führung des Landes richten, nicht gegen seine Bürger.

Präsident Janukowitsch muss jetzt einlenken. Die Behandlung Timoschenkos in Deutschland wäre ein Weg in die richtige Richtung. Nur wenn es eine Lösung vor dem Anpfiff gibt, kann die Europameisterschaft das schlechte Image der Ukraine bessern helfen.

Kommentare (12)

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MikeM

30.04.2012, 14:46 Uhr

Angesichts des Hypes um diese EX-Ministerpräsidentin kann ich nnur den Kopf schütteln. Sie wurde wegen Korruption und Steuerhinterziehung zu ein paar Jahren Haft verurteilt. Warum setzt sich niemend objektiv mit der Verurteilung und dem Strafmaß nach urainischem Recht auseinander? Mir erscheint die Strafe nicht sonderlich hart. Man vergleiche den Fall Chodorkowski in Russland. Da sagt niemand etwas. Wird Timoschenko schlechter behandelt als andere Insassen in ukrainischen Gefängnissen? Ich denke nicht. Sicherlich ist der Fall politisch aufgebauscht, aber von uns!

Objektiv

30.04.2012, 15:05 Uhr

Mike M hat Recht ! Sollen die deutschen Politiker die Spiele
meiden (keiner wird sie vermissen) und sich um die Mißstände
in unserem Land kümmern. Das ist zwar nicht so öffentlich
wirksam, aber dringend notwendig !

H.Koerner

30.04.2012, 15:12 Uhr

Die Berichterstattung über den "Fall" Timoschenko ist ebenso hysterisch wie inhaltlich fragwürdig. Für das, was sich Frau Timoschenko an Vorteilsnahmen im Amt geleistet hat, würde sie in den USA mehrfach lebenslänglich bekommen. Der (bis jetzt nicht bewiesene) Auftragsmord an einem kritischen Prlamentarier noch gar nich eingerechnet.
Ich wünsche mir. daß die ukrainische Justiz weiter unabhängig handelt und sich nicht von den Politheuchlern in Deutschland beeinflussen lassen, deren niedrige Motive jederman klar sind, der die Farce von "orangener Revolution" von Gnaden der CIA aufmerksam verfolgt hat.

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