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10.01.2005

11:43 Uhr

Die Kanzlerkandidatur der Angela Merkel, das wird man möglicherweise im Laufe des Jahres feststellen, ist im Bermuda-Dreieck zwischen Kreuth, Kiel und Düsseldorf verloren gegangen. Fest steht schon jetzt: Die Union geht ramponiert und leckgeschlagen in das wichtige Vorwahljahr 2005, in dem zwei Landtagswahlen für die CDU-Chefin zu Quasi-Primaries werden.

Obwohl die CDU in Schleswig-Holstein und in Nordrhein- Westfalen zwei schwache Kandidaten ins Rennen schickt, werden Niederlagen in erster Linie nicht ihnen, sondern vor allem der Parteichefin, der noch inoffiziellen Kanzlerkandidatin der Union, angekreidet. Und die Chancen, dass beide Wahlergebnisse die Union in die Depression schicken, sind groß.

So sind die Landtagswahlen in Kiel, wo am vergangenen Wochenende offiziell der Wahlkampf ausgebrochen ist, schon deshalb echte Testwahlen für Merkel, weil die Umstände verblüffend denen im Bund ähneln. Von hohen Umfragewerten sinkt die Partei stetig nach unten. Umstritten ist die Parteiführung hier wie dort – und das Vertrauen in die Spitzenkandidaten ist in Berlin so schütter ausgeprägt wie in Kiel.

Die törichten Ausfälle von CSU-Landesgruppenchef Glos gegen die CDU-Chefin vor und während der CSU-Klausur sind symptomatisch für den Zustand der Konservativen. Profilierungssucht ersetzt politisches Kalkül, rumpelndes Konkurrenzverhalten desavouiert alle Beschwörungen von Geschlossenheit.

Nein, die CSU wollte mit ihrem fatalen Saisonauftakt keine neue K-Frage stellen, sie wollte Merkel nicht vom Kandidaten-Podest stoßen, um Platz für ihren Edmund Stoiber zu schaffen. Doch der neurotische Kreuther Geist, der so aberwitzig wie berechenbar jedes Jahr über die Weiß-Blauen kommt, sprach aus, was nicht nur fast alle in der CSU, sondern auch in der CDU umtreibt: die Befürchtung, mit Merkel in ein erneutes Wahldesaster zu schlittern, die Angst, dass nach 16 fetten Kohl Jahren 12 magere Merkel-Jahre folgen. Angst zerrüttet Loyalitäten.

Das fehlende Zutrauen, diese bislang nur verschämt geäußerte Misstrauenserklärung sind weitaus fataler für die Partei als eine offene Infragestellung Merkels. Die Motivation der Partei schwindet, die Kluft zwischen einer Merkel in nur noch gehemmter Aufbruchstimmung und einer zu großen Teilen bewegungsunfähigen, verklemmt konservativen Basis wird größer.

Viele in der CDU werden es bald lauter als in den jüngsten Tagen aussprechen: Das wagemutige Experiment, die noch immer katholisch und rheinisch geprägte, nicht immer liberale und schon gar nicht mutig progressive Partei einer protestantischen Pfarrerstochter aus dem Osten anzuvertrauen, droht zu scheitern.

Der Parteispitze selbst ist klarer als früher, dass es sich tatsächlich um ein höchst waghalsiges Experiment handelt. Blüm, Seehofer, Arentz, Merz und auch Meyer sind dabei bereits auf der Strecke geblieben. Rühmte sich die Union vor gar nicht so langer Zeit noch der Troika „Merkel, Merz, Meyer“, die für Modernisierung und Aufbruch stehe, muss sich Merkel jetzt allein, allenfalls von einer Ersatzbank-Truppe unterstützt, der Angriffe der Kurfürsten erwehren. Schlimmer noch: Das Prestigeprojekt Gesundheitsreform droht ihr den letzten Rest an Loyalität der Basis zu entziehen.

Kaum auszudenken, was Merkel Ende Mai nach zwei Niederlagen in Folge blüht. Das werden verspätete Ideen des März sein. Die Kandidatenfrage würde schon nach verlorenen Wahlen in Kiel schwären und im Mai, nach einer Niederlage an Rhein und Ruhr, ausbrechen. Dann böte sich Roland Koch die einzige Chance, doch noch die Kandidatur an sich zu reißen. Denn für 2010 rüsten sich längst andere, beliebtere Kur- und Kleinfürsten der Union. Aus Wiesbaden, keineswegs aus München droht Merkel Gefahr.

In dieser Atmosphäre schwindender Siegeszuversicht hatte es etwas zutiefst Beschämendes, mit welch jauchzenden Hosianna-Rufen eine zermürbte Parteiführung auf beiden Klausuren den französischen Konservativenchef Nicolas Sarkozy empfing. Man wähnte der Kür eines neuen Hoffnungsträgers beizuwohnen, so schwelgten sie über den konservativen Kollegen von der anderen Rheinseite. Das waren entlarvende Momente: Keinem Politiker der Union würde Parteispitze oder Basis solche ernst gemeinten Huldigungen spenden. Weit und breit gibt es keine Figur, die über Format und breite Zustimmung und Loyalität von der Spitze bis zur Basis verfügt. So muss die Union mit einer gebrochenen Führung in den Ring steigen.

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