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30.09.2012

15:56 Uhr

Unternehmensverfassung

Managern fehlt es an Einsicht

VonDieter Fockenbrock

Der Unternehmenskodex soll erneut erneuert werden. Doch es fehlt nicht an neuen Regeln, Gesetzen oder Verordnungen, sondern an der Einsicht des deutschen Top-Managements.

Der Deutsche Corporate Governance Kodex soll reformiert werden. picture-alliance

Der Deutsche Corporate Governance Kodex soll reformiert werden.

Kann man im Alter von zehn Jahren schon so gesetzt sein, dass der Ruf nach Deregulierung so dringlich wird? Man kann! Jedenfalls geht es dem deutschen Corporate Governance Kodex an den Kragen. Zehn Jahre nach der – für Deutschland revolutionären – Reform der Unternehmensverfassung soll wieder reformiert werden.

Weniger ist mehr, lautet die Parole. Die Manager in den Unternehmen ersticken in Regularien. So quälen sie sich nicht nur mit dem Kodex herum, sondern mit Dutzenden Gesetzen und Verordnungen. Die Öffnung Deutschlands für die Weltmärkte, vor allem die Reform des Finanzmarkts, fordert ihren Tribut. Bilanzierung, Haftung, Transparenz und Übernahmen sind in Hunderten Paragrafen geregelt.

Auch die Damen und Herren Theoretiker befinden, jetzt sei es zu viel. Massive Kritik war gerade wieder auf dem Juristentag in München zu hören. Selbst diejenigen, die es gut meinen mit dem Kodex, dem freiwilligen Regelwerk für gute und transparente Unternehmensführung, stimmen sich auf eine Reform ein.

Kritik entzündet sich an folgenden Punkten: zu viele Vorschriften, mangelnde Legitimation der Regulierer, unklare rechtliche Lage. Unterm Strich bleibt allerdings die Erkenntnis: „Weniger ist mehr“ sollte auch das Motto der selbst ernannten Reformer sein.

Punkt eins: Etwa 100 Empfehlungen und Anregungen gibt der deutsche Kodex. Das ist genauso umfangreich wie der als Vorbild genannte Corporate Governance Code des Londoner Financial Reporting Council. Das muss nicht unbedingt der Maßstab sein. Aber die Debatte, ob der deutsche Kodex auch Gesetze wiederholen muss oder, anders gesagt, ob er sich das nicht schenken könnte, ist etwas für Feinschmecker. Das Aktienrecht in seiner Reinform verstehen ohnehin nur Juristen. Da kann es nicht schaden, wenn der Kodex einmal aufschreibt, was der Gesetzgeber gemeint haben könnte.

Punkt zwei: Die Kodex-Kommission wird von der Bundesjustizministerin ernannt. Neuerliche Debatten über repräsentativere Verfahren kommen um Jahre zu spät. Die Wirtschaft und ihre Verbände haben die Chance verpasst, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen. Wer die Freiheit der Unternehmen in freien Märkten proklamiert, der hätte auch die Konsequenzen für eine notwendige Selbstregulierung ziehen müssen. Diese Lücke hat der Staat erkannt – und selbst besetzt. Das Thema ist durch.

Punkt drei: Die Einhaltung des Kodexes ist freiwillig. Am Kapitalmarkt orientierte Unternehmen werden per Aktiengesetz nur gezwungen, einmal im Jahr zu erklären, welche Regeln sie befolgen. Die Kritik an diesem Comply-or-explain-Verfahren lautet: Wer Kodex-Vorgaben ignoriert, muss keine rechtlichen Konsequenzen fürchten. Das ist richtig. Aber die Frage ist falsch. Selbstregulierung zeichnet sich nun einmal dadurch aus, dass sie gar nicht justiziabel sein will. Wie wollen wir den Vorstand eines Dax-Konzerns belangen, der sich strikt weigert, Frauen oder Ausländer ins Management aufzunehmen – so wie der Kodex das empfiehlt? Es reicht doch, wenn sich die Verweigerer mit ihrer Haltung blamieren und wenn sich Investoren zurückziehen, weil sie den Old Boys nichts zutrauen.

Ein Großteil der Kritiker hat offensichtlich vergessen, worum es eigentlich geht: um gutes Benehmen in Deutschlands Top-Management. Da ließe sich noch einiges verbessern. Das erreichen wir wohl kaum mit einem gestutzten Kodex-Katalog, demokratischen Kommissionswahlen oder Knöllchen von der Finanzaufsicht Bafin. Es fehlt eher an Überzeugung und Einsicht.

Kommentare (1)

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hermann.12

01.10.2012, 13:42 Uhr

Die Forderung nach mehr Einsicht beweist nur ein grundsätzliches Missverständnis der Realitäten insbesondere der Realitäten in einer Marktwirtschaft.
In keiner Gesellschaft ist Vernunft und Einsicht der Maßstab, der am Ende die Spielregeln bestimmt. Ausnahmen gibt es nur nach Katastrophen wie dem II. Weltkrieg, bei dem nach dem die meisten Besitzstände neu verteilt werden können.
Ansonsten werden die Spielregeln nach Eigeninteresse, der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppieren je nach Macht bestimmt.
Und ausgerechnet von starken Persönlichkeiten, die besonders durch Behauptung in rücksichtslosen Konkurrenzsituationen geprägt wurden, Vernunft" zu fordern ist genauso als ob man von einer Mücke fordert nicht zu stechen.
wer sich also über mangelnde Vernunft wundert, hat im Prinzip die Realität nicht begriffen.
Deshalb gibt es auch keine Abhilfe, weil die wenigen Möglichkeiten Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen völlig andere Vorgehensweisen benötigen.
Vernunft vorauszusetzen ist sowohl das naive Menetekel unserer Gesellschaft, ebenso wie der glaube von Führungskräften in Politik und Wirtschaft, das sie selbst vernünftig handeln würden. Letzteres basiert meistens auf einer masslosen Selbstüberschätzung des realen persönlichen Einflusses.
Uns solange das so ist, ist es ausgeschlossen, das sich irgendwas zum besseren wendet.

H.

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