Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.01.2007

05:28 Uhr

US-Autoindustrie

In Agonie

VonMatthias Eberle

Die rauschende Party hat begonnen, die Karossen sind auf Hochglanz poliert, die Manager der US-Automobilindustrie präsentieren sich in auffallend guter Laune. Wenigstens für ein paar Tage will das immer stärker dem Siechtum anheim fallende amerikanische Automekka Detroit vergessen lassen, dass zum 100. Geburtstag der Motorshow lauter denn je die Totenglocken läuten.

Zwar regiert der Blues im US-Bundesstaat Michigan, der im Zuge der Autokrise schier unablässig Einwohner verliert, schon seit vielen Jahren. Selten aber war die Lage so aussichtslos wie zu Jahresbeginn 2007. Detroit, die Heimat von General Motors, Ford und Chrysler, hat im harten internationalen Wettbewerb seine Konkurrenzfähigkeit eingebüßt. Auf dem weltgrößten Automobilmarkt USA setzen asiatische und deutsche Fabrikate ihren Vormarsch fort. Die japanischen Konkurrenten, allen voran Toyota, sind längst auf der Überholspur auf und davon. General Motors und Co. können kaum noch deren Rücklichter sehen. Als Vorboten dieser Entwicklung verlassen immer mehr Arbeiter die krisengeplagten US-Autokonzerne. Zehntausende sind an den Fließbändern der Ikonen General Motors und Ford frisch verabschiedet. Und Chrysler wird bald nach der Messe nachziehen. Als Folge schockierend hoher Verluste wird die Tochter des Daimler-Konzerns die nächste Sparrunde bekannt geben, Fabrikschließungen und erneuter Personalabbau inklusive. Einige der frustrierten Arbeitnehmer werden im Süden der Vereinigten Staaten einen Neuanfang wagen. Dort, wo die erfolgreichen japanischen Hersteller immer neue Autofabriken bauen.

Die Motorshow in Detroit darf natürlich kein Platz für Tristesse sein. Hier predigen die Automanager Optimismus, beschwören die Wende und singen Loblieder auf ihre neuen Modelle. Sie präsentieren Elektromotoren und Hybridantriebe, um mit einiger Verspätung die „grüne Welle“ zu bedienen. Mit futuristischen Konzeptstudien stellen sie unter Beweis, dass man auch in Detroit tolle Autos bauen kann. Wenn sie sich denn nur rechnen würden. Die Realität ist nämlich: In Detroit rechnet sich fast nichts mehr. Allein Ford wird in den kommenden beiden Jahren rund 17 Milliarden Dollar an flüssigen Mitteln verbrennen und hat zur Finanzierung dieser Misere fast alle Vermögenswerte bis hin zum traditionsreichen blauen Firmenlogo beleihen lassen. Der wankende Weltmarktführer General Motors setzte mit Verlusten von mehr als zehn Milliarden Dollar bereits 2005 eine negative Rekordmarke und verliert trotz operativer Verbesserungen weiter gravierende Marktanteile an die ausländische Konkurrenz.

Der jüngste Milliardenverlust des Dritten im Bunde, Chrysler, erhebt die Firmenleiden rund um Detroit zur Strukturkrise. Man sehe zurzeit keine Möglichkeit, in den USA kleinere Personenwagen profitabel zu produzieren, heißt es achselzuckend bei Daimler-Chrysler. Weil der Trend angesichts hoher Benzinpreise genau in diese Richtung dreht, also zu kleineren und sparsamen Modellen, schreibt die Mehrheit der Autoexperten den Niedergang der US-Hersteller bereits für 2007 fort. Die Skepsis ist begründet, denn überzeugende Ansätze für eine Auferstehung sucht die Branche in Detroit vergebens. Zwar hat die ratlose Ford-Familie mit dem langjährigen Boeing-Manager Alan Mulally erstmals einen Branchenfremden an das Regiepult gestellt. Doch das Konzept des erfahrenen Flugzeugexperten ist der Automobilbranche nur zu vertraut: Fabriken schließen, Personal reduzieren, Markenportfolio straffen.

Detroit benötigt aber nicht nur Sanierer, sondern viel dringender mutige Visionäre und Marketingfachleute, die mit neuen Rezepten gegen den chronischen Kundenschwund überraschen könnten. Die meisten Autos der amerikanischen Hersteller mögen robust und zuverlässig sein. Doch was ihnen fehlt, sind der Sexappeal eines Porsche, der Marketingzauber von Trendsettern wie Apple und letztlich die Fähigkeit, so viele Emotionen beim Kunden zu wecken, dass er vor lauter Begeisterung darüber den Preis vergisst. Wenn GM, Ford und Chrysler immerfort nur an der Kostenschraube drehen, wird Detroit den globalen Wettbewerb verlieren. Endgültig.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×