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06.01.2008

15:13 Uhr

Hillary Clintons Bauchlandung in Iowa ist mehr als nur eine unerfreuliche Auftaktschlappe in einem kleinen US-Bundesstaat mit einem etwas obskuren Wahlsystem. Ihr enttäuschendes Abschneiden signalisiert vielmehr, dass die Senatorin aus New York möglicherweise all das nicht ist, was sie so gerne wäre: die Verkörperung eines neuen Aufbruchs, die Hoffnung auf ein geeintes Amerika und die Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Denn zumindest die Projektionen dieser Wünsche werden mit anderen Namen verbunden. Vor allem mit dem von Barack Obama, aber auch mit jenem von John Edwards. Hillary Clinton hat nur 29 Prozent der demokratischen Wähler in Iowa hinter sich bringen können. Das heißt: Sie hatte über 70 Prozent gegen sich. Deshalb hat es dieses erste Vorwahlergebnis – auch wenn morgen in New Hampshire schon das nächste folgt – so sehr in sich: weil es einen Trend beschreiben könnte. Was die 60-jährige Hillary belastet, ist ihre Vergangenheit. Zwar kann ihre große Kenntnis des Washingtoner Politikbetriebs enorm wichtig für die Führung des Präsidentenamts sein. Doch gegenüber einem Kandidaten mit frischem Appeal verliert das Argument der Erfahrung erheblich an Strahlkraft. Denn wonach sich viele Amerikaner nach den ideologisch aufgeladenen Jahren des George W. Bush vor allem sehnen, ist nicht einfach nur der Wechsel von einem Establishment zum anderen. Es ist ein neuer Aufbruch. Dass die Bürger der USA zudem gerne bereit sind, einem Newcomer eine Chance zu geben, haben sie bereits mehrfach bewiesen. Dies galt für John F. Kennedy genauso wie für Jimmy Carter oder George W. Bush. Mit dem Pfund der Erfahrung zu wuchern muss sich in Amerika also nicht immer auszahlen. Tatsächlich kann es geradewegs in die falsche Richtung führen. Vor allem, wenn die Wähler Alternativen haben – wie nun mit Barack Obama. In Iowa hat Hillary Clinton aber nicht nur gegen einen charismatischen jungen Aufsteiger verloren. Bei ihren Auftritten vor den bodenständigen Farmern war die Senatorin selten authentisch. Ihr Image ist inzwischen so überladen mit den verschiedensten Assoziationen, dass ihr eigentliches Ich kaum noch zu erkennen ist. Sie ist kenntnisreiche Senatorin, elegante ehemalige First Lady, streitbare Kämpferin für die Reform des Gesundheitswesens. Aber sie ist auch: öffentlich entehrte Ehefrau, die selbst größte Entwürdigungen dem großen politischen Ziel unterordnet, machtvolle Strategien, die ihre Truppen eng an der Leine hält, und leider auch viel zu oft beratungsresistente Besserwisserin. Ein jüngstes Beispiel: Als ihre Berater wenige Wochen vor der Vorwahl in Iowa erkannten, dass sich ihre mangelnde Herzlichkeit zu einem gravierenden Nachteil entwickeln könnte, reagierte die Kandidatin wie immer: Sie suchte für das Problem nach einer taktischen Lösung, nicht nach einer authentischen. Sie ließ eine Wahlwerbung schalten, in der ein Weichzeichner sie wie eine 30-Jährige aussehen ließ. Ihre Stimme wurde so modelliert, dass sie einen nahezu samtenen Klang bekam. Doch die Inszenierung missglückte, weil sie durchschaut wurde. Jene Hillary, die so gezeigt wurde, hatte mit der eigentlichen Hillary Rodham Clinton wenig zu tun. Die andere Hillary aber redet gerne von der Hexenjagd, die die Republikaner bis heute immer wieder gegen sie und ihren Mann Bill veranstalteten. Von den konspirativen Machenschaften der Rechten, von den Schlägen unter die Gürtellinie. Mehrfach hat sie im Wahlkampf an die Narben erinnert, die sie dadurch erlitten hat. Das bringt ihr Respekt ein; aber gleichzeitig hält es das Wahlvolk auch auf Abstand. Denn die amerikanische Konsensgesellschaft kann sich wenig begeistern für eine Neuauflage der Grabenkämpfe aus der Clinton-Ära in den 90ern. Barack Obama, der mit der Botschaft von Hoffnung und Wandel hausieren geht, hat da leichtes Spiel. Nach nur drei Jahren in Washington kann der Jung-Senator poetisch von Versöhnung reden, ohne schon von der Realität widerlegt worden zu sein. Und wer will, der kann ihm seine guten Absichten glauben. Hillary aber müsste die Menschen davon überzeugen, dass der Name Clinton heute für mehr steht als eine Wiederholung der Vergangenheit. Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr.

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